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Vollbild | Beitrag vom 03.09.2016

Dokumentation "Safari" Jagdurlaubern in die Seele geschaut

Regisseur Ulrich Seidel im Gespräch mit Patrick Wellinski

Der österreichische Filmregisseur Ulrich Seidl bei einer Pressekonferenz während der Internationalen Filmfestspiele von Cannes 2012, aufgenommen am 18.5.2012 (picture-alliance / dpa / Stephane Reix)
Der österreichische Filmregisseur Ulrich Seidl wollte herausfinden, was Menschen antreibt, auf die Jagd zu gehen. (picture-alliance / dpa / Stephane Reix)

Auf den Filmfestspielen in Venedig zeigt der österreichische Regisseur Ulrich Seidl seine Dokumentation "Safari" außer Konkurrenz. Er glaubt, dass Menschen auch deshalb jagen, weil sie Macht über andere Kreaturen gewinnen wollen.

Patrick Wellinksi:Herr Seidl, Venedig scheint ja so etwas wie ein Heimathafen für Sie zu sein. Warum zeigen Sie Ihre Filme so gern hier?

Ulrich Seidl: Also, ich habe natürlich nicht nur in Venedig meine Filme präsentiert, sondern auch in Cannes und auch in Berlin. Und alle drei Festivals sind sozusagen höchst geeignet, einen Film zu zeigen. In Venedig bin ich schon ein bisschen zum Stammgast geworden und ich komme sehr gern her.

"Jagd kann viel über Menschen erzählen"

Wellinksi: "Safari" heißt Ihr neuer Dokumentarfilm. Es geht darin um Jagdurlauber, vor allem aus Deutschland und Österreich. Wie ist das Thema zu Ihnen gekommen, dass Sie entschieden haben, dieses Thema verdient einen Ulrich-Seidl-Film?

Seidl: Also, ich finde, dass Jagd natürlich ein Thema für einen Film ist oder zumindest für einen Film von mir, weil man hier sehr viel über Menschen erzählen kann. Und genauso ist das Thema Urlaub und Tourismus für mich immer schon ein Thema gewesen, das ich sehr wichtig finde. Und das ist dann zusammengewachsen und daraus ist der Film über Jagdurlauber geworden.

Wellinksi: Das Beeindruckende an "Safari" ist, wenn wir an Jagdurlauber denken, dann kommen uns meistens diese Schlagzeilen aus Zeitungen irgendwie in den Kopf, also, der ehemalige spanische König zum Beispiel oder die ganzen Scheichs, die jagen und ihre Trophäen dann öffentlich zeigen. Sie nähern sich dem Thema aber, auch den Jagenden, sehr nüchtern. War das ein Ziel von Ihnen, dieses Thema mal jenseits es Skandalösen zu betrachten?

Seidl: Ja, auf jeden Fall. Also, mein Ansatz war, ich wollte einfach mit meiner Kamera zeigen, wie das vor sich geht, was passiert, wenn Menschen sozusagen nach Afrika fahren, um dort auf die Pirsch zu gehen, um dort Tiere zu erlegen. Erstens, was empfinden sie dabei, warum tun sie das, welche Emotionen haben sie, wenn sie sich anpirschen, wenn sie ein Tier sehen, wenn sie schießen? Und welche Emotionen haben sie, wenn sie vor dem toten Tier posieren? Und das, glaube ich, ist mir gelungen, dass man als Zuschauer dem nachgehen kann, das nachvollziehen und dazu dann Stellung zu beziehen kann.

"Die richtigen Protagonisten sind das Geheimnis"

Wellinksi: Ist es denn leicht, diese Jäger zum Sprechen zu bekommen? Man könnte ja sagen, die sind eher ein scheues Wesen, auch darum, weil gerade die Urlaubsjagd nicht gerade so gut angesehen ist und das immer diesen Wind des Skandalösen hat. Und Sie schaffen es ja wirklich, Ihren Protagonisten sehr ehrliche Aussagen zu entlocken.

Seidl: Man muss die richtigen Protagonisten finden. Das ist das Geheimnis. Also, man kann natürlich nicht mit Menschen an einem Film arbeiten, wenn sie das, was sie tun, nicht zeigen wollen, wenn sie nicht dazu stehen. Also, ich habe mir Jäger und Jägerinnen ausgesucht, die einfach mit dem, was sie tun, keine Scheu davor haben, das auch zu zeigen. Weil, sie sind davon überzeugt, sie haben sozusagen nicht das moralische Problem, das viele andere haben.

Wellinksi: Sie gehen ja mit ihnen mit und beobachten wirklich den Prozess des Schusses. Also, Sie sind dann immer mit der Kamera dicht daran, schleichen sich quasi mit ihnen an. Wie haben Sie eigentlich diese Momente erlebt, die bis zum Schuss führen? Haben Sie denn begriffen, was diesen Menschen, den Jagdurlauber antreibt?

Seidl: Ja, begriffen, das weiß ich nicht und ich glaube, es gibt auch letztendlich kein absolutes Urteil darüber. Also, ich habe natürlich mitgefühlt, ich habe mitgeschaut. Für mich war es ja auch ein neues Feld zu sehen, was treibt sie an. Es wird schon etwas damit zu tun haben, mit dem Machtanspruch des Menschen über die Kreatur. Und es gibt natürlich so etwas wie einen Jagdtrieb und eine Jagdlust, die gewisse Menschen antreibt.

Auch Umgang mit erschossenen Tieren ist Teil der Jagd

Wellinksi: Sie hören Ihren Protagonisten auch sehr genau zu, fragen Sie nicht nur darüber, warum sie jagen, sondern warum sie gerade dort jagen, wo sie jagen, nämlich in Subsahara-Afrika, um genau zu sein. Wie haben Sie eigentlich auf diese Antworten reagiert? Denn ich würde sagen, es kommt ein fast schon koloniales Weltbild hervor.

Seidl: Na ja, es ist so, dass ich natürlich im Vorfeld, in der Vorbereitung für so einen Film in der Recherche schon sehr viel kennenlerne. Und ich muss mir halt auch die richtigen Menschen aussuchen, die sozusagen bereit sind, zu dem einen oder anderen Thema etwas zu sagen. Und nachdem habe ich sie auch ausgesucht. Und dass sie sich nicht scheuen, vor der Kamera etwas zu sage, wie sie denken, welche Tiere sie schießen würden, welche nicht, das war natürlich ein Konzept und das ist auch so gelungen und umgesetzt worden.

Wellinksi: Es gibt auch sehr starke Szenen, wo man sieht, was mit den erschossenen Tieren passiert. Die werden gehäutet und auseinandergenommen. Warum waren Ihnen diese Szenen in Ihrem Film auch noch wichtig?

Seidl: Weil es dazugehört. Also, hätte ich das nicht gezeigt, dann hätte ich das Gefühl gehabt, hier fehlt irgendetwas. Weil, der Zuschauer würde sich natürlich fragen, was passiert mit den erschossenen Tieren? Und das zu zeigen, dass das auch letztendlich eine Industrie ist, also, das Fleisch wird sozusagen verarbeitet, verwertet, verkauft, die Trophäen, auch die Trophäen ist eine Industrie, das gehört irgendwie dazu.

"Die Schwarzen sind Teil der Jagd"

Wellinksi: Dazu gehören auch die afrikanischen Einwohner, die da mitarbeiten, die eher stumm bleiben. Sie gehen auch weiter mit ihnen mit, zeigen, wie sie wohnen, zeigen so ein bisschen ihren Alltag. Gehört das auch zu dem kompletten Bild dieser Jagd, dass man auch diese Menschen zeigt, die da mitarbeiten, die aber quasi nicht die klassischen Jagdurlauber selbst sind?

Seidl: Ja, weil, die Schwarzen sind ja ein Teil dieser Jagden. Also, der Film zeigt ja, dass auf die Jagd immer ein Jagdhelfer mitgeht, das ist ein Schwarzer, es sind keine Jagdführer, das ist auch interessant zu sehen. Weil, sie sind ja die Menschen, die viel früher das Gespür haben, wenn wo ein Tier auftaucht. Und die haben einfach die besseren Augen auch und so weiter. Aber in den Machtverhältnissen stehen sie natürlich unter den Weißen. Also, sie leben sozusagen in ihren eigenen Unterkünften, die auch sehr ärmlich sind, was der Film zeigt, sie verarbeiten die Tiere, sie sind Angestellte von der Farm und die Farm gehört immer Weißen.

Koloniales Verhältnis zwischen Europa und Afrika

Wellinksi: Jetzt ist das zum zweiten Mal, dass Sie so intensiv in Afrika unterwegs sind, nach "Paradies: Liebe". Das Interessante ist, das Verhältnis zwischen Europa und Afrika, das Sie letztendlich damit zeigen, das ist bei Ihnen ein Verhältnis der - bei "Paradies: Liebe" war es der gegenseitigen Ausbeutung - hier ist es der Ausbeutung. Ist es dann auch so das Fazit, das man in dem Verhältnis Afrika-Europa ziehen kann?

Seidl: Ja, das würde ich genau so sehen. Und der Film zeigt es auch wieder, hier spielt Macht und Geld eine Rolle und es spielt die Vergangenheit eine Rolle. Also, alleine dass in Namibia ein ganz großer Teil des Landes einfach weißen Einwanderern gehört und die Schwarzen haben sozusagen hier wenig zu sagen. Und das ist eine Form des jetzigen Kolonialzustandes.

Wellinksi: Herr Seidl, vielen Dank für den Film und ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg!

Seidl: Danke vielmals, danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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