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Vollbild | Beitrag vom 01.08.2020

Dokumentation "Another Reality"Der Großstadtalltag von Familienclans

Noël Dernesch und Oliver Waldhauer im Gespräch mit Susanne Burg

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Nahaufnahme eines bärtigen Mannes vor einem Maschendrahtzaun. (Der Filmverleih)
Für ihren Dokumentarfilm "Another Reality" haben Noël Dernesch und Oliver Waldhauer fünf Männer begleitet, die Teil illegaler Familienclans sind. (Der Filmverleih)

In ihrer Dokumentation "Another Reality" beleuchten Noël Dernesch und Oliver Waldhauer den Großstadtalltag von Familienclans. Sie begleiten fünf Männer, die übers Gefängnis, über ihre Träume vom schnellen Geld oder über ihre Erfahrungen mit dem Tod erzählen.

Susanne Burg: Beim Dok.fest in München hat er im letzten Jahr den Publikumspreis gewonnen, in der kommenden Woche ist "Another Reality" nun auf Arte zu sehen. Der Film beleuchtet den Großstadtalltag von Familienclans. Er begleitet fünf Männer, die in den Strukturen von Gangs und Großfamilien eingebunden waren und sind, die vom Traum vom schnellen Geld, von Einbrüchen, ihren Gefängniserfahrungen und dem Tod erzählen. Drei Jahre lang haben die Filmemacher Noël Dernesch und Oliver Waldhauer die Männer begleitet. Ich habe vor der Sendung mit den beiden gesprochen. Die fünf Männer reden ja erstaunlich offenherzig über ihr Leben, ihre Träume, aber auch die Regeln, nach denen die Illegalität funktioniert. Wie haben Sie dieses Maß an Vertrauen gewinnen können?

Oliver Waldhauer: Zeit. Ich glaube, dass wir uns die Zeit genommen haben, auch vor dem ersten Drehtag sehr viel Zeit mit den Jungs zu verbringen und eine Beziehung aufzubauen, bevor wir angefangen haben zu drehen. Das ist, glaube ich, der eine Punkt. Und der andere Punkt ist, dass wir ähnlich offen von unseren Ängsten, Sorgen, Träumen, Nöten et cetera erzählt haben. Wir haben keine Angst vor unseren Fehlern, wir haben keine Angst vor unseren Schwächen und wir haben auch keine Angst, darüber zu kommunizieren. Und ich glaube, Noël muss mich unterbrechen, wenn ich Quatsch rede, aber ich glaube, dass das auch so ein Türöffner ist für die Art und Weise, wie wir Filme machen.

Noël Dernesch: Ja, ich glaube auch. Man muss keine Angst vor Nähe haben, wenn man weiß, wer man selber ist. Und wir waren zuerst zwei Jahre total ohne Kameras mit den Jungs unterwegs, haben die besucht, sind mit denen abgehangen, haben sie begleitet. Und als wir angefangen haben, mit der Kamera dabei zu sein, gab es dann noch mal eine Phase, wo sie sich wieder daran gewöhnen mussten und wo sie am Anfang immer irgendwie performen wollten oder etwas spielen wollten.

Und dann haben wir immer ganz klar gesagt… also, sie haben uns dann häufig auch so gefragt: "Ja, was machen wir heute?" Und dann haben wir gesagt: "Leute, wir sagen euch nicht, was ihr machen sollt, sondern es ist genau das, was jetzt abgeht, ist quasi part of life – und da sind wir einfach mit dabei." Das war ein Prozess, der ein bisschen gedauert hat, bis sie sich auf das einlassen konnten, dass hier nichts gestaged war und wir ihnen auch nicht sagen, was jetzt zu tun ist, sondern dass wir einfach einen Ausschnitt aus ihrem Leben beleuchten und uns im Hintergrund einfach aufhalten.

Emanzipation von der Familie - aber trotzdem enge Bande

Burg: Einer Ihrer Protagonisten, Sinan, sagt an einer Stelle, es sei wie Treibsand, aus dem kriminellen Kreislauf auszusteigen. Er sagt, wenn du einmal drin bist und kein Seil hast, an dem du dich festhalten kannst, dann gehst du unter. Ist die Familie hier der Treibsand oder das Seil oder beides?

Dernesch: Ich glaube, es ist vielfach beides. Die Familienbande sind sehr eng, sich von Familie wirklich zu emanzipieren, ist, glaube ich, ein Riesending. Das ist etwas, was wir uns gar nicht vorstellen können, was das heißt, weil das häufig einfach die einzigen Menschen sind, welchen die Jungs wirklich so vertrauen. Und sich da loszulösen, glaube ich, gelingt den wenigsten. Und da viele Familienmitglieder an einigen Orten auch, ich sage jetzt mal, Arbeiten nachgehen, denen wir vielleicht nicht nachgehen würden, ist natürlich die Verlockung auch immer da. Und gerade zum Beispiel auch bei Amat ist dieser Spagat, den er macht, zwischen schnellem Geld und legal etwas aufbauen, der ist in seinem Leben natürlich super präsent.

Waldhauer: Noch mal zu der Familie: Also diese Welt, die wir dokumentiert haben, da wird sich nicht mit seinen Eltern gestritten. Die Eltern sind die Instanz Nummer eins, dadurch ist es noch viel schwieriger, sich zu emanzipieren oder sich zu lösen.

Burg: Das sind ja auch alles sehr heikle Themen auch für Ihre Protagonisten. Ich war überrascht, wie die dann doch auch über diese Loyalitäten und Zwänge und auch so ein bisschen über die kritischen Seiten geredet haben – und dann ja auch über die illegalen Dinge, die sie so treiben. Sie haben ja auch eine Verantwortung für Ihre Protagonisten, wie haben Sie die Grenzen ausgelotet dessen, wie weit Sie gehen wollten?

Dernesch: Na ja, die Grenzen waren eigentlich ziemlich klar. Alles, was quasi nicht verjährt ist an kriminellen Taten, dürfen sie uns nicht erzählen, weil sonst sind wir Mittäter, und das wollten wir auch nicht wissen. Und da gab es natürlich Situationen, wo wir schon mal Stopp rufen mussten, respektive irgendwie Kamera ausmachen, weil das Vertrauen dann irgendwann so groß war, dass die dann auch sehr freizügig erzählt haben.

Wobei man auch sagen muss: Uns ging es ja in dem Film eigentlich nicht um die Leichen im Keller, wenn ich das mal so sagen kann, sondern uns ging es eigentlich um das Zwischenmenschliche. Es ging uns um ihre Ängste, ihre Sorgen, ihren Zwiespalt zwischen eben Gesellschaft und Familie. Und diese ganze Romantisierung, die jetzt eine Serie macht wie "Four Blocks" oder "Der Pate" oder so, wo dieses ganze Gangstertum auch so einen Hype kriegt und glorifiziert wird, von dem wollten wir uns ganz klar abgrenzen.

Eine Welt der Selbstdarstellung

Burg: Wie schwierig war das, sich abzugrenzen, denn wie Sie schon eingangs sagten, Ihre Protagonisten hatten ja auch ein bestimmtes Bild im Kopf dessen, wie sie sich darstellen wollten. Und man hat manchmal auch das Gefühl, dass auch die Protagonisten in so einem Zwiespalt sind, ihr Leben auch ein bisschen als cool darzustellen, aber das auch zu reflektieren. Und Sie müssen dafür ja auch Bilder finden. Inwieweit war das auch eine Herausforderung für Sie?

Waldhauer: Ich glaube, es gibt zwei Hürden, die wir nehmen mussten. Die eine Hürde heißt "SpiegelTV". Wir mussten den Leuten erklären, was ist denn überhaupt eine Dokumentation und wo ist der Unterschied zwischen einer Dokumentation und einer Reportage: "Wir rennen nicht mit einer Kamera in einen Gerichtssaal, halten dir die vor das Gesicht und stellen dir Fragen, die dich in die Ecke stellen, ohne dass wir uns bei dir vorgestellt haben, dich kennengelernt haben et cetera. Das machen wir nicht, das ist nicht unsere Art, das ist auch nicht die Art und Weise einer Dokumentation."

Aber die haben vorher keine Dokumentationen geschaut, sondern nur Reportagen. Also war das eine Hürde, die wir nehmen mussten. Die zweite Hürde ist, dass die Welt, in die wir eingetaucht sind, auch eine Welt der Selbstdarstellung ist. Da müssen wir auch keinen Hehl draus machen, jeder glorifiziert sich, macht sich größer als er ist. Und das quasi am Ende des Tages denen auch so ein bisschen, böse gesprochen, auszutreiben, dass wir hier nicht die kleine Selbstdarstellungsshow sind und auch nicht der lebende Imagefilm für Sinan oder Agit oder all die anderen, die ich gerade vergessen habe. Das sind wir einfach nicht.

Und das ist natürlich die Zeit, da war die Zeit unser Allheilmittel, weil die Leute ja auch gemerkt haben, wann Noël und ich so ein bisschen gelangweilt zu Boden geguckt haben beim Drehen, nämlich dann, wenn es die Selbstdarstellung war. Nämlich so: Ja, ja, lass mal machen, wir haben sogar Kamera aus gemacht zwischendurch. Lass die Jungs sich mal ausspielen, wenn die wieder entspannt sind, drehen wir wieder. Das quasi hinzubekommen, ohne dass es diskreditierend ist, ich glaube, das war einer der großen Punkte von Noël und mir.

Der Traum von einem stinknormalen Leben

Burg: Ich würde gerne noch mal zu den Widersprüchen kommen, die die Protagonisten teilweise selber aufmachen, zwischen Selbstdarstellung, zwischen dem, was sie sein wollen und was sie sind. Vier der fünf Männer haben ja Erfahrungen mit dem Gefängnis, eine Ausnahme bildet Achmet. Der Berliner will es eigentlich legal schaffen, das sagt er anfangs. Dann bekommt man aber im Laufe des Films mit, dass er Autos an Menschen vermietet, die das nicht unter ihrem echten Namen machen wollen. Und er bekommt dafür große Scheine. Es gibt da einen gewissen Widerspruch zum Statement am Anfang, das Sie aber ganz bewusst auch so stehenlassen?

Dernesch: Na ja, klar. Es gibt einige Szenen, die wir ganz bewusst so geschnitten haben, dass sich die Jungs auch selber demontieren, dass sie sich selber widersprechen. Genau dort fängt ja die Reibung an, dort erkennt man ja, was ist Show und was ist dahinter, was ist Fassade und wo bröckelt es dann. Das haben wir natürlich auch ganz bewusst so geschnitten. Was wir nie machen wollten, war irgendwie eine Glorifizierung der Jungs, wir wollten aber auch nicht platt, als Schenkelklopfer, sagen: "Guck mal, der war irgendwie 20 Jahre im Knast und hat es eben nicht geschafft." Diese feine Linie zu finden, den Jungs gerecht zu werden und mit ihnen auf Augenhöhe zu sprechen, aber sie auch kritisch zu hinterfragen. Ich glaube, das war auch die Kunst für uns in diesem Film.

Waldhauer: Und ich finde, was man nicht vergessen darf, wir reden immer von Nähe, Nähe, Nähe. Nähe heißt natürlich auch, Zerrissenheit zeigen zu können. Jeder liegt abends im Bett und träumt von dem stinknormalen Leben ohne Angst, ohne Konsequenzen. Das haben die alle. Das einzige Problem ist, dass die nicht bereit sind, für den Lifestyle so hart zu arbeiten, dass sie sich diesen Lifestyle quasi leisten können. Da ist wieder diese Zerrissenheit.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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