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Interview / Archiv | Beitrag vom 17.01.2019

Dokumentarfilm "Congo Calling" beim Filmfestival Max-Ophüls-PreisDie Zweifel der Entwicklungshelfer

Stephan Hilpert im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Eine Gruppe Männer aus dem Congo stehen in bläulichen Licht beisammen. (Stephan Hilpert/Filmfestival Max-Ophüls-Preis)
Szene aus Stephan Hilperts Dokumentarfilm "Congo Calling": "Die Leute wollen sich nicht in die Opferrolle drängen lassen", sagt der Filmemacher. (Stephan Hilpert/Filmfestival Max-Ophüls-Preis)

Im Dokumentarfilm "Congo Calling" folgt Regisseur Stephan Hilpert drei Entwicklungshelfern in den Kongo. Statt das Land und die Hilfsprojekte zu beschreiben, erzählt er von den ganz privaten Problemen und Erlebnissen seiner Protagonisten.

Stephan Karkowsky: In Saarbrücken läuft das Filmfestival Max-Ophüls-Preis, wo der deutsche Filmnachwuchs miteinander konkurriert. Im Wettbewerb sind auch zwölf Dokumentarfilme, und einen davon haben wir uns rausgepickt, weil er uns so gut gefallen hat. "Congo Calling" von Stephan Hilpert. Guten Morgen, Herr Hilpert!

Stephan Hilpert: Hallo, guten Morgen!

Ein langes Filmprojekt

Karkowsky: Ihrer Filmsprache nach sind Sie alles andere als Nachwuchs. Ich habe da ein sehr reifes Werk gesehen, und auch Sie selbst sind ja nicht erst seit gestern beim Film. Wie lange gilt man denn in Saarbrücken als Nachwuchsfilmer?

Stephan Hilpert lacht. (Stephan Hilpert/Filmfestival Max-Ophüls-Preis)im Gespräch: der Filmemacher Stephan Hilpert. (Stephan Hilpert/Filmfestival Max-Ophüls-Preis)

Hilpert: Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Dieser Film hat begonnen als mein Abschlussprojekt an der Filmhochschule in München. Allerdings habe ich auch schon vor ein paar Jahren damit abgeschlossen, und den Film dann weiterentwickelt, weiter gedreht, noch länger weiter geschnitten, bis er jetzt fertig geworden ist. Aber ich bin auch zum ersten Mal bei diesem Festival und weiß nicht, ob ich irgendwann später vielleicht noch mal mitmachen darf.

Karkowsky: Wie lange haben Sie an dem Film gearbeitet?

Hilpert: Sehr lange. Ich habe jetzt erst gerade zufällig gemerkt, dass die erste E-Mail, die zu diesem Projekt geschrieben wurde, war, glaube ich, von 2011. Angefangen zu drehen haben wir 2015, jetzt ziemlich genau vor vier Jahren. Zum ersten Mal im Kongo war ich zwei Jahre davor. Also das zieht sich immer sehr lange mit diesem Filmprojekt.

Zwischen Idealismus, Freundschaft und Liebe

Karkowsky: Sie folgen in Ihrem Film "Congo Calling" drei europäischen Entwicklungshelfern im Kongo, und Sie folgen denen auch in den Kongo und stellen dabei nicht die Probleme des Kongo in den Mittelpunkt in erster Linie, sondern die ganz privaten Probleme Ihrer Protagonisten, zwischen Idealismus, Freundschaft und Liebe. Warum Kongo? Ich meine, hätte dieser Film auch überall anders spielen können?

Hilpert: Ich bin zu diesem Thema gekommen über einen der Protagonisten, Raoúl, der ein alter Freund von mir ist. Wir haben zusammen für ein Jahr studiert, vor sehr langer Zeit. Der ist halb Spanier, halb Franzose und ist Sozialwissenschaftler und arbeitet schon seit vielen Jahren immer wieder im Kongo und macht seine Forschungsprojekte dort, und hat mir das auch über die Jahre immer wieder erzählt, wie er die Situation dort wahrnimmt.

Also nicht nur die Situation im Kongo, die Situation des Landes selbst, sondern auch die Situation der Europäer, die dort als Helfer, als Forscher sind. Und so hat sich das dann irgendwann ergeben, dass ich das so spannend fand, dass ich irgendwann mal mit hingefahren bin und mir das selbst anschauen konnte.

Lauter weiße, westliche Helfer in Jeeps

Karkowsky: Irgendwas muss Sie neugierig gemacht haben, über das, was er Ihnen erzählt hat, über die europäischen Helfer im Kongo. Was war es?

Hilpert: Wir haben unseren Film gedreht im Osten der Demokratischen Republik Kongo, in der Stadt Goma vor allem und in dieser Region, direkt an der Grenze zu Ruanda. Und was man sofort merkt, wenn man da als unbedarfter Filmemacher hin stolpert wie ich, ist, dass dort die Lage schon seit sehr langer Zeit sehr instabil ist, schon seit Jahrzehnten fast sehr schlimmes Leid herrscht und Konflikte immer wieder aufbrechen, Rebellengruppen die Gegend terrorisieren.

Und deshalb sich auch über Jahrzehnte mittlerweile dieses ganze Hilfssystem dort so etabliert hat, dass es so eine sehr sichtbare Struktur ist. Es gibt da Hunderte, wenn nicht Tausende Hilfsorganisationen, lauter weiße, westliche Helfer, die dort mit ihren weißen Jeeps rumfahren. Ein System, das sehr sichtbar geworden ist.

Ein intimer, kein investigativer Film

Karkowsky: Nun betreiben Sie in Ihrem Film nicht in erster Linie Systemkritik, sondern folgen Ihren Protagonisten, und zwar, ich würde mal sagen, Sie kommen den Figuren unglaublich nahe. Es ist ein sehr intimer Film. Raoúl haben wir bereits genannt. Dann gibt es noch eine junge Belgierin, Anne-Laure, und einen nicht mehr ganz so jungen Berliner, einen Deutschen, der lange Zeit dort ist und jetzt eigentlich seinen Job verloren hat und davon träumt, dazubleiben im Kongo, und das klappt nicht, weil ihm das Geld ausgeht.

Ein Mann steht vor einem großen Gewässer auf einem Kai. (Stephan Hilpert/Filmfestival Max-Ophüls-Preis)Keine Systemkritik: Szene aus Stephan Hilperts "Congo Calling". (Stephan Hilpert/Filmfestival Max-Ophüls-Preis)

Hilpert: Genau. Es war von Anfang klar, dass wir keinen Film machen wollen, der jetzt ein investigativer journalistischer Film oder so was ist, der die Hilfe kritisiert. Weil ich mir auch niemals anmaßen kann, ohne Experte zu sein, zu sagen, Hilfe ist gut oder Hilfe ist schlecht, oder Hilfe hat die oder die Probleme. Sondern was ich faszinierend fand, war einfach zu sehen, wie Leute dort, Europäer wie ich selbst, dort mit ihrer Arbeit umgehen.

Kongos große Kunst- und Kulturszene

Karkowsky: Das ist ein Dokumentarfilm, der aber wie ein Spielfilm wirkt. Ich fühlte mich zeitweise an die Tableaus von Paolo Sorrentino erinnert zum Beispiel bei der Kamera, bei den Bildern, im Schnitt. Und natürlich, Sie haben diesen Film, was auch ungewöhnlich ist für einen Dokumentarfilm aus Deutschland, sehr intensiv mit Musik angefüllt. Welche Rolle spielt die?

Hilpert: Die Musik spielt eine große Rolle, weil eine der Geschichten, die der jungen Belgierin, Anne-Laure, mit einem Musikfestival zu tun hat. Ihre Aufgabe zur Zeit des Films ist, dass sie ein Musikfestival in Goma mit organisiert. Ein Festival, das das Ziel hat, eben zu sagen, hier gibt es nicht nur Leid, hier gibt es nicht nur Rebellen mit Kalaschnikows, sondern hier gibt es auch eine große Kunst- und Kulturszene.

Karkowsky: Und es gibt auch Liebe, denn sie hat ihren persönlichen, darf man sagen, Lover, dort gefunden?

Hilpert: Genau. Das ist tatsächlich eine Liebesgeschichte. Sie ist mit einem Kongolesen zusammen, der Regimekritiker ist, sich also für eine Bürgerrechtsbewegung engagiert und versucht, die korrupte Regierung zu kritisieren, und dafür plötzlich im Gefängnis landet, nachdem er eine Konferenz für freie Wahlen gewagt hat zu besuchen.

Karkowsky: Also jede Menge gute und interessante Geschichten in diesem Film. Ich muss natürlich in Zeiten angezweifelter Wahrheiten nachfragen: Wie oft haben Sie eine Szene nachgestellt? Da gibt es zum Beispiel die sehr ästhetisierte Badeszene von Raoúl.

Hilpert: Das ist ein Dokumentarfilm. Alles, was wir gefilmt haben, ist im Prinzip in echt passiert. Wir haben natürlich Gespräche angeschoben, viele Interviews in Situationen geführt, die sich dann einfach zu Gesprächen entwickelt haben, und haben die auch oft sehr lange gefilmt. Wir hatten bergeweise Material. Wir sind monatelang, wenn nicht jahrelang im Schnitt gesessen und haben versucht, da irgendwie einen Sinn am Schluss drin zu finden. Wir haben natürlich auch Bilder inszeniert, die jetzt aber keine sozusagen erfundenen Situationen sind.

Das Machtgefälle überbrücken

Karkowsky: Die Richtung des Films, also das Private vor das Öffentliche zu stellen, die Zerrissenheit der Helfer zu zeigen, zwischen den Eigeninteressen, die ja jeder Entwicklungshelfer auch hat, und den Erwartungen, die die Einheimischen an die Entwicklungshilfe stellen, war das von vornherein so geplant, oder hat sich das so ergeben?

Hilpert: Es war schon auf jeden Fall unser Ziel, einen sehr persönlichen Film über das Leben von ganz konkreten Menschen zu machen. Und es war auch auf jeden Fall das, was mich von Anfang an fasziniert hat auch an diesen Protagonisten, die wir nacheinander kennengelernt haben.

Den Peter, den Deutschen, haben wir zufällig im Kongo im Prinzip auf der Straße getroffen und dann kennengelernt, und dann sehr schnell beschlossen, dass wir mit ihm unbedingt drehen müssen. Ich glaube aber auch trotzdem, dass es nicht nur ein Film über das Private ist, sondern ich habe, nachdem wir eine Weile lang gefilmt hatten, auch plötzlich gemerkt, dass ich anhand dieser konkreten Geschichten, die sich mit unseren Protagonisten da so entwickeln – also zum Beispiel, wie Raoúl als Forscher mit seinen kongolesischen Mitarbeitern umgeht und wie er versucht, das Machtgefälle zu überbrücken, das da ja automatisch da ist, weil er aus dem Westen kommt, mit dem ganzen Geld für das Projekt, und Leute einstellt, die seine Freunde sind, aber die natürlich von ihm abhängig sind, weil sie das Geld dringend brauchen, weil sie sonst keine Jobs haben.

Wir haben dann bald gemerkt, dass auf dieser kleinen Ebene sich ja tatsächlich auch die ganze große Frage wiederspiegelt. Also die Frage, wie funktioniert denn diese Zusammenarbeit zwischen Europa und Afrika oder zwischen den Helfern und den vermeintlichen Hilfsempfängern. Und ist das überhaupt so einfach zu pauschalisieren, wer welche Seite einnimmt? Und so weiter.

Nicht in eine Opferrolle drängen lassen

Karkowsky: Und eine Frage müssen Sie uns natürlich beantworten: Wie haben Sie die Einheimischen erlebt, die Menschen im Kongo? Sind das alles Leute, die von einer Zukunft in Europa träumen?

Hilpert: Ich war natürlich extrem beeindruckt, als ich da zum ersten Mal hingekommen bin, weil es natürlich ein sehr extremer Ort ist, da natürlich sehr viel Leid zu sehen ist und so weiter. Aber gleichzeitig habe ich auch sehr viele Leute sehr schnell kennengelernt, die überhaupt kein Interesse daran hatten, sich in eine Opferrolle drängen zu lassen oder als Bittsteller dazustehen, sondern die wirklich Verantwortung übernehmen und versuchen, unter größtem Einsatz, also teilweise Einsatz ihres Lebens, zu versuchen, die Verhältnisse dort zu verbessern. Einer der Kongolesen, mit denen wir auch gefilmt haben, ist vor ein paar Monaten in seinem Haus verbrannt, und man vermutet, dass es der Geheimdienst war, der ihn zum Schweigen bringen wollte.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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