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Kompressor | Beitrag vom 10.07.2018

Dokumentarfilm "Iuventa" im KinoWenn Abiturienten Flüchtlinge vor dem Ertrinken retten

Michele Cinque im Gespräch mit Christine Watty

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Sie sehen das Schiff "Iuventa" der Nichtregierungsorganisation Iuventa Jugend rettet (undatierte Aufnahme). (dpa-Bildfunk / IUVENTA Jugend Rettet e.V.)
Mit Spendengeldern kauften die Aktivisten von "Jugend rettet" das Schiff "Iuventa". (dpa-Bildfunk / IUVENTA Jugend Rettet e.V.)

Sie retteten 14.000 Menschen aus Seenot, doch jetzt wird gegen die jungen Aktivisten von "Jugend rettet" wegen Beihilfe zur illegalen Migration ermittelt. Der Dokumentarfilmer Michele Cinque hat die Aktivisten auf ihrer ersten Fahrt begleitet.

Dem Sterben im Mittelmeer wollten der Abiturient Jakob Schon und die Studentin Lena Waldhoeff nicht länger zusehen. Sie sammelten Spenden, kauften ein Schiff und und stachen 2016 mit der Iuventa in See, um dort auf eigene Faust Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu retten.

Gleich auf ihrer ersten Mission retteten sie mehrere tausend Menschen, erinnert sich der Filmemacher Michele Cinque, dessen Dokumentarfilm "Iuventa" nun in den Kinos startet.

"Meiner Ansicht nach haben sich diese Leute wirklich exzellent organisiert. Jakob, einer von ihnen, hat gesagt, dass sie zwar jung waren aber auf die Erfahrung Älterer gesetzt haben. Auf Generationen, die vor ihnen das schon gemacht haben, (…) wie einen Kapitän, der bereits Erfahrung hatte oder Ärzte mit den entsprechenden Vorkenntnissen. Das hatte dann die Folge, dass das Unternehmen erfolgreich war und das schon ab der ersten Mission."

Jugendliche Leichtigkeit

Jakob Schoen und Lena Waldhoeff waren bei ihrer ersten Mission etwa 20 Jahre alt und besaßen keinerlei Erfahrung in der Seenotrettung. Der Dokumentarfilm zeigt, dass die Mission vielleicht gerade deshalb mitunter eine gewisse Leichtigkeit besaß. Um die Zeit zwischen den Rettungsaktionen zu überbrücken, nahmen die jungen Aktivisten Musikinstrumente an Bord oder nahmen ein Bad.

Michele Cinque hat in seinem Dokumentarfilm den erfüllenden Moment eingefangen, wenn es den jungen Aktivisten gelingt, Menschen aus Seenot zu retten.  

"Bis man wirklich an Bord so eines Schiffes geht, macht man sich kein Bild davon, wie es ist, täglich 300-400 Personen zu retten. Und dann zu sehen, wie diese Menschen wirklich an Bord kommen. Wenn sie zum ersten Mal einen festen Punkt erreichen, einen Rettungsort. Dann zu sehen, was das für ein Glück bedeutet, anzukommen. Das lässt wiederum alles andere Tragische in den Hintergrund treten."

Frust über die ungewisse Zukunft der Flüchtlinge

Das Tragische, damit meint Michele Cinque, dass die Aktivisten der Iuventa schmerzhaft erfahren mussten, dass sie nicht alle Flüchtlinge retten konnten, dass die Iuventa manchmal die Leichname toter Flüchtlinge an Bord nehmen musste. Der Dokumentarfilm verfolgt auch das Schicksal einiger geretteter Flüchtlinge auf dem europäischen Festland weiter. Cinque besucht sie in einem italienischen Flüchtlings-Camp. Angesichts der ungewissen Zukunft der geretteten Flüchtlinge in Europa und der Möglichkeit, dass sie nach Afrika abgeschoben werden, hätten die Aktivisten immer wieder auch den Sinn ihrer eigenen Arbeit hinterfragt.

"Es gab diese Diskussion über das Projekt auch nach der ersten Mission. Aber wenn man dann guckt nach einem Jahr, als dann über 14.000 Menschen gerettet worden sind, das ist dann ein zu großer Mechanismus, der da in Gang gesetzt worden ist. Und all diese Freiwilligen, die bei der Rettung beteiligt waren, haben immer wieder öffentliche Programme, öffentliche Rettungsprogramme gefordert, also europäische Programme, die sich um diese Flüchtlinge kümmern."

Foltercamps in Libyen

Die Flüchtlinge, die die Aktivisten retten konnten, hätten ganz unterschiedliche Geschichten, erklärt Cinque. Doch alle wären am Ende ihrer Flucht in Libyen gelandet:

"Ein Ort, um den zu beschreiben, mir die Worte fehlen. Das kann man sich nicht vorstellen, wenn man das nicht gesehen hat. Aber wenn man hört, was die Leute erlebt haben, die wirklich keine eigenen Hoffnung mehr haben, die zwei Jahre eingesperrt waren in irgendeinem Camp, wo sie zweimal täglich gefoltert wurden. Wenn man sich so ein Camp vorstellt, dann versteht man, dass ein Boot die Lösung ist. Auch wenn es wahrscheinlich ist, auf See zu sterben."

(mw)

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