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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.09.2009

Dokument der verleugneten Geschichte

Ma Jian: "Peking Koma", Rowohlt Verlag 2009, 928 Seiten

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Chinesische Truppen am 5. Juni 1989, dem Morgen nach dem Massaker, auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. (AP)
Chinesische Truppen am 5. Juni 1989, dem Morgen nach dem Massaker, auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. (AP)

Es ist ein unvergessliches Bild des Grauens: die gewaltsame Niederschlagung der Protestbewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens, wo Tausende von Studenten auf friedliche Weise für mehr politische Freiheit kämpfen – und von Sondereinheiten der chinesischen Armee mit Gewehren erschossen und mit Panzern überrollt werden.

Auch der 22-jährige Dai Wei, Sohn eines sogenannten Rechtsabweichlers und Ich-Erzähler in Ma Jians 1000-Seiten-Opus "Peking Koma", ist unter den Studenten. Er wird von einer Kugel getroffen, fällt in ein Koma – und erwacht daraus erst zehn Jahre später. Sprechen kann er nicht in all den Jahren, aber hören – und sich erinnern. So wird er für uns zum Chronisten jener Wochen und Tage des Jahres 1989, die Chinas Gesicht für immer verändert haben, heute aber in der offiziellen Geschichtsschreibung des Landes tabuisiert und verschwiegen werden: Minutiös, mit fast quälender Detailgenauigkeit und in mimetischer Anverwandlung des bürokratischen Idioms jenes Parteichinesischen, von dem Kopf und Seele der jungen Leute infiltriert sind, schildert er nicht allein das blutige Ende, sondern vor allem die vorangegangen internen Diskussionen wie auch die Machtrangeleien zwischen den einzelnen Kadern.

Zugleich aber – und das macht das historische Gewicht dieser Auseinandersetzung mit Chinas jüngster Geschichte aus – verknüpft Ma Jian auf erhellende Weise die Ereignisse des Jahres 1989 mit den traumatischen Jahren der Kulturrevolution, der Millionen im Namen der Partei zum Opfer gefallen sind, und dem neoliberalen Antlitz des gegenwärtigen Chinas, wo Geschäfte und Geld alles sind, das freie Wort aber noch immer nicht gilt. Denn so wie Da Weis Vater einst als Abweichler in einem Arbeitslager Zeuge wird, dass man Menschen zwingt, die Organe anderer Gefangene zu essen, wird Da Weis Mutter gezwungen sein, die Niere ihres Sohnes zu verkaufen. Und wie einst die Panzer die wehrlosen Studenten überrollen, reißen nun die Bulldozer rücksichtslos die Wohnung von Da Weis Mutter nieder, um ein neues China aus dem Boden zu stampfen. Sprich: die Geschichte wiederholt sich – und Ma Jian führt bildlich aber unmissverständlich vor Augen, dass Repression, Grausamkeit, Unterdrückung noch immer das Sagen haben und alles ausgelöscht wird, was der Partei im Wege steht – und das gilt noch für die Geschichte selbst.

Insofern ist "Peking Koma" ein so eindringliches wie niederschmetterndes Dokument und Monument: ein Dokument der verleugneten Geschichte nicht allein dieser "lost generation" – und ein Monument der Erinnerung an die Geschichte eines trotz aller Schikanen beharrlichen Widerstands, entgegen allem verordneten Schweigen. Das ist zuletzt auch die große Hoffnung, von der dieser wunderbare und zutiefst traurige Roman doch zehrt.

Besprochen von Claudia Kramatschek

Ma Jian: Peking Koma
Roman
Deutsch von Susanne Höbel
Rowohlt Verlag, Reinsbek 2009
928 Seiten, 24,90 Euro

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