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Buchkritik | Beitrag vom 24.12.2019

Dorota Maslowska: "Andere Leute" Rau und wütend

Von Carsten Hueck

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Das Buchcover zeigt eine Nachtaufnahme zweier knallgelb strahlender Hochhäuser. (Cover: Rowohlt / Collage: Deutschlandradio)
Dorota Maslowska beschreibt eine kaputte Gesellschaft, in der jeder seine Droge findet: Konsum, Alkohol, Tabletten, Sex. (Cover: Rowohlt / Collage: Deutschlandradio)

Dorota Maslowska erzählt in "Andere Leute" über eine kaputte Gesellschaft voller Aggression und Verzweiflung. Drogen helfen nur zeitweilig. Die sprachliche Gewalt des Romans beeindruckt. Zum Glück handelt er nicht von uns - oder doch?

Es ist junge Literatur, die Dorota Maslowska schreibt: Literatur, die rhythmisch, rau, unbändig, herablassend und wütend ist. Literatur, die mit Sprache spielt und einen Blick auf die Welt vermittelt, wie man ihn ab einem bestimmten Lebensalter nicht mehr hat – oder nicht mehr formulieren kann.

Dabei ist die Autorin selbst schon Mitte Dreißig und Mutter. Ihr Stil ist aber auch in "Andere Leute", ihrem vierten Roman, immer noch von Zorn angetrieben - und dabei absolut souverän in der vielfältigen Verwendung unterschiedlicher literarischer Mittel: innerer Monolog und Bewusstseinsstrom, Ironie und schwarzer Humor, Zitate – aus Werbung, Dichtung und TV –, Straßenslang und Rap, all das sampelt die Autorin zu einem dröhnenden High-Energy-Erlebnis. Diese Form gibt ihren Figuren Relevanz und ihrer Geschichte Wucht.

Jenseits gesitteter Erfahrungswelten

Maslowskas Protagonisten sind solche, für die man sich sonst kaum interessieren würde, ein halbwegs gesitteter Leser hält sie gewöhnlich aus seiner Erfahrungswelt fern: Kamil ist ein jugendlicher Loser, der noch bei seiner Mutter im Plattenbau lebt. Er träumt davon, als Musiker eine CD herauszubringen, macht kleinere Drogengeschäfte und konsumiert eine Substanz, die sein Hirn durchlöchert.

Löchrig sind auch seine Turnschuhe, in denen er ziellos durch Warschau stolpert. Dauererregt schimpft er dabei auf Schwule, Lesben, "Bonzengören, Schokos und Tsching-Tschang-Tschong-Fitschis".

Rossi der Rotwein und ein Selfie in Unterhose

Dauererigiert besorgt er es nicht nur seiner Freundin Anetta, sondern auch Iwona, der frustrierten Ehefrau des reichen Maciej. Sie verfügt über Haus, Auto, XL-Brustimplantate und hat einen hohen Xanax-Verbrauch. Bei einem Aushilfsjob als Klempner hat Kamil sie kennengelernt, seine Nummer ist seitdem unter "Klospülung" gespeichert und wenn Tabletten nicht mehr gegen Iwonas Panikattacken helfen, bestellt sie Kamil zur Körpertherapie inklusive Cumshot.

Maciej, ihr Mann, ist gestresst von Iwona, auch von seiner Ex-Frau und seiner pubertierenden Tochter aus erster Ehe, vom Verkehr in Warschau und linken Urwaldromantikern, die ihn mit ihrem "Öko-Fake" hindern, guten Gewissens Gas zu geben. Dagegen hilft ab und zu Kokain, das ihm Kamil auf einem Parkplatz verkauft. Gelegentlich meldet sich auch mal der Weihnachtskarpfen aus der Badewanne zu Wort, das Model-Paar der H&M-Reklame oder Carlo Rossi, der Rotwein. Er animiert zu einem Selfie in Unterhose.

Jedem seine Droge

Dorota Maslowska beschreibt eine kaputte Gesellschaft, in der jeder seine Droge findet: Konsum, Alkohol, Tabletten, Sex. Doch nichts von dem macht glücklich, alle stehen unter Druck, sind mit Aggressionen und Verzweiflung aufgeladen.

Nur drei Tage beschreibt Maslowska im Leben ihrer Figuren und viel mehr hält man vermutlich auch nicht aus. Existenzielle Leere und Perspektivlosigkeit sind hier mit zynischer Vernunft, blühender Fantasie und solch sprachlicher Gewalt geschildert, dass man sich ganz schnell wieder ins bieder bürgerliche Dasein einkuscheln möchte. Gottseidank geht es ja um andere Leute. Oder?

Dorota Maslowska: "Andere Leute"
Aus dem Polnischen von Olaf Kühl
Rowohlt Berlin, Berlin 2019
155 Seiten, 18 Euro

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