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Studio 9 | Beitrag vom 04.06.2019

Dokumentarfilm "Push"Das weltweite Geschäft mit dem Wohnen

Von Christian Berndt

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London. Szene aus dem Film "Push – Für das Grundrecht auf Wohnen" von Fredrik Gertten. (Push/WG Film AB)
London. Szene aus dem Film „Push – Für das Grundrecht auf Wohnen“ von Fredrik Gertten. (Push/WG Film AB)

Ob New York, Seoul oder Berlin – überall steigen die Mieten, und nichtvermögende Menschen können sich ihre Wohnung nicht mehr leisten. Der Dokumentarfilm "Push" von Fredrik Gertten beschreibt, wie Hedgefonds mit einem Grundbedürfnis Profit machen.

Eine Kneipe in einem angesagten Viertel Torontos. Der Wirt tritt als Sänger auf, zwischendurch unterhält er die Gäste mit launigen Ansagen, die sich um eine der zentralen Lebensfragen in diesem Viertel drehen.

Yogastudios oder Hipstercafés sind nicht das Problem

Der Barkeeper meint, es sei Zeit, das Viertel zu verlassen, wenn Vintage-Klamotten-Läden eröffnen. Dann gelte die Gegend endgültig als cool, und die Mieten würden unbezahlbar – das Phänomen der Gentrifizierung. Der schwedische Dokumentarfilm "Push – Für das Grundrecht auf Wohnen" beschreibt das weltweit wachsende Problem, dass Wohnen in vielen Innenstädten für Normalsterbliche unerschwinglich wird. Allerdings – so die amerikanische Soziologin Saskia Sassen – seien nicht Yogastudios oder Hipstercafés das Problem:

Sassen meint, wenn die Leute der Gentrifizierung die Schuld geben, sage sie: "Schön wär‘s!" Denn das Problem sei vielmehr, dass Wohnungen Spekulationsobjekte geworden seien. Eine Entwicklung, die in den 80er-Jahren begann, aber mit der Finanzkrise 2008 rasant beschleunigt worden sei. Der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz erklärt, nach der Finanzkrise hätten Staaten wie die USA Investmentfirmen beim Großeinstieg ins Immobiliengeschäft unterstützt.

Hedgefonds, so Filmemacher Fredrik Gertten, kaufen gerne billige Immobilien in sozialschwachen Vierteln, vertreiben die Mieter mit saftigen Mieterhöhungen, um dann die Wohnungen teuer weiterverkaufen zu können. Wohnhäuser würden in Metropolen oft nicht mehr für Mieter gebaut, sondern als Wertanlage. Man lasse Häuser mitunter jahrzehntelang leer stehen, weil sie sich ohne Mieter leichter verkaufen ließen. Die Folge: verödete Innenstädte.

Auseinanderdriften von Lohnentwicklung und Mieten

Wir sind an einem Wendepunkt, sagt die UN-Sonderberichterstatterin für das Menschenrecht auf Wohnen, Leilani Farha. Denn verschärft werde das Problem dadurch, dass eine wachsende Urbanisierung mit einem immer stärkeren Auseinanderdriften von Lohnentwicklung und Mietpreisen zusammenfalle.

Leilani Farha, UN-Sonderberichterstatterin für das Menschenrecht auf Wohnen.  (Push/WG Film AB)Leilani Farha, UN-Sonderberichterstatterin für das Menschenrecht auf Wohnen. (Push/WG Film AB)
Gertten hat Farha auf ihrer weltweiten Tour begleitet, sie untersucht die Situation in Städten von Seoul bis Berlin-Kreuzberg:

"Hier in Kreuzberg haben wir noch mal viel höhere Mietsteigerungen als in Berlin, während in Berlin eine 20-prozentige Mietsteigerung ist, haben wir hier teilweise 70 Prozent. Aber Kreuzberg ist ein rebellischer Bezirk."

In Berlin gibt es Initiativen, die in Verbindung mit der Politik den Verkauf von Häusern an Investoren bremsen wollen. So wie die energische Farha, die eine globale Bewegung ins Leben gerufen hat, die in Zusammenarbeit mit Stadt-Regierungen gegen die Kommerzialisierung der Innenstädte vorgeht. Gertten sieht auch seinen Film "Push" als Teil dieses Kampfes.


Demonstration am 6. April 2019 in Berlin gegen den "Mietenwahnsinn" und gegen die Zentrifizierung. (imago images / Emmanuele Contini)Demonstration am 6. April 2019 in Berlin gegen den "Mietenwahnsinn" und Verdrängung (imago images / Emmanuele Contini)

Er kommt aus dem Land von Greta Thunberg, sagt Gertten, er könne gar nicht anders, als idealistisch zu sein. Eindringlich schildert der Film die Situation in Städten wie Seoul, wo Mieter von Schlägertrupps überfallen wurden, weil deren Wohnungen dem Bau von Luxusapartments im Weg waren.

Leider lässt es der Film an tieferen Analysen und präziseren Erläuterungen vermissen, etwa wie genau die staatlichen Unterstützungen für Investmentfirmen nach der Finanzkrise aussahen. Trotzdem schärft der Film den Blick für ein brandaktuelles Problem, das man hier als veränderbar und nicht als unvermeidliches Schicksal erlebt.

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