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Vollbild | Beitrag vom 06.02.2021

Dokumentarfilm "Leonardo DiCaprio: Most Wanted!"Sezierung eines Sonnensystems

Henrike Sandner im Gespräch mit Patrick Wellinski

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Leonardo DiCaprio posiert auf dem Roten Teppich vor Fotografen. (AFP / Christophe Simon)
Eine Armada von Anwälten und Agenten sorgt dafür, dass Leonardo DiCaprios Starimage aufrecht erhalten bleibt, erklärt die Regisseurin Henrike Sandner. (AFP / Christophe Simon)

Regisseurin Henrike Sandner hat recherchiert, wie Leonardo DiCaprio zum Star wurde und wie er darauf achtet, dass er es bleibt. Er schare Anwälte und Agenten um sich und sorge dafür, dass Kollegen schweigen. Eins ist klar: Image ist wichtig.

Patrick Wellinski: Er ist einer der bekanntesten Schauspieler Hollywoods: Leonardo DiCaprio. Spätestens seit seinem Durchbruch mit James Camerons "Titanic" avancierte er zum Weltstar. Vor allem seine spätere Zusammenarbeit mit Regisseur Martin Scorsese machte aus dem einstiegen Schönling und Mädchenschwarm einen angesehenen Charakterdarsteller – eine Leistung, die mit dem Oscar für "The Revenant" ihren Höhepunkt erreichte.

Der arte-Dokumentarfilm "Leonardo DiCaprio: Most Wanted!" versucht, das Starsystem "DiCaprio" zu fassen. In Interviews mit Weggefährten und Kritikern wagt die Regisseurin Henrike Sandner einen Interpretationsversuch: Was macht die Kunst und den Erfolg von Leonardo DiCaprio aus? Was fasziniert gerade an ihm so sehr, dass Sie beschlossen haben, ihm einen Dokumentarfilm zu widmen.

Henrike Sandner: Leonardo DiCaprio Karriere geht schon sehr, sehr lange, über 30 Jahre inzwischen. Er hat eine ganze Generation geprägt bis heute, und diese Generation verfolgt seinen Werdegang. Das ist eine spannende Geschichte.

Eine "Rampensau" will zum Film

Wellinski: Die Geschichte beginnt recht früh für ihn, er stand schon als Kind vor der Kamera. Was hat ihn denn zum Film getrieben?

Sandner: Er war von vornherein, wie man sagt, eine kleine Rampensau. Er hat es geliebt, andere zu unterhalten und zum Lachen zu bringen. Das erzählen alle, die ihn auch als Kind kannten. Er ist ein Kind Hollywoods, was natürlich eine sehr prägende Erfahrung ist: In dieser Welt aufzuwachsen, heißt auch, ein Vorbild zu haben. Er wollte immer zu Hollywood dazugehören. Er ist ein Kind dieser Kultur.

In den 80er-Jahren ist wirklich fast jedes Kind irgendwann mal da zu einem Casting gefahren worden, und auch DiCaprios Mutter hat das getan. Leonardo DiCaprio gehört zu einer ganzen Generation an jungen Schauspielern, die schon als Kinder im Film aufgetaucht sind: Tobey Maguire zum Beispiel, sein bester Freund, und er haben sich schon auf Castingshows quasi in Konkurrenz befunden. Die Freundschaft besteht bis heute, und Tobey Maguire ist ja inzwischen auch ein großartiger Schauspieler geworden.

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Wellinski: Ich finde es spannend, dass Sie auch Regisseurinnen und Regisseure nach dem fragen, was am jungen Leonardo DiCaprio so spannend war, dass sie ihn gecastet haben. Unter anderem ist da auch die polnische Regisseurin Agnieszka Holland zu hören, die in Amerika mit ihm "Total Eclipse" gedreht hat, die Liebesgeschichte von Arthur Rimbaud. Alle versuchen zu beschreiben, was an diesem jungen Darsteller dran ist: Er ist ein Medium, er hat Charisma. Wie würden Sie die Frage beantworten: Was machte aus diesem jungen Darsteller DiCaprio ein so begehrtes Objekt für Regisseurinnen und Regisseure, was hatte dieser junge Mann?

Sandner: Sie haben zitiert, was Agnieszka Holland in meinem Film sagt. Sie sagt, er war für mich wie ein Medium. Ähnlich sagt das auch Michael Caton-Jones, der mit ihm den Film "This Boy’s Life" gemacht hat. Er sagt, man konnte ihm eine Geschichte erzählen, und er hat sie aufgenommen, er war wie ein Schwamm, und das schon als ganz, ganz junger Schauspieler.

Porträt von Leonardo DiCaprio als 15-Jähriger. (Picture Alliance / dpa / Ipol)Leonardo DiCaprio steht schon seit Kindertagen vor der Kamera. Sein Debüt gab er 1991 im Science-Fiction-Film "Critters 3 - Die Kuschelkiller kommen". (Picture Alliance / dpa / Ipol)

Mit 16 Jahren hat er mit Michael Caton-Jones gearbeitet, und da zeigt sich, dass dieser ganz junge Schauspieler es schafft: Nicht über irgendwelche schauspielerischen Techniken, nicht über eine gewisse, erlernte Art und Weise, wie man Schauspiel betreibt, nein, instinktiv hat er diese Rolle in sich aufgenommen. Man konnte ihm eine Rolle geben und er hat sie in sich aufgenommen und er ist diese Rolle geworden. Das setzt sich dann später in seiner Karriere fort. Aber schon als er ganz, ganz jung war, zeigt sich, dass das funktioniert. Auch Scorsese hat später für sich entdeckt, dass genau das DiCaprios großes Talent ist: Er wird diese Rolle.

Das Janus-Gesicht der Prominenz

Wellinski: Der Erfolg und eine Prominenz von einem Maßstab, die ihm beide selbst anscheinend unheimlich geworden ist, kam mit "Titanic". Sie schildern das in Ihrem Film an einer Szene während der Berlinale: Bei der Weltpremiere von "The Beach" sieht dieser junge Mann auf dem roten Teppich aus wie eine Katze, die plötzlich von einem Lichtstrahler angestrahlt wird und wegläuft. Da hat jemand Angst vor dem Erfolg, oder?

Sandner: Mit Sicherheit. Ich liebe auch den Spruch, den Michael Caton-Jones macht: Man sollte nicht froh sein, wenn einem der Himmel all das schenkt, was man sich von ihm wünscht. Leonardo DiCaprio hat sich diesen Erfolg immer gewünscht, und er hat, glaube ich, auch damit gerechnet, dass er ihn irgendwann mal haben wird, aber er konnte am Ende damit nicht wirklich umgehen. Wer kann das schon?

Das ist natürlich immer so eine Frage: Wenn man so einen Riesenkorb an Celebrity bekommt und noch so jung ist, kann einem das schon Angst machen. Er hat auch selber mal in einem Interview wohl formuliert, dass es wahnsinnig viel Fanpost gegeben habe, Mädchen genauso wie junge Männer hätten ihm geschrieben und ihn so angeschrieben, als wäre er ihr bester Freund. Sie haben sich wirklich ein Stück von ihm weggenommen, und das hat ihn durchaus irritiert.

Wellinski: Sie schildern ja auch, dass er spätestens an diesem Punkt sich große Gedanken über sein Image gemacht hat. Das lässt sich vielleicht daran bemessen, dass er einen auch von ihm produzierten Film "Don’s Plum" zurückgezogen hat. Das ist ein Film, der sehr zynisch ist, der sehr düster ist, der irgendwie plötzlich nicht mehr reinpasste in das Image des jungen Leonardo DiCaprio, der sein Leben opfert für Kate nach dem Niedergang der Titanic. Wie sehr legt jemand wie Leonardo DiCaprio Wert darauf, dass er sein Image selbst bestimmen darf?

Anwälte und Agenten fürs Image

Sandner: Er legt, wie er es selber sagt, gar keinen Wert auf sein Image. Allerdings hat das die Filmkritikerin Katja Nicodemus, die ich auch in meinem Film drin habe, mal andersrum formuliert: Sie sagt sehr schön: Sein Image aber interessiert sich sehr wohl für ihn. Das ist genau der Punkt. Er hat eigentlich vor "Titanic" versucht, sich nicht für sein Image zu interessieren. Dann ist ihm bewusst geworden, nach "Titanic" muss er sich dafür interessieren. Er muss ein Regelwerk schaffen und eine Kontrolle, um nicht unterzugehen, denn ein Mensch, der so in der Öffentlichkeit steht, kann auch zerrissen werden.

Er wollte keine Angriffspunkte mehr schaffen. Er hat sich eine Armada an Leuten um sich herum geschaffen, die ihn quasi beschützen, würde ich fast sagen – Anwälte, eine ganze Armada auch an Agenten; ein Schutzwall, den er bezahlt. Das ist bis heute so. Deshalb bekommt man ihn natürlich auch selber gar nicht für ein Interview. Das ist aber in Hollywood inzwischen gang und gäbe, da ist er keine Ausnahme –, dass diese Leute versuchen, sich selber zu beschützen vor diesem Außenblick: Was man von ihnen sehen soll, entscheiden sie.

Dieser "Don’s Plum"-Film, auf den Sie gerade anspielen, ist ja in Europa nicht verboten. Er hat das, soweit ich weiß, nur für die USA geschafft und für Kanada. Aber in Europa kann man den Film sehen und ihn auch als DVD kaufen. Er hatte 2001, wenn ich mich nicht irre, auf der Berlinale sogar Premiere. Der Zugriff ist also für ihn nicht weltweit möglich, aber er hat diesen Film verboten, weil es für ihn ein Imageschaden war.

Wenn man sich diesen Film anschaut, ist das einfach eine Truppe junger Leute, die sich so einem schmuddeligen Diner trifft, wo frauenfeindliche Sprüche gemacht werden – und er ist wahnsinnig unsympathisch in dieser Rolle, aber es ist eine Rolle. Er hat aber gesehen, es ist auch sehr viel Leonardo in dieser Rolle, und das könnte missverstanden werden. Deshalb hat er diesen Film dann mit großer Vehemenz verbieten wollen und hat das ja auch geschafft.

Kontrolle über das System 

Wellinski: Sie haben schon erwähnt, wie schwer es ist, an ihn selber ranzukommen, Sie haben ihn daher auch nicht interviewt für Ihre Dokumentation. Etwas, was von vornherein für Sie feststand, oder haben Sie es probiert?

Sandner: Wir haben es natürlich probiert, die Produktionsfirma, obwohl für uns fast klar gewesen ist, dass das nicht funktioniert. Ich meine, er hat eine deutsche Mutter, er hat auch noch Verwandtschaft in Deutschland wohnen, aber es ist jetzt auch nicht so gewesen, dass wir gesagt haben, wir müssen unbedingt über die Hintertür noch jemanden erwischen, weil im Grunde genommen nimmt dieses Management – dieser Gürtel an Menschen, die ihn beschützen – das auch sehr, sehr übel.

Eigentlich gehen alle Anfragen, egal ob man einen großen Regisseur wie Baz Luhrmann anfragt oder auch jemanden anderes, der mit ihm arbeitet, oder Scorsese, alle Anfragen gehen über den Tisch bei ihm. Es war auch sehr interessant, dass keiner, der mit ihm nach 1998, also nach diesem Wahnsinnserfolg von "Titanic" gearbeitet hat, eine Genehmigung bekommen hat, mit uns ein Interview zu machen.

Es war natürlich sehr schwierig, diesen Film zu machen, aber auf der anderen Seite ist das natürlich uns auch bewusst geworden, wir bekommen nur Leute, die vor 1998 mit ihm in Kontakt standen, denn da hat er dieses System noch nicht so sehr kontrollieren können und wollen.

DiCaprios Engagement für die Umwelt

Wellinski: Sie beenden Ihren Film mit der Frage, was man von so einem Schauspieler und auch von dem System DiCaprio noch erwarten kann. Wie würden Sie denn die Frage beantworten, nachdem Sie sich so intensiv mit diesem Leben, mit diesem Darsteller auseinandergesetzt haben: Was können wir von Leonardo DiCaprio noch erwarten?

Sandner: Ich glaube schon, sehr viel. Ich finde an ihm interessant, dass er sich selber inzwischen zu einer Art Mythos stilisiert hat. Er will ja zu den großen, alten Stars Hollywoods gehören, irgendwann. Er weiß, dass er quasi, ganz platt gesagt, öffentlich altert. Er hat seine Filme, er hat jetzt gerade wieder eine neue Produktion mit Scorsese, er wählt sehr genau aus.

Ich denke, was noch kommen wird, wird sein Umweltengagement sein. Das finde ich ganz spannend, dass er da seine Celebrity nutzt, um eine wirklich großartige Botschaft zu vermitteln, auch eine ganz andere Generation zu gewinnen als diese Generation, die ihm bei "Titanic" zugejubelt hat. Er ist sozusagen auch auf ganz anderen Wegen unterwegs und nutzt diese Berühmtheit, die er hat, auch für andere Botschaften. Und das, glaube ich, wird in Zukunft immer stärker werden.

Er wird nicht jedes Jahr vier große Filme machen, das wollte er nie. Wenn er alle zwei Jahre einen großen Film macht, dann wird das sicher gut funktionieren, aber in der Zwischenzeit hat er auch andere Aufgaben, und die wird er ausfüllen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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