Dr. Fausta

20.09.2007
Darauf muss man kommen. Das muss man sich zutrauen. Dieses Wagnis werden nicht viele deutsche Autorinnen oder gar Autoren eingehen. Doch Eva Gesine Baur, eine der gebildetsten, belesensten und auf die Welt der Künste neugierigsten Frauen, die hierzulande Bücher veröffentlichen, hat die Chuzpe, die es braucht: Unter ihrem Belletristik-Pseudonym Lea Singer legt die mehrfach promovierte Autorin, der wir Sachbücher zu Schillers und Mozarts Gattinnen, aber auch Romane (zuletzt "Vier Farben der Treue") verdanken, nunmehr die Geschichte eines weiblichen Faust vor, unter dem schillernden Titel "Mandelkern".
Mandelkern ist eine Reminiszenz an eines der berühmtesten Weihnachtsgedichte der deutschen Literatur: Theodor Storms "Von draus vom Walde komm' ich her", wo es in einer Zeile heißt: "Denn Äpfel, Nuss und Mandelkern/Essen fromme Kinder gern." Aber Mandelkerne, griechisch "Amygdala", sind auch Elemente unseres Nervensystems. Sie sortieren alles, was an Informationen in unser "Nervenkostüm" eingeht, und entscheiden darüber, welche von ihnen es bis in den Langzeitspeicher schaffen. Sie regulieren also unseren Gefühlshaushalt.

Aufarbeitung der eigenen, tief religiös und kleinbürgerlich-genügsam verlaufenen Kindheit so wie der neurowissenschaftliche Umgang mit den Gefühlen - das sind denn auch die beiden großen Themen dieses Romans um eine weibliche "Fausta", der uns auf eine Achterbahn der unterdrückten, aber auch der ausgelebten Emotionen mitnimmt.

Grace Eder, so heißt der weibliche Faust, lebt als erfolgreiche Neurowissenschaftlerin in München. Bei der Suche nach dem, was die Welt und den Menschen im Innersten zusammenhält, hat sie es, ähnlich wie der mittelalterliche und von Goethe unsterblich gemachte Dr. Faust, erheblich weit gebracht. Erfolg und Ansehen sind nicht ausgeblieben. Aber mit der Liebe, mit den eigenen Gefühlen hapert es.

Zu Beginn des Romans erleben wir - zwar nicht, wie bei Goethe am Ostermorgen, sondern am Heiligen Abend - eine zutiefst verzweifelte Grace, die drauf und dran ist, sich das Leben zu nehmen. Doch dann tritt ein ebenfalls weiblicher Mephisto (Lucie geheißen) in dasselbe und bald schon beginnt jene Jagd nach Liebe, die auch hier ein unschuldiges, weltscheues Leben in den Abgrund reißt, auch wenn Lea Singers Grethchen männlich ist und Friedrich heißt ...

Bis in die Nebenrollen des Valentin und der Marthe Schwerdtlein hinein hat Lea Singer, unter geschlechtlichem Rollentausch, den goetheschen "Faust I" paraphrasiert. Doch ist kein gelehrtes Buch dabei herausgekommen (so viel man auch über Neurologie darin lernen kann), sondern ein packender, spannender Roman aus unserer Gegenwart, in der mehr und mehr auch für Frauen gilt: Karriere ist alles. Grace Eder genügt dem Karrierewahn, aber irgendwann genügt ihr die Karriere nicht mehr. Wie sie versucht, ihrem Leben einen anderen Sinn zu geben, beschreibt in leuchtenden, manchmal etwas plakativen Farben dieses Buch. Das ist originell, streckenweise witzig und zeugt von großer menschlicher Klugheit.

Rezensiert von Tilman Krause

Lea Singer: Mandelkern
Hoffmann& Campe 2007
336 Seiten, 19.95 Euro