Dokumentation „Monobloc“

Ein Stuhl für die Welt

05:37 Minuten
Ein braun-roter Monobloc im Fischerviertel von Vada, Italien, vor einer petrol-blauen Wand.
Das meistverkaufte Möbelstück der Welt. © imago / Kickner
Von Hartwig Tegeler · 27.01.2022
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Was braucht es für eine weltweit erfolgreiche Sitzgelegenheit? Eine Spritzgussform, Polypropylen und schon ist der Monobloc fertig. Ein neuer Dokumentarfilm geht dem Phänomen dieses Plastikstuhls nach.
„Wenn man über einen Plastikstuhl stolpert, bricht niemand in Jubelstürme aus“, sagt Hauke Wendler. Aber, fügt der Dokumentarfilmer hinzu, nichts im Leben ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Weltweit soll es eine Milliarde von diesen in Deutschland meist weißen Plastikstühlen namens Monobloc geben.

Sparen an allen Enden

50 bis 55 Sekunden braucht es, bis der Stuhl in einem Stück gegossen ist. Erfunden wurde er nach einigen Vorstufen anderer Designer in den frühen 1970ern von Henry Massonnet. Der konzipierte den Stuhl noch als Designobjekt für gehobene Käuferschichten.
„Damals wollte Massonnet ein Lifestyle-Objekt schaffen und hat auch viel hochwertigeres Material verwendet als die Baumarktstühle heute“, erklärt Heng Zhi vom Vitra Design Museum in Weil am Rhein, die eine Monobloc-Ausstellung kuratierte.
„Heute geht es wirklich nur mehr um die Effizienz. Das heißt, es wird einfach gespart ohne Ende. Wenn die Materialstärke nicht mehr reduziert werden kann, dann macht man noch irgendwelche Löcher oder Muster in die Rückenlehne oder in die Sitzfläche rein.“
Das mit der einstigen vom Schöpfer entwickelten Wertigkeit scheint lange her. Oder scheint das vielleicht nur so? Designschrott! Umweltmüll! Lauthals mokieren sich in Hauke Wendlers Film „Monobloc“ viele Befragte.

Ist Recycling immer besser?

Doch dann gibt es in dem Dokumentarfilm eine radikale Zäsur inklusive eines Kontinentensprungs. Hin zu der gehbehinderten Frau in Uganda, die sich keinen Rollstuhl leisten kann, und hin zum US-Amerikaner Don Schoendorfer und seiner NGO „Free Wheelchair Mission“, einer Organisation, die Rollstühle für Menschen mit Behinderungen in Entwicklungsländern bereitstellt.
Ingenieur Schoendorfer hatte eine Priorität. Er möchte die Kosten für Rollstühle möglichst gering halten, um so viele Menschen wie möglich zu versorgen. Damit war Schoendorfer beim billigsten Stuhl in der Welt. Er baut für die "Free Wheelchair Mission" einen Monobloc auf ein Metalluntergestell mit Rädern.

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Die Szenen in der Doku, wenn die alte Frau das erste Mal mit ihrem „Gen 1“ – sitzend auf einem Monobloc mit Rädern – über ihre Dorfstraße in Uganda fährt, sind tief berührend und beeindruckend.
In Brasilien und Indien, wohin Wendler noch reist, wird klar, dass der Stuhl vor Ort einige Industriellenfamilien sehr reich gemacht hat, aber gleichzeitig auch die Basis für eine rege Industrie bietet, die am Ende aus den kaputten Stühlen wieder das Polypropylen recyclen, aus dem der Stuhl dann wieder neu gegossen werden kann.
Der Recyclinghof in Indien ist allerdings alles andere als ein angenehmer Ort, wie Wendler berichtet: „Für mich war Recycling immer eines der guten Wörter, die das Leben besser, sauberer und gerechter machen. Je länger wir zwischen Lärm, Gestank und Plastiksplittern stehen und filmen, umso mehr zweifle ich daran, dass die Sache so simpel ist.“

Anderer Blick auf den Monobloc

Am Anfang sei für ihn, sagt der Filmemacher, der Monobloc ein lächerliches, hässliches Objekt gewesen. Dieser Eindruck habe sich grundlegend geändert. Denn häufig ist dieser Stuhl das einzige Möbelstück, das sich arme Menschen in Entwicklungsländern leisten könnten, und damit sind nicht nur die Rollstuhlfahrer gemeint.
An diesem Reflexionsprozess lässt Wendler in seinem wunderbaren Film teilhaben. So wird die Doku zu einer aufschlussreichen Studie in globalen Zeiten über die unterschiedlichen Blickwinkel auf die Dinge.
Das Sein bestimmt das Bewusstsein, das gilt auch in der Bewertung eines Plastikstuhls, der in weniger als einer Minute gegossen wird. Manchmal hilft ein Film, für diese Erkenntnis mit all den ihr innewohnenden Widersprüchen den Blick freizumachen.

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