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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.10.2016

Dokumentarfilm "Haymatloz"Wie Deutsche in den 30ern in die Türkei emigrierten

Eren Önsöz im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Eren Önsöz' Film "Haymatloz" startet am 27 Oktober in den deutschen Kinos. (Haymatloz / Istiklal Caddesi)
Eren Önsöz' Film "Haymatloz" startet am 27. Oktober in den deutschen Kinos. (Haymatloz / Istiklal Caddesi)

Der Dokumentarfilm "Haymatloz" erzählt die Geschichte der Nachkommen jüdischer Intellektueller, die vor Hitler in die Türkei flohen. "Es ist kein Dilemma, zwei Heimaten zu haben", sagt Regisseurin Eren Önsöz über ihre Protagonisten.

Eckhard Roelcke: Was für ein Aufbruch: Nach der Gründung der Republik Türkei 1923 hat Kemal Atatürk nach und nach den Staat umgebaut und damit auch die Gesellschaft. So hat er zum Beispiel auch die Universitäten reformiert. 30 bis 40 Lehrstühle konnten allein in den 30er-Jahren allein in Istanbul auf einen Schlag neu besetzt werden, europäische Universitäten waren das Vorbild.

Und es kamen Wissenschaftler aus Deutschland, jüdische Wissenschaftler und Künstler, die vor den Nazis geflohen sind. Etwa 1000 Akademiker, exzellente Wissenschaftler und zugleich auch engagierte Pädagogen, die nicht nur forschten, sondern auch Lehrpläne entwickelten.

An das Schicksal einiger dieser Emigranten und ihrer Familien erinnert jetzt die Filmemacherin Eren Önsöz. Ihr Dokumentarfilm "Haymatloz" kommt jetzt in die Kinos. Die Regisseurin ist zu mir ins Studio gekommen – guten Abend!

Eren Önsöz: Guten Abend!

Roelcke: Sie erzählen dieses Kapitel der deutsch-türkischen Geschichte anhand von einigen Nachkommen dieser Wissenschaftler. Sie haben sich fünf Leute ausgesucht, dieser Film handelt von diesen fünf Leuten. Sagen Sie noch mal, von wem ging denn insgesamt diese Initiative aus?

Önsöz: Die Initiative ging eigentlich von Philipp Schwarz aus. Das war ein Pathologe aus Frankfurt, und der ist sogar noch vor der Machtergreifung der Nazis nach Zürich geflüchtet und hat von dort die Emigrationswelle in die Türkei eigentlich angestoßen.

Fachkräfte gesucht und gebraucht

Er hat die Nachricht erhalten, dass in der Türkei Fachkräfte gesucht und gebraucht werden. Und er hat angefangen zu vermitteln, weil er ja nicht nur sich retten wollte, sondern auch das Leben seiner Kollegen. Und er hat es tatsächlich geschafft, die Regierung in der Türkei zu überzeugen, und ganz viele seiner Kollegen auch in die Türkei vermittelt.

Die Filmemacherin Eren Önsöz (Deutschlandradio/Maurice Wojach)Die Filmemacherin Eren Önsöz (Deutschlandradio/Maurice Wojach)

Roelcke: Er hat es geschafft. Und Sie haben es geschafft, seine Tochter zu finden und mit ihr in die Türkei zu fahren.

Önsöz: Genau. Seine Tochter lebt in Zürich in der Schweiz. Sie ist in der Türkei auch aufgewachsen. Aber stellen Sie sich vor, Sie wurde noch nie zu diesem Thema interviewt oder befragt. Ich war wirklich die Erste, die bei ihr angeklopft hat.

Roelcke: Frau Önsöz, der Anfang Ihres Films, der hat mich so ein bisschen an Walter Ruttmanns "Sinfonie einer Großstadt" von 1927 erinnert.

Önsöz: Ein schönes Vorbild für mich.

Roelcke: In Ihrem sieht man historische Aufnahmen aus Istanbul, ratternde Maschinen, großstädtischen Verkehr, Menschen in Bewegung. Der Rhythmus dieser Bilder verdeutlicht ja diese ganze Aufbruchsstimmung. Welche Bedingungen fanden denn diese jüdischen deutschen Emigranten vor, als sie in den 30er-Jahren nach Istanbul oder auch nach Ankara, die neue Hauptstadt, gekommen sind.

Die Emigranten wurden gleich zu Würdenträgern

Önsöz: Also tatsächlich, in den Tagen, in denen sie ankamen, das war 1933, da wurde der Jahrestag der Türkischen Republik gefeiert. Zehn Jahre bestand die junge Türkische Republik, die Atatürk aufgebaut hat. Und es muss eine sehr faszinierende Zeit gewesen sein.

Die Emigranten kamen an und standen gleich in höchsten Würden. Sie wurden vom Staatsgründer persönlich empfangen, sie haben an diesen Feierlichkeiten teilgenommen. Und das haben sie ja teilweise auch in ihren Memoiren niedergeschrieben, was für ein erhebendes Gefühl das für sie war, nachdem sie aus der eigenen Heimat verjagt worden sind, dass sie dort zu den höchsten Würdenträgern gezählt worden sind und dass sie wirklich an den Schaltzentralen in der Gesellschaft Stellungen gefunden haben.

Roelcke: Mit fünf Nachkommen sind Sie in die Türkei gefahren, nach Istanbul, nach Ankara. Und an einer Stelle heißt es mal: Für die Deutschen bin ich der Türke, für die Türken bin ich der Deutsche. Beschreibt diese lapidare Bemerkung genau dieses Dilemma, nämlich die Frage nach der Identität, der Herkunft?

Önsöz: Das werde ich oft gefragt. Aber ich weiß gar nicht, ob es so ein Dilemma der Identität war. Diese Menschen haben ihre Heimat Deutschland nie vergessen, aber sie haben die Türkei als zweite Heimat sehr gern angenommen. Sie haben auch teilweise die türkische Staatsbürgerschaft angenommen. Sie sind teilweise in der Türkei begraben, einige von ihnen sind dort auch verstorben.

Aber sie haben ihre eigentliche Heimat Deutschland nie vergessen. Und ich glaube, es ist kein Dilemma, zwei Heimaten zu haben, und das hat auch Elisabeth Welling, die Tochter des Bildhauers, bei der Premiere in Köln gesagt. Das ist ein Gewinn für sie gewesen, und das war eine Bereicherung, auch für diese Persönlichkeit.

Roelcke: Zwei Heimaten. Aber der Titel des Films heißt "Haymatloz". Ist das ein Widerspruch?

"Heimatlos" stand in den Pässen

Önsöz: Sie wurden ja zu Heimatlosen gemacht. Sie hatten ja eine Heimat in ihrem Herzen. Sie haben ihre Heimat Deutschland nie vergessen. Das ist ja das Fatale, dass sie zu Heimatlosen gemacht worden sind, so wie sie von Hitler zu Juden gemacht worden sind.

Der Begriff "heimatlos" wurde diesen Menschen ja in die Pässe geschrieben von den Türken. Sie wurden ja vom deutschen Staat ausgebürgert. Das waren also geflüchtete Wissenschaftler, Deutsche, die aber staatenlos geworden sind. Und dieses Wort "heimatlos" ist sicher so oft gefallen, dass die türkischen Beamten dieses Wort in die Fremdenpässe der Deutschen geschrieben haben.

Roelcke: "Haymatloz" in einer ungewöhnlichen Schreibweise, mit "ay" und mit "oz" – wie erklärt sich diese Schreibweise?

Önsöz: Das ist eigentlich eine sprachliche Synthese zwischen dem Türkischen und dem Deutschen. "Heimat", so wie der Türke das hört und schreiben würde, und die Endung "oz", "haymatloz", das hat mir sehr gut gefallen. Das ist ja ein Wortspiel, was Türken lesen, was Deutsche lesen können und was irgendwie eine sehr aktuelle Komponente hat, weil wir haben zurzeit weltweit über 60 Millionen Menschen, die flüchten aus ihren Heimaten, flüchten müssen, fliehen müssen, die zu Heimatlosen heute gemacht werden.

Roelcke: Sie haben einen Film gedreht, der zwar von der Vergangenheit erzählt, der in Wahrheit jedoch viel, man könnte vielleicht auch sagen, erschreckend viel über die Gegenwart erzählt. Ist das so?

Önsöz: Das ist natürlich so. Das wollte ich auch mit diesem Film erreichen, dass die Menschen natürlich auch Parallelen ziehen. Denn man muss ja auch aus der Geschichte lernen. Und da sind viele Fehler gemacht worden. Aber leider sehe ich auch in der Gegenwart heute, dass viele Fehler wiederholt werden.

Und die Situation in der Türkei heute ist natürlich nicht eins zu eins zu vergleichen mit damals, mit '33, was in Deutschland passiert ist. Aber viele Dinge sind in einer ähnlichen Richtung schon ausgerichtet, dass die Menschen Angst haben.

Jedes Wort wird heute in der Türkei genau abgewägt

Und das war auch während den Recherchen schon für mich sehr schwierig, mit Akademikern frei zu sprechen, weil jeder Angst hatte und das Wort genau auf die Waagschale gelegt hat und abgewägt hat, verliere ich sonst meinen Beruf, wenn ich das hier alles offen sage? Aber das war vor zwei Jahren, das war ein Jahr nach den Gezi-Protesten. Inzwischen wäre es schon gar nicht mehr möglich, diesen Film, denke ich, in der Türkei unter diesen Bedingungen heute so zu drehen.

Eine große Türkeifahne hängt am Gelände des Parlamentes in Ankara. (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)Die Fahne der Türkei neben dem Atatürk-Denkmal am Parlament in Ankara erscheint als Verweis auf eine bessere Zeit: Offene Kritik kann man derzeit unter Erdogan nicht üben (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)

Roelcke: Glauben Sie denn – ich meine, es wird ja richtig offen Kritik auch geübt an Erdogan zum Beispiel, auch an der städtebaulichen Entwicklung. Glauben Sie, dass die Protagonisten heute unter Umständen Probleme bekommen?

Önsöz: Sie haben noch keine Probleme, zum Glück. Aber man weiß es wirklich nicht. Ich weiß es nicht, ich weiß nicht, was mit den Akademikern passieren wird.

In der Türkei sind die Entwicklungen so rasant, und leider werden sie auch immer negativer. Diese Entwicklungen, die jetzt passieren, die sind ja auch nicht neu. Das ist ja schon eine schlechte Entwicklung, die wir seit über einem Jahrzehnt schon in der Türkei beobachten, den Abbau der Demokratie, des Laizismus, was eben Atatürk in den Dreißigern, in den Zwanzigern in der Türkei versucht hatte zu installieren und es auch geschafft hatte, das wird gerade vehement vor unseren Augen abgebaut.

Roelcke: Also ein Film über die Vergangenheit, der hochaktuell ist?

Önsöz: Genau.

Roelcke: Frau Önsöz, gibt es eine Möglichkeit, diesen Film unter Umständen in der Türkei auch zu zeigen? Gibt es da schon Pläne?

Önsöz: Im Moment gibt es leider keine Pläne. Das bekümmert mich natürlich sehr, weil das ist ein sehr wichtiger Film, auch gerade für die türkische Gesellschaft. Diese Thematik ist ja nicht nur in Deutschland unbekannt, auch viele Türken wissen nichts darüber. Aber wir sind schon in Verhandlung mit einigen Fernsehsendern, und ich hoffe, dass der Film bald in der Türkei auch zu sehen sein wird.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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