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Studio 9 | Beitrag vom 09.09.2018

Dossier Heimerziehung in der DDR

Zusammengestellt von Anna Getmanova und Thomas Groh

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Schwarzweißfoto eines Verwaltungsgebäudes mit Schleusentor. (Archiv Gedenkstätte GJWH Torgau)
Der Jugendwerkhof Torgau nach seiner Schließung (Archiv Gedenkstätte GJWH Torgau)

Der Jugendwerkhof in Torgau gilt als das brutalste Erziehungsheim der DDR. Wie war er in das System der Heimerziehung der DDR eingebettet? Wie kam man dorthin? Welche Möglichkeiten bieten sich Betroffenen heute? Ein Online-Dossier zu unserer Serie "Ihr könnt mich umbringen".

Von 1949 bis 1990 durchliefen 495.000 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sechs und 18 Jahren das Heimsystem der DDR. Insgesamt gab es 662 Heime, davon 456 Normalheime mit 21.259 Plätzen, 168 Spezialheime mit 9364 Plätzen und 38 Jugendwerkhöfe, in denen insgesamt 3031 Jugendliche untergebracht werden konnnten.

Ein langer Leidensweg

Der Weg durch die Heime begann für viele bereits in den Säuglingshäusern, Haftkrankenhäuser oder Kinderpsychiatrien. Die Entscheidung über die Einweisung in ein Heim oblag staatlichen Einrichtungen wie den Schulen, Betrieben, Jugendhilfekommissionen, der Polizei und der Staatssicherheit.

Ein trister grauer Hof hinter einer vier Meter hohen Mauer  (Archiv DIZ Torgau)Hinter Mauern: der Hofbereich des Geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau (Archiv DIZ Torgau)

Ein Teil der Minderjährigen wurde zuvor in Aufnahme- und Beobachtungsheime (Durchgangsheime oder D-Heime) überwiesen. Nach einer gewissen Beobachtungszeit empfahlen diese eine Überstellung in ein Sonderheim, ein Spezialkinderheim oder einen Jugendwerkhof.

Aus dem zweiten Teil unserer Serie:
"Marko wird adoptiert, als er drei Jahre alt ist. Schon bald ist die Adoptivmutter überfordert und lässt ihn in eine Kinderpsychiatrie einweisen. Eine genaue Diagnose gibt es nie. Dennoch muss Marko dort bleiben und wird drei Mal täglich mit starken Medikamenten vollgepumpt – insgesamt zehn Jahre lang. Obwohl er unter den Nebenwirkungen leidet."

Die Endstation der Jugendfürsorge war der Jugendwerkhof Torgau, das als de facto Gefängnis für Kinder und Jugendliche angesehen werden kann.

Ingolf Notzke, wissenschaftlicher Referent der Gedenkstätte Jugendwerkhof Torgau, erklärte 2017 im Deutschlandfunk Kultur:
"Torgau war offiziell der einzige Jugendwerkhof in der DDR, der als geschlossen galt. Das heißt, wir sprechen hier von einer freiheitsentziehenden Maßnahme der DDR-Jugendhilfe." Die Einrichtung selbst befand sich tatsächlich in den ehemaligen Räumlichkeiten eines Gefängnisses. Notzke spricht in diesem Zusammenhang von einem "System der Erziehung durch Strafe."

Gruppenbereich mit Einzelarrestzellen im Jugendwerkhof Torgau (Archiv DIZ Torgau)"Haftähnliche Bedingungen": Der Gruppenbereich mit Einzelarrestzellen im Jugendwerkhof Torgau. (Archiv DIZ Torgau)

Die Spezialheime und Jugendwerkhöfe waren Bestandteil der Jugendhilfe der DDR und unterstanden somit dem 1949 gegründeten Ministerium für Volksbildung, das von 1963 bis zum Ende der DDR Margot Honecker leitete. Ursprünglich eingerichtet war das Heimsystem zur Linderung der unmittelbaren Nachkriegsnot unter Kindern und Jugendlichen konzipiert. Später wurden daraus Umerziehungsheime, um Einfluss auf die Entwicklung der Jugendlichen im Sinne des DDR-Regimes zu nehmen.

DDR-Umerziehungsheim Torgau Das pädagogische Regime in Spezialheimen war strenger als in Normalheimen. Kinder waren fast vollständig von ihrer Umwelt isoliert. Zu Misshandlungen konnte in allen Heimarten kommen.   

Im zweiten Teil unserer Serie erklärt Marko:
"Was die mit Menschen gemacht haben, geht nicht, das geht gar nicht. Und deswegen tue ich das hier: um diesem Ossi-Verklärungsdrang etwas entgegen zu wirken."

Kinder in DDR-Kinderheimen waren schulpflichtig, sie besuchten die jeweilige Ortsschule, Jugendliche in Jugendwohnheimen betriebliche Ausbildungsstätten und die Berufsschule. Einige Kinderheime hatten eigene Heimschulen. Etwa 150 Kinderheime befanden sich in kirchlicher Trägerschaft. 

Absurde Gründe für die Einweisung

Die Begründungen für die Einweisungen wirken heute oft absurd. Eingewiesen wurden Waisen, zur Adoption freigegebene Kinder, Kinder mit angeblich psychischen "Funktionsfehlern" wie Bettnässen oder Hyperaktivität. Aber auch Kinder und Jugendliche, die als schwererziehbar und auffällig eingestuft worden waren oder aus schwierigen Familienverhältnissen kamen. "Klaukinder", sozial schwache Kinder und oder solche aus "asozialen" Familien, die Republikflucht begehen wollten. Oder eben tatsächlich kriminelle und gefährlichen Jugendliche.

Im vierten Teil unserer Serie erinnert sich Marko an seine Einweisung:
"Man kommt also dort an, ist eingeschüchtert. Man sieht diese Einrichtung, da sind ja alle zwei Meter Gittertüren, wie ein Gefängnis. Dann Tore, die aufgehen. Wird ja wie ein Schwerverbrecher, wie ein Mörder oder Vergewaltiger zugeführt. (...) Ich weiß nur, dass dieser Direktor sagte, du bist jetzt hier und hier machen wir aus dir einen neuen Menschen."

All diese Fälle galten als "systemstörende Problemfälle" und gerieten so in die Fänge der Jugendfürsorge. Diejenigen, die aus mehreren Heimen und Jugendwerkhöfen immer wieder ausrissen, landeten in der "geschlossenen" Anstalt Torgau. Dort wurden vor allem 14- bis 17-jährige Jugendliche eingesperrt.

In Torgau wurden "die Jugendlichen unter haftähnlichen Bedingungen diszipliniert", heißt es auf der Website der Gedenkstätte Torgau, darunter "Sport bis zur totalen Erschöpfung", wie es Ingolf Notzke im Radiogespräch mit Deutschlandfunk Kultur nannte.

Aus dem dritten Teil unserer Serie:
"Marko erzählt vom Drill und extremem Sport im brutalsten Erziehungsheim der DDR. Wer zusammenbricht, muss von den Anderen an den Füßen festgehalten und mitgeschliffen werden – bis das Soll an Laufrunden um den Hof erfüllt ist."

Wippen, Hürden und eine Kletterwand im Hofbereich des Jugendwerkhofs (Archiv DIZ Torgau)Drill bis zum Umfallen: die Sturmbahn des Jugendwerkhofs (Archiv DIZ Torgau)

Weiter heißt es auf der Website der Gedenkstätte: "Ein straff organisierter Tagesablauf, militärische Umgangsformen, der Zwang zu bedingungsloser Unterwerfung unter festgelegte Verhaltensnormen und das Fehlen jeglicher Intim- und Privatsphäre kennzeichnen die Organisationsstruktur des GJWH Torgau."

Eine ehemalige Insassin erinnert sich:
"Die Erzieher hatten diesen Arrest selbst 'Hölle' genannt. Und für uns Kinder war es die Hölle."

Lebenslange Traumatisierungen

Viele der Betroffenen haben auch heute noch mit den traumatischen Erfahrungen zu kämpfen. Marko, der in unserer Serie über seine Erfahrungen spricht, klagt über wiederkehrende Albträume, die ihn nachts quälen. Am liebsten will er seine Zeit in Torgau vergessen. Doch sein Körper und sein Geist gestatten ihm dies nicht.

Pritsche, Hocker und ein vergittertes Fenster in einer Einzelarrestzelle (Archiv Gedenkstätte GJWH Torgau)Eine Einzelarrestzelle in Torgau (Archiv Gedenkstätte GJWH Torgau)

In einer weiteren Reportage berichtet eine ehemalige Insassin von sexuellem Missbrauch in Torgau: Der Direktor habe sie regelmäßig auch spätabends noch zu seinem Büro abführen lassen. Nach und nach stellt sich heraus, dass sie damals nicht die einzige war. Sie gründete einen Verein und eine Selbsthilfegruppe für Menschen, die in DDR-Heimen sexuell missbraucht worden sind. Unsere Reportage über sie und ihre Erfahrungen können Sie hier hören:

Am 17. November 1989 wird die Anstalt geschlossen. Im Zuge des Mauerfalls wurden hektisch Gitterstäbe abmoniert und Akten vernichtet. Heute befindet sich in dem Gebäude die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau.
Das Gebäude des ehemaligen Jugendwerkhofs heute (Archiv Gedenkstätte GJWH Torgau)Heute ist der Jugendwerkhof eine Gedenkstätte (Archiv Gedenkstätte GJWH Torgau)

Anspruch auf Entschädigung

Viele der ehemaligen Insassen könnten heute Anspruch auf finanzielle Ausgleichsleistungen haben. Voraussetzung dafür ist eine sogenannte "strafrechtliche Rehabilitierung". Die Gedenkstätte in Torgau informiert online darüber, dass dafür der Aufenthalt im GJWH Torgau nachgewiesen werden muss. Dieser lässt sich anhand der im Bundesarchiv aufbewahrten Sonderakte oder anhand des Eintrages im Belegungsbuch belegen. 

Aus dem fünften Teil unserer Serie:
"Seine Akten hat Paul bisher nicht eingesehen. Dabei hätte er gute Aussichten auf Rehabilitierung. Die Opferrente könnte er wahrscheinlich gut gebrauchen. Aber Paul fehlt, wie vielen anderen ehemaligen Insassen Torgaus, vermutlich die Kraft, sich der Vergangenheit zu stellen."

Allerdings stellen sich den Betroffenen dabei auch Hürden in den Weg. Dies habe auch damit zu tun, dass die strafrechtliche Rehabilitierung auch für die Heimkinder auf dem SED-Unrechts-Bereinigungsgesetz fußt, wie Ingolf Notzke im Deutschlandfunk Kultur erklärte:

"Hier wurde, allgemein gesprochen, darauf abgezielt, insbesondere politische Inhaftierungen zu rehabilitieren. Für die Heimkinder ergibt sich damit natürlich die Problematik, dass auch sie ihre Einweisung im weitesten Sinne auf eine politische Motivierung zurückführen müssen. Man kann sich gut vorstellen, dass dies bei fünf- bis achtjährigen Kindern, die in Heime gekommen sind, sehr schwer möglich ist. Und nur wenn sie eine strafrechtliche Rehabilitierung bekommen, haben sie dann auch im Anschluss Anspruch auf eine Entschädigung.

Blick auf eine Originalinschrift auf einer Liege des ehemaligen Jugendwerkhofes in Torgau, aufgenommen am 04.08.2009. Dieser Jugendwerkhof wurde in der DDR von 1964 bis 1989 als Geschlossener Jugendwerkhof genutzt, der von ehemaligen Insassen häufig mit den Worten "schlimmer als Knast" beschrieben wird. Die Auflösung des Jugendwerkhofs begann schon wenige Tage vor dem Mauerfall, der letzte Insasse hat ihn am 17. November 1989 verlassen.  (dpa / picture-alliance / Peter Endig)"Ich will endlich wieder raus, ich halte das nicht mehr aus." Originalinschrift auf einer Liege des ehemaligen Jugendwerkhofes in Torgau. (dpa / picture-alliance / Peter Endig)

In den letzten Jahren hat sich die Rechtssprechung langsam ein Stück weit zugunsten der Heimkinder geöffnet, sodass insbesondere 2004 als wegweisend betrachtet werden muss, als nämlich ein Grundsatzurteil des Kammergerichts Berlin gefällt wurde, nachdem alle Insassen des Geschlossenen Jugendwerkhofs in Torgau rehabilitiert werden und entsprechend auch Anspruch auf eine Entschädigung haben."

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Weiterführende Literaturhinweise:

Expertisen/Forschung:

- Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer (Hrsg): "Aufarbeitung der Heimerziehung in der DDR." (2012, hier als PDF)
- diverse Publikationen von Anke Dreier-Horning, darunter etwa: "Streckenläufer. Erziehung zur und durch Arbeit in den Jugendwerkhöfen der ehemaligen Nordbezirke der DDR" (2016, gegen Schutzgebühr hier erhältlich)
- Emmanuel Droit: "Vorwärts zum neuen Menschen? Die sozialistische Erziehung in der DDR 1949–1989" (2014, hier eine ausführliche Fachrezension)
sowie zahlreiche Publikationen der Gedenkstätte Jugendwerkhof Torgau
- Ruth Ebbinghaus und Martin Sack: "Was hilft ehemaligen Heimkindern der DDR bei der Bewältigung ihrer komplexen Traumatisierung?" (2012, hier als PDF)

Aufsätze/Reportagen:

- Wolfgang Benz: "Gewalt gegen Kinder. Jugendhilfe und Heimerziehung in der DDR" (2014, online)
- Angelika Censebrunn-Benz: "Geraubte Kindheit – Jugendhilfe in der DDR" (2017, online)
- Berenike Feldhoff: "Zwischen gesellschaftlicher Anerkennung und individueller Rehabilitierung. Eine (Zwischen-)Bilanz der Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung" (2016, online)
- Alexandra Gerlach: "Sexueller Missbrauch in DDR-Heimen: 'Panik und Angst sind immer da'" (2017, Reportage für Dlf Kultur)
- Karsten Laudien. "Die Geschichte von Andrea. Ein Beispiel für das Scheitern der Jugendhilfe in der DDR" (2017, online)
- Nathalie Nad-Abonji: "Rückkehr in den Jugendwerkhof" (2017, Reportage für Dlf Kultur, Wdh. 2018)
- Eva-Maria Schnurr: "Umerziehungsheime in der DDR Geprügelt, weggesperrt, gedemütigt" (2015, Reportage auf SpiegelOnline)

Erinnerungen/Romane:

- Nicole Glocke: "Erziehung hinter Gittern: Schicksale in Heimen und Jugendwerkhöfen der DDR" (2011)
- Kerstin Gueffroy: "Die Hölle von Torgau. Wie ich die Heim-Erziehung der DDR überlebte" (2015)
- Silke Kettelhake: "Sonja 'negativ - dekadent': Eine rebellische Jugend in der DDR" (2014)
- Grit Poppe: "Weggesperrt" (2009, Roman ab 14 Jahre)
- Grit Poppe: "Abgehauen" (2012, Roman ab 14 Jahre)

Weiterführende Online-Hinweise:

- Heimkinder-Forum. Diskussionsgemeinschaft für den Austausch Betroffener.
- Verein ehemaliger Heimkinder e.V.Jahrhundertkind. Portal zur Aufarbeitung der Geschichte der DDR-Heimerziehung.
- Geschichte des Jugendwerkhofs Torgau

Filme:

- "Spurensuche: Ich war im Kinderknast von Torgau. Jürgen Fliege begleitet Andreas Freund." Upload durch Andreas Freund:

sowie zahlreiche weitere Interviews mit Betroffenen im Youtube-Kanal von Andreas Freund.

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