Dokumentarfilmerin Aysun Bademsoy

    "Ich schaue wie eine Ethnologin auf die Migrationsgeschichte"

    36:12 Minuten
    Die Filmemacherin und Schauspielerin Aysun Bademsoy posiert für ein Foto.
    Aysun Bademsoy: Beeinflusst haben sie Regisseure wie Raymond Depardon oder Harun Farocki. © Aysun Bademsoy
    Moderation: Ulrike Timm · 26.10.2021
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    Sie drehte Filme über die Lebenswege junger Türkinnen, begleitete mit der Kamera türkische Rückkehrer: die Regisseurin Aysun Bademsoy. In "Spuren" gibt sie den Angehörigen der NSU-Opfer eine Stimme – und beginnt, am deutschen Rechtsstaat zu zweifeln.
    Vor über 20 Jahren wurde der türkischstämmige Blumenhändler Enver Şimşek ermordet. Er war das erste Opfer der Mordserie der terroristischen Vereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU). Neun weitere Morde folgten. Aysun Bademsoy hat die NSU-Prozesse vor Ort verfolgt, war fassungslos über die milden Strafen der Mittäter. Wie leben Familien, die ihren Ehemann, ihren Vater verloren haben mit so einer Last weiter – fragte sich Aysun Bademsoy und hat darüber einen berührenden Film gedreht: "Spuren". Darin gibt sie den Angehörigen der Opfer eine Stimme. "Was bleibt eigentlich für diese Menschen? Haben sie noch ein Gefühl für Deutschland? Wie trauert man, und was ist Deutschland für sie, das Land, in dem sie auch teilweise auf die Welt gekommen sind?"
    Aysun Bademsoy lässt zum Beispiel Semya Şimşek, die Tochter des ermordeten Enver Şimşek, zu Wort kommen. Sie zieht in die Türkei und heiratet dort, aber sie bleibt eng mit Deutschland verbunden. Ganz anders Gamze Kubaşık: Sie kann sich nicht vorstellen, mit ihrem türkischen Mann in der Türkei zu leben. Ihr Zuhause ist Deutschland.

    Das Klischee von der Türkin mit Kopftuch

    Aysun Bademsoy kam 1969 mit neun Jahren aus der türkischen Hafenstadt Mersin nach Berlin. Die Mutter war in der Familie die treibende Kraft, die Heimat zu verlassen. Sie wollte ihren drei Kindern gute Ausbildungen in Deutschland ermöglichen. Eines Tages wird durch Vermittlung von Bekannten fast die ganze Familie für einen Film gecastet: "Zuhause in der Fremde".
    Aysum Bademsoy spielt darin eine junge Türkin, die mit einem Deutschen zusammen ist. Ihr Filmpartner: Herbert Grönemeyer. Es ist ihr Einstieg als Schauspielerin – bis sie eines Tages genug hat.
    "Ich musste immer die gleiche Rolle spielen, dieses Klischee der Deutschen, dass die Türkinnen Kopftuch und Pumphosen tragen. Es war immer so ein unglaublich hässliches Bild, was von einer Türkin gegeben wurde. Es gab zwar ein paar Versuche – ich habe auch mal eine Punkerin gespielt –, aber grundsätzlich war es so, dass mir das auf den Wecker ging."

    Filme für ein deutsches Publikum

    Sie wechselt die Seite und steht bald hinter der Kamera. In ihren Dokumentarfilmen "Mädchen am Ball", "Nach dem Ball" und "Ich gehe jetzt rein" begleitet sie die Lebenswege Fußball spielender junge Türkinnen über dreizehn Jahre. In "Am Rand der Städte" zeigt sie Türken, die in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Dort leben sie in schicken Rentner-Trabantenstädten, mit ihren Möbeln aus Deutschland und deutschem Fernsehen. "Es ist eine Oase, und es ist so etwas wie ein Untersuchungsfeld." sagt Aysun Bademsoy, die sich mit der Migrationsgeschichte auch ethnologisch auseinandersetzt. Ihre Filme seien "Türöffner" und vor allem für ein deutsches Publikum gemacht.
    Beeinflusst haben sie Regisseure wie Raymond Depardon oder Harun Farocki. In ihren eignen Filmen lässt sie vor allem die Protagonistinnen und Protagonisten zu Wort kommen. Kommentare aus dem Off fehlen weitgehend. "Ich vertraue den Leuten, die meine Filme sehen, dass sie die Fähigkeit haben, sich auf das Leben dieser Menschen einzulassen. Mich stören Kommentare sehr oft, weil die mir sagen, in welche Richtung ich diese Bilder definieren muss. Ich liebe es, in Ruhe einen Film zu gucken, ohne bevormundet zu werden."
    (svs)
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