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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.11.2015

Donald Antrim: "Das smaragdene Licht in der Luft"Sex, Drogen und Antidepressiva

Von Gerrit Bartels

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Ein Jugendlicher liegt in seinem Bett, auf dem Nachtisch liegen Schlaftabletten. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Aus der Balance geratenen Lebensläufe prägen die Geschichten von Donald Antrim (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Der US-Autor Donald Antrim beschreibt in seiner neuen Erzählsammlung, wie Menschen mit Beschädigungen der Vergangenheit umgehen. Mal mit Sex, mal mit Drogen und Medikamenten. Der Schriftsteller lässt seine Depression mit Elektroschocks behandeln.

Es sind lange, vielsagende Sätze, mit denen der amerikanische Schriftsteller Donald Antrim die Geschichten seiner Erzählsammlung "Das smaragdene Licht in der Luft" beginnt; Sätze, die darauf hinweisen, wie beschädigt das Leben seiner Hauptfiguren ist: "Von dem Tag an, an dem ihn seine Frau verlassen hatte (...), hatte Jonathan sich auf eine neue Seite seiner Persönlichkeit verlegt...". Oder: "In weniger als einem Jahr hatte er seine Mutter, seinen Vater und die Liebe seines Lebens verloren, als die er Julia einmal empfunden hatte und zuweilen immer noch empfand..." Oder: "Sie waren Kinder von Eltern, die sich ihnen gegenüber (...) grotesk, mancher würde auch sagen gewalttätig, verhalten hatten."

Immerhin haben Antrims Figuren gelernt, mit ihren Beschädigungen umzugehen, sei es mit Hilfe der psychiatrischen Medizin, sei es in Form neuer Beziehungen, sei es auch mit dem einen oder anderen Schlückchen Alkohol. Was sie trotzdem nicht davor schützt, in groteske Situationen zu geraten oder sich stets am Rande von psychotischen Phasen und Schüben entlanghangeln zu müssen.

Tägliche Texte über Suizidgedanken

Da sind Stephen und Alice, die sich beim Einkaufsbummel durch Manhattan seelisch und nicht zuletzt mit ein paar Antidepressiva gegenseitig stützen; da sind Christopher und Jennifer, die sich immer in den Wohnungen von Freunden zum Sex treffen; und da ist Jim, der seiner Frau Kate mit einem riesigen, seine Finanzen aber übersteigenden Blumenstrauß eine Freude machen will und damit viel Aufruhr bei einer Essensverabredung mit ihren gemeinsen Freunden Susan und Elliot verursacht.

Dass Antrim bevorzugt Geschichten über beschädigte Leben schreibt, kommt nicht von ungefähr: Nach der Veröffentlichung seines Buches "The Afterlife. A Memoir" (auf Deutsch: "Mutter. Kein Roman") im Jahr 2006 hatte er mehrere behandlungsbedürftige psychische Zusammenbrüche. "Ich schrieb täglich über meine suizidalen Gedanken", hat der 1958 geborene Schriftsteller vergangenes Jahr der "New York Times" erzählt, und angeblich hat ihm die bei Depressionen bisweilen immer noch verordnete Elektroschockbehandlung im Krankenhaus mehrmals das Leben gerettet.

Das Schreiben war sinnlos für ihn geworden, obwohl er seit seinem Debütroman "Wählt Mr. Robinson für eine bessere Welt" von 1993 als einer der talentiertesten und hoffnungsvollsten Schriftsteller der USA galt, bewundert nicht zuletzt von großen Kollegen wie Jonathan Franzen, Jeffrey Eugenides oder David Foster Wallace. Mit weiteren Romanen wie "Der Wahrheitserfinder" oder "100 Brüder" bestätigte Antrim diese Einschätzung; Romane, die zwar in einer realistischen Erzählhaltung verankert sind, aber auch irrwitzig und surreal anmuten. Zum Beispiel schwebt der Erzähler des Romans "Der Wahrheitsfinder" bei einem Analytikertreffen in einem Pfannkuchenrestaurant die ganze Zeit über dem Restaurant, gerade so noch festgehalten von einem älteren Kollegen, der dauernd seinen Penis an ihm reibt.

Die Geschichten enden mit einem Hoffnungsschimmer

"Das smaragdene Licht in der Luft" enthält Erzählungen, die Antrim in den letzten 20 Jahren geschrieben hat. Auffallend ist, dass gerade die beiden frühen Geschichten über eine "Mittsommernachtstraum"-Uni-Aufführung und über die Begegnung eines gescheiterten Vaters und eines Patchworkfamilienvaters noch viele fantastische Bestandteile haben. Die fünf nachfolgenden dagegen, die nach Antrims Erkrankung entstandenen sind, werden immer realistischer und zugleich pathologischer: kleine schwarze Komödien voller Menschen, die versuchen, ihre Lebensbalance zu finden, die psychisch im Lot bleiben wollen, oft mit künstlerischen Ambitionen im übrigen.

Und so schlimm für sie alles früher einmal war, so endet doch jede der Geschichten mit einem Schimmer Hoffnung: mit dem Ende von Erschütterungen für den Erzähler der Titelgeschichte, den Kunstlehrer Billy: "Donner und Blitz waren endlich vorbei". Oder, im Fall von Stephen und Annie, in dem Glauben daran, "dass er seine Karriere als Schauspieler wieder auf Kurs bringen würde" und dass ihre Familie näherrückte: "endlich nahe war".

Donald Antrim: "Das smaragdene Licht in der Luft"
Erzählungen
Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl
Rowohlt Verlag, Reinbek 2015
222 Seiten, 19,90 Euro

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