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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 28.11.2019

Don DonaldDer Boss der Bosse

Ein Kommentar von Hartwig Tegeler

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Ein Unterstützer des US-Präsidenten Donald J. Trump trägt ein T-Shirt mit eine Monage aus Donald Trum und einem muskulösen Rapper mit Goldkette und anderen Insignien. (imago images / UPI Photo)
Donald Trump wie seine Wähler ihn sehen. (imago images / UPI Photo)

Amtsführung und Skandale von US-Präsident Donald Trump wirken manchmal filmreif. Bei den aktuellen Anhörungen zum Amtsenthebungsverfahren gegen Trump drängt sich dem Journalisten Hartwig Tegeler sogar ein ganz spezielles Genre auf: Das der Mafia-Filme.

Paulie sitzt in der Mitte des Bildes, so, wie der König auf seinem Thron zentral im Raum residiert, so, wie der Stuhl des Präsidenten mittig am Kopf des Oval Office positioniert ist. Paulie, der Mafia-Boss in Martin Scorseses "Good Fellas", im Garten beim Barbecue: Er isst seine Wurst. Am Rande stehen Leute, die etwas von ihm wollen, mit denen er etwas zu verhandeln hat. Aber sie sprechen nie direkt mit ihm. Was sie wollen, sagen sie vielmehr seinem Bruder Tudy.

Paulie bringt Dinge in Gang, löst Probleme. Aber die Informationen, die er bekommt, und die Anweisungen, die er gibt: Nichts läuft direkt über ihn, alles nur über seinen Bruder. "Er wollte nicht", erklärt uns die Stimme aus dem Off, "dass irgendjemand hörte, was er sagte." Hunderte Leute waren von diesem Mafia-Paten des Viertels abhängig, zahlten ihm seinen Tribut. "Das war wie in der alten Heimat", erklärt uns die Stimme weiter, "nur, dass sich das jetzt hier in Amerika abspielte."

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Die Fiktion des Mafia-Paten drängt sich auf, wenn man den Impeachment-Anhörungen in Washington zusätzlich zur täglichen Soap-Opera aus dem Oval Office folgt. Die Spielregeln der Kommunikation in einem mafiösen System lauten: Der Boss darf nie direkt involviert sein. Er kommuniziert immer über eine Kette von Zuträgern. Das schirmt ihn ab, was den Nachweis einer eigenen Verstrickung unmöglich machen soll.

Giuliani, der Mann fürs Grobe

Die Rolle von Tudy, dem Bruder des Bosses in "Good Fellas", scheint in der Realität des großen Trump-Präsidenten-Spiels Rudy Giuliani übernommen zu haben. Rudy Giuliani: Ex-New Yorker Bürgermeister, nach 9/11 gelobter Krisenmanager, nun Trumps Anwalt oder – um im Mafia-Jargon zu bleiben – "Consigliere". Also: Mittelsmann, Wachhund, Berater, Fixer.

Der, der die Sachen wieder in Ordnung bringt, der Mann fürs Grobe oder auch: Der, der Tag für Tag den Dreck aus dem Weg räumt. Und nie den Boss in selbigen zieht. "Redet mit Rudy! Herr Giuliani hat die Wünsche des Präsidenten auf den Punkt gebracht, und wir folgten dem", brachte seinerseits Gordon Sondland, US-Botschafter bei der EU, in seiner Aussage vor dem Impeachment-Ausschuss das Kommunikations-System im Weißen Haus auf den Punkt.

Trumps Präsidentschaft als "Mafia-Seifenoper"

Zwischen der Macht im realen politischen Prozess und ihrem Gefüge im organisierten Verbrechen, so, wie sie sich uns in den Narrativen des Mafia-Films zeigt, sind Analogien offensichtlich. Wobei wir die unendlichen Klischees des Genres hier einmal ignorieren. Es geht um Realitätsverflechtungen: Denen zwischen der fiktiven Realität und der realen Wirklichkeit, und wie die sich in Codes und Verhaltensweisen gegenseitig beeinflussen. John Dean, Berater-Urgestein aus Washington, der schon unter Richard Nixon arbeitete, meinte jüngst, Donald Trumps Präsidentschaft sei wie eine "Mafia-Seifenoper". Und Adam Schiff, Vorsitzender des Geheimdienstausschusses, interpretiert Trumps Verhalten in der Ukraine-Affäre als "Erpressung wie bei einem Mafia-Boss".

Mit seinem jüngsten Film "The Irishman" fügt Martin Scorsese der Strukturanalyse aus "Good Fellas" einen wichtigen Aspekt hinzu: Mit seiner Hauptfigur, Frank Sheeran, Auftragskiller der Mafia, der auch den Gewerkschafts-Boss Jimmy Hoffa ermordet soll, beschreibt Scorsese den Prozess, wie ab den 1960er-Jahren das Organisierte Verbrechen begann, direkt Einfluss auf den politischen Prozess in den USA zu nehmen.

Aus dieser Perspektive – Realitätsverflechtungen! Codes! Verhaltensweisen! – lässt sich gut nachvollziehen, dass in den Funktionsweisen der Macht und deren Kommunikationsstrukturen unter dem 45. Präsidenten der USA sich ein System etabliert hat, das erscheint, als habe ein Drehbuch-Autor einen Mafia-Thriller geschrieben, in dem "Consigliere" Giuliani seinen Job tut. Und der Don, der Boss, der Präsident hat, so, wie Paulie in Scorseses Film "Good Fellas", die machtvolle Kompetenz, sauber zu bleiben. Zumindest so lange, bis das Kartenhaus zusammenbricht.

Hartwig Tegeler ist Journalist, Autor und Hörfunk-Regisseur. Geboren in Nordenham-Hoffe an der Unterweser. Begann nach einem Studium der Germanistik und Politologie in Hamburg seine journalistische Arbeit bei einem Privatsender und arbeitet seit 1990 als Freier Hörfunk-Autor und -Regisseur in der ARD. Schreibt Filmkritiken, Features und Reportagen.

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