Donau, Amazonas, Nil

Von Christiane Gerischer |
Im Haus der Kulturen der Welt bieten drei Konzertreihen regional Typisches und Experimentelles - aus Mitteleuropa, Afrika und Südamerika. Beim Auftakt mit Musik aus dem Donauraum war das Publikum begeistert.
Wasser gab es in der ausverkauften Ausstellungshalle vor allem in Form von Tanzschweiß. Die Mahala Rai Band heizte mit ihren rhythmisch präzisen und gleichzeitig flüssigen Balkanrhythmen mächtig ein und die Gypsy Queens and Kings begeisterten abwechselnd mit Gesang, katalanischen Gitarren oder Flamenco und anderen Tanzeinlagen. Gekrönt wurde das Konzert von Ezma Redzepova, der fast 70-jährigen Gesangsdiva aus Mazedonien. Abkühlung konnte man sich im leichten Sommerregen draußen verschaffen, der Grund für die Indoor-Eröffnung dieser Open Air-Reihe auf der Dachterrasse des Hauses der Kulturen der Welt.

Dennoch, das erste Konzert des diesjährigen Wassermusikfestivals war dank der 20 Musiker und Musikerinnen auf der Bühne großartig und offenbarte zugleich die Krux eines Festivals, dass sich gleich drei Flüsse zum Thema gemacht hat, denn: Jeder einzelne verbindet schon viele Musiklandschaften. Das Haus der Kulturen hat sich darüber hinaus für eine sehr weitläufige Anbindung des Programms an die Flüsse entschieden.

Das erste Wochenende ist der Donau gewidmet. Sie dient fast allen Balkanländern mindestens als Grenzfluss. Heute Abend spielt der Cymbalon-Virtuose Kalman Balogh aus Ungarn, ein international gefragter Musiker, gemeinsam mit einer Avantgarde Band aus Wien, morgen die Romarocker KAL aus Belgrad.

An den folgenden Wochenenden Ende Juli und Anfang August sind der Amazonas und der Nil Thema beim Wassermusikfestival im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Auch hier ist die regionale Anbindung der eingeladenen Bands nur mit einigem goodwill nachvollziehbar. Für den Amazonas kommen Bands aus Peru - dort entspringt er immerhin -, Kolumbien, Venezuela und Brasilien. Musikchef Detlev Diedrichsen ist sich der Problematik bewusst:

"Das ist auch bei dem Amazonas besonders kompliziert, weil der eigentlich gar nicht definiert ist. Nicht nur, dass er ständig seinen Lauf ändert, es gibt ganz viele Seitenarme, die nennen einige Laute Amazonas, andere nicht. Fakt ist, es geht uns da mehr um Amazonien. Es gibt in Peru, in Venezuela und in Kolumbien Bundesstaaten oder Distrikte, die so heißen, in Brasilien sowieso."

Immerhin, die brasilianische Gitarrenlegende Sebastiao Tapajos kommt mit einem amazonischen Perkussionstrio, und das kolumbianische Künstlerkollektiv Mucho Indio experimentiert mit amazonischen Klangcollagen.

Darüber hinaus ist am Amazonas-Wochenende unter anderem die Chicha Legende Ranil aus Peru zu Gast sowie der brasilianische Singer-Songwriter Manu Lafer, der im Amazonasgebiet lebt, aber musikalisch ebenso in Rio oder Sao Paulo zu Hause sein könnte. Den schleichenden Eindruck einer gewissen Beliebigkeit bei der Konzertauswahl kann auch das Nil-Programm Anfang August nicht zerstreuen. Der international bekannte, schon lange in Paris lebende Singer-Songwriter Geoffrey Oryema kommt für das Ursprungsland des Nils, Uganda, die in Spanien lebende Sängerin Rasha für den Sudan, und Ägypten ist nur mit Mohamed Mounir und nubisch geprägtem Sufi-Pop vertreten.

Auch wenn das Thema Flüsse musikalisch nicht wirklich im Vordergrund steht, ein anderer Gedanke wird deutlich: An jedem Wochenende gibt es mindestens einen großen Namen, das Wassermusikfestival will populär sein.

Detlev Diedrichsen: "Man möchte ja bei so einem Sommerfestival, dass möglichst viele Leute Spaß haben. Ich würde mal sagen, das ganze Programm Wassermusik ist immer so eine Mischung aus ‚Give the people what they want'‚ und gib ihnen Dinge, von denen sie noch nie etwas gehört haben, wo sie etwas richtig Tolles entdecken können."

Jede Menge Spaß hatten die Besucher schon am Eröffnungsabend, und Entdeckungen kann man zweifelsohne machen beim Wassermusikfestival. Alle Konzerte bieten regional Typisches - Chicha ist ansonsten selten zu hören in Berlin - oder Experimentelles. Beide kolumbianischen Acts sind Multimedia-Projekte. Oder das Wiederhören mit herausragenden Musikern und Stimmen, wie im Fall von Sebastiao Tapajos und Geoffrey Oryema.

Das Wassermusikfestival selbst ist auch multimedial, an jedem Wochenende gibt es boat-movies zu sehen, in einem Workshop kann man "Liquid Writing" (Schreiben im Fluss) lernen, und Michel Serres wird im Dialog mit Catherine David oder Alexander Kluge Sommergespräche führen und eine Lecture Performance geben.

Detlev Diedrichsen: "Michel Serres ist ja nun eine Legende, großartiger französischer Philosoph und Wissenschaftstheoretiker. Der Flussbezug, das vielleicht nebenbei noch, ist auch gegeben, weil er gelernter Flussschiffer ist, also er hat das jahrelang betrieben. Und es geht ihm immer um das Fließen des Denkens, um das Mäandern des Denkens. Das ist ja dann auch noch mal ein Bezug zu Flüssen."
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