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Kompressor | Beitrag vom 12.06.2020

Doku-Podcast über Oury JallohDas Hörstück der Stunde

Moderation: Massimo Maio

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Oury Jallohs Konterfei auf einem Demo-Transparent. Jalloh ist 2005 auf einer Dessauer Polizeiwache verbrannt. (imago images / Christian Schroedter)
Oury Jalloh ist 2005 auf einer Dessauer Polizeiwache verbrannt. Für viele Aktivisten ist klar: Das war Mord. (imago images / Christian Schroedter)

2005 verbrannte Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeiwache. Der Tod des Mannes ist bis heute nicht aufgeklärt. Ein WDR-Podcast beleuchtet nun die Hintergründe - und liefert ein schlüssiges Motiv.

Ein Podcast des WDR berichtet über den Fall des 2005 in einem Dessauer Polizeirevier verbrannten Asylsuchenden Oury Jalloh. "Kompressor"-Redakteur Fabian Dietrich hat sich die Featurereihe "Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau" angehört und kommt zu einem persönlichen Fazit: "Ich bin total erschüttert von der Geschichte, die der Podcast erzählt. Lange hat mich eine Radioerzählung nicht mehr so berührt."

Aussage gegen Aussage stehe es dem Fall. Doch der Podcast zeige, wie brisant alles noch sei, sagt Dietrich. "Da ist nichts vorbei."

Schlüssiges Motiv für die Tat

In fünf Folgen werde der Fall nachgezeichnet. Dabei werde auch Neues erzählt. "Dieser Podcast hat mir für die Dramatik des Falls die Augen geöffnet", unterstreicht Dietrich. Denn es werde zum ersten Mal ein schlüssiges Motiv dafür geliefert, "warum Jalloh von der Polizei getötet worden sein könnte". Außerdem kämen bisher ungehörte Zeugen zu Wort.

Man erfahre auch, dass Oury Jalloh nicht das erste Todesopfer war: Im Dezember 1997 sei schon einmal ein betrunkener Mann von Beamten der Dessauer Wache aufgegriffen worden und später tot in der Nähe des Reviers gefunden worden. 2002 starb ein Obdachloser in Zelle 5, in der auch Jalloh ums Leben kam.

Es gehe in dem Podcast nicht nur um Rassismus - das Problem sei komplexer, sagt Dietrich. "Es geht um Misshandlung von schwächeren Personen, es geht um grausame Traditionen innerhalb dieses Dessauer Polizeireviers, um Machtmissbrauch und eine Kultur des Korpsgeistes, in dem sich Kollegen gegenseitig schützen."

Jahrelange Recherchen

Hinter dem Projekt steht die Radiojournalistin Margot Overath, die sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit dem Tod von Oury Jalloh beschäftigt habe. Für ihre Recherchen sprach sie auch mit unabhängigen Polizisten, die ihr bei der Einordnung des Falls halfen. So entstand bereits 2014 das Radiofeature "Oury Jalloh Die widersprüchlichen Wahrheiten eines Todesfalls", das derzeit beim MDR online steht.

Overath habe in den vergangenen Jahren so viel Wissen gesammelt, "dass sie eine ganz klare, eindeutige Haltung einnimmt. Und zwar: Dass Jalloh wahrscheinlich von Polizisten verbrannt worden ist, um eine andere Straftat zu vertuschen." Sie lege sehr glaubhaft dar, dass dies der plausibelste Ablauf gewesen sei.

Polizeigewalt im Fokus

Trotz des umfangreichen Materials ist der Podcast kein reißerisches True-Crime-Format, sondern gehe sehr sensibel mit dem Thema und dem Leid der Angehörigen um. Außerdem nehme sich Overath sehr zurück: "Das ist der seriöse Weg", so Dietrich.

Es sei zwar ein Zufall, dass die Featureserie in einer Zeit veröffentlicht werde, in dem auch in Deutschland unter dem Motto "Black Lives Matter" gegen Rassismus demonstriert werde, "aber ich denke, dass es das wichtigste Hörstück des Augenblicks ist", sagt Dietrich. Jeder der sich mit dem Tod von George Floyd beschäftigte, sollte auch diesen Podcast hören, damit das Thema Polizeigewalt nicht aus dem Fokus rücke.

(rzr)

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