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Frühkritik | Beitrag vom 26.04.2019

Don Winslow: "Jahre des Jägers"Der Feind im Weißen Haus

Von Thomas Wörtche

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Eine aufgebrochene Mohnkapsel auf einem Feld in Mexiko. Im Vordergrund ist das Cover des Krimis "Jahres des Jägers". (Droemer / Imago / ZUMA Press)
Lukratives Geschäft: In den USA nehmen viele Drogenkonsumenten Opioide, auch aus Mexiko. (Droemer / Imago / ZUMA Press)

Mit "Jahre des Jägers" schließt Don Winslow seine Trilogie über den Krieg gegen den Drogenhandel ab. Er erzählt davon, wie mexikanische Kartelle die amerikanische Regierung unterwandern und den US-Präsidenten kaufen.

Mit dem tausendseitigen Epos "Jahre des Jägers" schließt Don Winslow seine Drogen-Trilogie ("Tage der Toten", "Das Kartell") ab und kommt damit in der Echtzeit von 2018 an. Den Kern dieses letzten Romans bildet allerdings nicht mehr den Kampf des Drogenfahnders Art Keller, der inzwischen zum Chef der Drug Enforcement Agency (DEA) aufgestiegen ist, gegen die mexikanischen Drogenkartelle, sondern deren Kampf untereinander und vor allem Kellers Kreuzzug gegen die Trump-Administration.

Trump, der im Roman John Dennison heißt, erlaubt durch windige Geschäfte seines Schwiegersohns, im Roman Jason Lerner genannt, einer mexikanischen Kartellbank, direkten Einfluss auf die Politik der USA zu nehmen. Aus Kellers Hauptfeind, dem Sinaloa-Kartell, ist ein Syndikat geworden. Und diesem Syndikat gehört das Weiße Haus – "es wird ein und dasselbe sein", lautet sein resignierter Kommentar. Dieser Konstellation widmet Keller seinen letzten großen Kampf.

Moralischer Totalzerfall

Der Clou dieser Konstruktion besteht darin, dass Kellers Bemühen, Trump/Dennison zu Fall zu bringen, strukturanalog zu den Ermittlungen von Sonderermittler Mueller sind, der im Roman John Scorti heißt, bei denen es bekanntlich um den Einfluss Russlands auf die Regierung der USA geht. Deswegen ist "Jahre des Jägers" letztendlich ein Anti-Trump-Roman und ein deutliches politisches Statement des Autors Don Winslow, der den moralischen Totalzerfall der USA von einem durchaus patriotischen Standpunkt aus beklagt. Denn Keller ist heroisch genug, um eher sich selbst zu opfern, als die Verhältnisse kampflos zu akzeptieren.

Der ultrabrutale Kampf der mexikanischen Kartelle untereinander – ein krass blutiges Jeder-gegen-Jeden, mit Verrat, Intrigen, Koalitionswechseln, Loyalitäts- und Generationenwechseln – inszeniert Winslow in einer Art "Game-of-Thrones"-Dramaturgie, inklusive überraschender Todesfälle, abgefeimter Schachzüge und sadistischer Exzesse. Dabei erweist sich Winslow als virtuoser Kompilator bekannter Ereignisse (wie zum Beispiel das Massakers an 43 Studenten in der Stadt Iguala im September 2014) oder anderer Narrative aus dem gesamten mittelamerikanischen Raum, wie zum Beispiel die Paraphrase des Film "Sin Nombre" von 2009, bei dem es um einen Zug geht, auf dem Flüchtlinge aus Guatemala bis zur US-Grenze vordringen wollen.

Masterplan aus der Hölle

Die erstaunlich straffe Struktur, mit der Winslow seine tausend Seiten zusammenhält, lässt wenig Platz für Kontingenz. Die Handlung und die geschilderten Ereignisse erscheinen wie ein Masterplan aus der Hölle, bei dem ein Rädchen ins andere greift, und niemand mehr die Katastrophe verhindern kann. Nicht die inzwischen von der Pharmaindustrie abhängig gemachte Bevölkerung der USA, die ihre Opioide braucht, und nicht die Politik, auf deren Betreiben hin der "War on Drugs" zu einem gigantischen, profitablen Geschäftszweig geworden ist.

Zu stoppen, das ist Winslows engagierte Generalthese, wäre der Wahnsinn nur, wenn man das Drogengeschäft legalisieren und damit kontrollierte könnte. Aber das erscheint ihm lediglich als utopisch.

Don Winslow: Jahre des Jägers
Roman
Aus dem Amerikanischen von Conny Lösch
Droemer, München 2019
989 Seiten, 26 Euro

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(Deutschlandfunk Kultur, Frühkritik, 7.7.2017)

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