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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.08.2010

Dostojewski lässt grüßen

Emmanuel Bove: "Schuld", Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2010. 128 Seiten

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Fjodor Dostojewski (Aufbau Verlag)
Fjodor Dostojewski (Aufbau Verlag)

Jahrzehnte nach seinem Tod erscheint in Deutschland eine düstere Erzählung des französischen Schriftstellers Emmanuel Bove. Der Held in "Schuld" ist ein Außenseiter, nahe am Wahnsinn - so wie Raskolnikow in Dostojewskis "Schuld und Sühne".

65 Jahre nach seinem Tod sind immer noch nicht alle Werke von Emmanuel Bove übersetzt – obwohl dem französischen Schriftsteller seit seiner Entdeckung für den deutschen Sprachraum durch Peter Handke in den siebziger Jahre viel Aufmerksamkeit zuteil geworden ist. Etwa 20 Romane sind seither an verschiedenen Orten veröffentlicht worden; jetzt hat sich der Lilienfeld Verlag einer Erzählung Boves angenommen, und schon der Titel lässt erkennen, dass der Held, wie so häufig bei Bove, ein Außenseiter ist, einsam, verzweifelt, dem Wahnsinn nahe.

Zwar trägt "Schuld" im französischen Original den Titel "Un Raskolnikoff", aber auch so ist eingangs nicht nur das Thema des Buches hinreichend deutlich gemacht, auch der Ton dieser Prosa wird damit gleich angeschlagen, die entsprechende - Fjodor Dostojewskis "Schuld und Sühne" lässt grüßen - Atmosphäre geschaffen.

Wir befinden uns in einem schäbigen Apartment. Ein Mann führt Selbstgespräche, bringt Selbstanklagen vor, bis eine Frau, allem Anschein nach seine Freundin, an der Tür steht. Nun ist sie es, die mit Vorwürfen überhäuft wird; schicksalsergeben nimmt sie sie hin. Er hingegen hadert, will sein Los, arm und ausgeschlossen zu sein, nicht akzeptieren.

Doch schon zu Anfang dieser düsteren Erzählung – die der Verlag einen "Roman" nennt – ist alles verloren. Pierre Changarnier, so der Name des traurigen Helden, hat längst nicht mehr die Kraft und schon gar nicht die geistige Klarheit, an seiner erbärmlichen Situation etwas zu ändern. Das wird dem Leser allerdings erst allmählich klar. Erst, nachdem Pierre und seine Freundin Violette bei einem Streifzug durchs nächtliche Paris einem seltsamen Mann begegnen, einem Verrückten, wie es den Anschein hat. Er setzt sich zu ihnen an den Tisch eines Bistros und erzählt ihnen, wie er vor Jahren seine Frau umgebracht hat, dafür aber nicht zur Rechenschaft gezogen wurde. Die Reue frisst ihn seither auf, die Bestrafung aber fürchtet er nach wie vor, so dass er sich nicht stellt und immer weiter in einer Art Fegefeuer lebt, eingesperrt in Angst und Verzweiflung.

Pierre Changarnier nun, in seinem Wahn, glaubt, dass Sühne der Weg sein könnte, der verzweifelten Aussichtslosigkeit des eigenen Lebens zu entkommen: Er gibt sich selbst als Mörder aus, auch wenn die "Schuld" von der der Titel dieses kleinen, abgründigen Buches spricht, keineswegs bei ihm zu suchen ist. Und wenn er am Ende zwar nicht verurteilt wird, so scheint er doch verdammt zu sein – oder eben schlicht verrückt, das bleibt offen. Auch wenn die von existentiellem Pathos geprägte Prosa Boves die erstere Möglichkeit näher legt.

Besprochen von Tobias Lehmkuhl

Emmanuel Bove: Schuld
Übersetzt von Thomas Laux
Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2010
128 Seiten, 17,90 Euro

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