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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 20.12.2005

Doktor Genealogicus

Schweriner Familienforscher hat Adam und Eva im Stammbaum

Von Alexa Hennings

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Verzweigt wie dieser Baum ist die Familiengenealogie, wie sie Peter Clemens herausgefunden hat.  (AP Archiv)
Verzweigt wie dieser Baum ist die Familiengenealogie, wie sie Peter Clemens herausgefunden hat. (AP Archiv)

Wer kennt schon seine Tante siebten Grades? Wer besucht schon den Onkel achten Grades? Wer schickt schon 800 Weihnachtsgrüße - natürlich nur an die nächsten Verwandten? Und wer kann seine Herkunft schon bis zu Adam und Eva nachweisen? Es muss jemand sein, der von einer unerhörten Leidenschaft befallen ist. Wir haben IHN gefunden!

" Treppen ... Wir werden jetzt mal aufs Klo gehen ... Das ist hier eine typische Familientafel. Da sehen Sie mich mit Partnerin, meinen beiden Kindern und Schwiegersohn, und dann sehen Sie ... "

Es ist schon etwas ungewöhnlich, wenn der Besuch gleich aufs Klo geführt wird - und sich der Hausherr auch noch mit hineindrängt. Doch, wie sich später zeigen wird, ist jeder Quadratzentimeter Wand in dieser Wohnung belegt, die Stammbäume sind in jedes Stockwerk und jeden Raum dieses Hauses gewachsen - und also auch ins Klo.

" Und hier Ur-Ur-Urgroßeltern und da die Ur-Ur-Ur-Urgroßelern, also mit vier Ur’s und hier sehen Sie schon, die haben in Schwerin gelebt ... "

Die Urs und Ur-Urs und Ur-Ur-Urs schwirren in diesem Haus umher wie woanders die Stubenfliegen. Sie haben sich scharenweise auf die mit Akkuratesse gezeichneten Stammbäume niedergelassen, sie besetzen feinste Verästelungen mit ihren Namen und winzigen Porträts. Manchmal sehen die Zeichnungen wie ausladende Bäume aus, manchmal wie ein Parlament, wo sich alle Sitze um einen Vorsitzenden gruppieren, manchmal wie eine Schlange, die sich durch die Jahrhunderte windet. Bis zu Adam und Eva:

" Also, ich bin die 131. Generation von Adam und Eva nach unten, das heißt, wenn ich die 131. Generation bin, muss man 128 mal Ur sagen, dann das Wort Enkel hinterher und dann hat man mich - lacht... "

Das ist erklärungsbedürftig. Kurz, bitte.

" Also: Meine Vorfahren in Schwerin führen zurück bis 1677, als der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin meinen Vorfahren zum Hofbankier berief. Der kam aus Glückstadt, stammte aber einige Generationen vorher aus Portugal, wo die Familie vor der Inquisition fliehen musste. Und diese Familie führt sich zurück auf den ersten portugiesischen Oberrabbi, 1100, der führt sich zurück auf den letzten babylonischen Exilkönig, 900, dieser steht in der Bibel, und lässt sich mit Hilfe der Bibel zurückführen auf König David, 1000 vor Christus, davor auf Noah, davor auf Methusalem, davor auf Adam und Eva, 3760 vor Christus nach der jüdischen Zeitrechnung, wie es sich der Bibel entnehmen lässt. "

58 Sekunden, schneller kann man wirklich nicht zu Adam und Eva gelangen. Herr Clemens, der sich selbst auch Dr. Genealogicus nennt, fährt sich durchs schütter-lockige Haar und lächelt etwas verlegen. Na gut, es ist nicht alles allein sein Verdienst. Als 17-Jähriger erbte er von seinem Großvater, einem Richter aus Chemnitz, mehrere Bündel Familienpapiere nebst Stammbäumen. Der Großvater war, als die Synagogen noch standen, von Gotteshaus zu Gotteshaus gezogen und hat Kirchenbücher abgeschrieben, die Geschichte einer weitverzweigten jüdisch-christlichen Familie, von denen einer schon im 19. Jahrhundert nach Amerika ausgewandert war, buchstäblich in letzter Stunde gesichert. Die Lücken, die der Großvater nicht zu schließen vermochte, konnte sein Schweriner Nachfahre im Jahr 2002 auf einem Weltkongress jüdischer Familienforscher ausfüllen. Von da an steht für ihn die Verwandtschaft zu Adam und Eva fest.

" Eigentlich ist das so nebenbei abgefallen. Denn eigentlich ist meine Familienforschung mehr - wie die Tafel, die Sie eben gesehen haben - wo es mir darum geht, die Verwandten, die irgendwo auf der Welt leben, ausfindig zu machen, zu kontaktieren, zu besuchen, dass die herkommen um mich zu besuchen. Das finde ich viel spannender, als noch drei Tote mehr auszugraben."

Aus einem Brief von Tante Rosi: Meine allerbesten Malne und Peter, gestern Nacht hatte ich einen wunderbaren Traum: Es klingelte, wir machten auf und da wart ihr alle da! Wir waren außer uns vor Freude. Ich bin überglücklich über diesen Traum, waren wir doch wieder einmal friedlich zusammen am Tisch im Esszimmer. Dann kam mir ein Schlager aus meiner Kinderzeit in den Sinn: "Das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder, das ist zu schön, um wahr zu sein". Möge Gott geben, dass es noch ein zweites Mal geben könnte. Mit tiefem Dank - Eure Rosi.

Peter Clemens: " Das ist die Kiste Hinrichsen. Jetzt suche ich das dünne, blaue Briefpapier von Tante Rosi ... kramt ... Das ist Tante Rosi. Das ist typischerweise ihre Schrift. 1999, 1997, da wird’s antiker, 4.Mai. "

Brief von Tante Rosi: Meine sehr geehrten und liebe Herrn und Frau Clemens! Welche Freude hat Ihre so wichtige Sendung anbetriffs unseres Familienstammbaums bei uns ausgelöst!

Tante Rosi aus Peru ist 77 Jahre alt, als sie an einem Frühlingstag des Jahres 1997 einen Brief aus Deutschland bekommt: Liebe Rosemarie Hinrichsen, steht da, ich bin Dr. Peter Clemens aus Schwerin, und ich glaube, wir sind verwandt. Ich schicke Ihnen meine Arbeit: "Die Nachfahren der Familie Henriques-Hinrichsen & Josephy".

Brief von Tante Rosi: Da wir nun dieselben Vorfahren haben, sind wir ja nun miteinander verwandt und erlaube ich es mir, mein allerherzlichstes Wohlwollen preiszugeben. Ich muss Sie wirklich bewundern, weil Sie ihr Leben daran gesetzt haben, einen so ausgebreiteten Stammbaum zu erschaffen, uns allen zugunsten. Sie haben es erreicht, die Familienmitglieder so langsam wieder zusammen zu führen. Sie haben ein Werk gezaubert, was mit Gottes Hilfe ein unentbehrbarer Besitz für jedes Glied der Hinrichsen-Familie bedeutet, auch für diejenigen, die hinter uns kommen.

Im ersten Brief klingt Tante Rosis Deutsch antiquiert und unsicher. Rosemarie Hinrichsen musste, wie viele andere der Familie, vor den Nazis fliehen. Bis dahin hatte sie gar nicht gewusst, dass sie Jüdin ist. Sie war in Hamburg aufgewachsen und evangelisch erzogen.

Aus einem Brief von Tante Rosi: Entschuldigen Sie bitte meine Schreibfehler. Ich habe in Peru keinen Verkehr mit deutschsprechenden Menschen.

" Sie, die Tante Rosi, ist damals 15 Jahre alt gewesen. Und dann starb der Vater sehr bald und die Familie verarmte fürchterlich. Ich habe sie auch besucht für eine Woche, sie versuchte, mich hartnäckig davon abzuhalten, partout bei ihr wohnen zu wollen. Es war nicht so, dass sie was dagegen hatte, sondern es war einfach so, dass sie versuchte, mir klar zu machen, es sei bei ihr viel zu ärmlich, und das würde meinem Standard nicht entsprechen. Aber ich bin so froh, dass ich das gemacht habe, ich muss sagen, ich habe in so warmherzigen, armen, gleichzeitig hochgebildeten Verhältnissen mein ganzes Leben weder vorher noch hinterher gelebt. Und ich möchte diese Erfahrung, die nun der große Kontrast zu Jürgen Hinrichsen ist, nicht missen. Beides sind Lebensumstände, zu denen ich sonst nie die Möglichkeit hätte, Kontakt oder nähere Berührung zu finden."

Tante Rosi, die verarmte Lehrerin aus Peru, Onkel Jürgen, der Millionär aus Argentinien, der seinen Kindern nie etwas von ihrer jüdischen Geschichte erzählt hat, und die es erst durch ihren Vetter sechsten Grades aus Deutschland erfuhren, der Biobauer aus Hawai, die Trockenblumenhersteller aus Südafrika, der Arzt aus Israel, der Deutschprofessor aus Bolivien, die Fishers aus New York, die Laymans aus Maryland, die Josephis aus Colorado - mehr als 800 Verwandte hat Herr Clemens meist über das Internet-Telefon ausfindig gemacht, korrespondiert mit ihnen, besucht sie, wird von ihnen besucht. Das bedeutet ihm längst mehr als Adam und Eva.

" Ich finde es viel wichtiger und reizvoller. Wichtiger deshalb, weil meine erste Kontaktaufnahme auf große Reserve stößt: Ich habe aber doch meinen Eltern versprechen müssen, nie mit einem Deutschen oder Deutschland Kontakt aufzunehmen! Und nun rufst du mich an, das bringt mich richtig in Verlegenheit, denn andererseits bist du ja ein Verwandter, wie du mir eben geschildert hast, und wir gehören zur selben Familie - wie gehe ich denn damit um? "

Aus einem Brief von Tante Rosi: Meine lieben und rechten Verwandten, wie schön wäre es, wenn Sie einen kleinen Abstecher nach Peru machen könnten. Wir würden uns riesig freuen. Unser Heim ist zwar recht klein und bescheiden, aber unsere Herzen sind treu und stehen offen für Sie beide und Ihre lieben Kinder.

" Das finde ich reizvoll und spannend, denn über einige Telefonate und viele E-Mails habe ich es bisher bei allen geschafft, die Brücke zu schlagen. Dass sie dann irgendwann sagen: Nun möchte ich aber doch mal die Heimstatt meiner Vorfahren besuchen und dich besuchen - aber nicht Deutschland besuchen, sondern nur dich als Vetter! Und dann kommen sie her, und ich zeige ihnen die Heimstätten ihrer Vorfahren. Aber ich bin natürlich pfiffig genug, ihnen unser schönes Mecklenburg einzuflößen - mehr oder weniger nebenbei, aber doch gezielt, dass sie sich dahinein auch verlieben. Und wenn sie dann zurückgekehrt sind und mir nebenbei in einer E-Mail mitteilen, dass sie mal wieder nach Deutschland kommen würden - dann weiß ich, dass ich die Brücke gebaut habe, die ich bauen wollte. Weil es nun letztlich eben doch möglich ist, Deutschland und Deutsche zu besuchen, und nicht nur den Vetter und die Heimstätten der Vorfahren. "

Aus einem Brief von Tante Rosi: Meine allerbesten Malne und Peter! Habt herzlichen Dank für Euren Brief. Ihr wollt also im Februar eintreffen, wie schön! Ich werde euch am Lima-Callas-Flufhafen erwarten. Ihr könnt mich leicht erkennen: Ich bin klein, recht dick und kann nicht vernünftig gehen!

" Es ist was ganz Unmittelbares, nur dieses theoretische Bewusstsein, verwandt zu sein. Und man überspringt über diese Verwandtschaft seine sozialen Grenzen. Typischerweise kommen wir ja oft nur in Kontakt zu Menschen, die in unserer sozialen Schicht auch verhaftet sind. Während über Familienforschung, da kann ich eben zu einem Hilfsarbeiter in Amerika sofort ein völlig zwangloses, ganz nettes und herzliches Verhältnis haben. Und diese ganzen sozialen Hürden, die man sonst im täglichen Leben erst überspringen müsste - und meistens gelingt’s dann doch nicht - die sind einfach nicht da. "

...0024- die englische Vorwahl - 208...tippt...

… Ob Irene in London zu Hause ist?

Englischer Anrufbeantworter: ... the person you called is on the phone ...

Nochmal.

" Jetzt ist frei! - Hinrichsen-Snider? - Hallo, guten Tag, hier ist Peter Clemens aus Schwerin, habe ich Irene am Telefon? - Ach, hallo Peter, wie geht’s? Das ist eine schöne Überraschung! ... reden weiter ... "

Die Kusine in London hat Herr Clemens vor noch nicht allzu langer Zeit erst entdeckt. Irene ist die Tochter des Leipziger Musikverlegers Henri Hinrichsen, der den Leipziger C.F. Peters-Verlag weltberühmt machte. Sie kam als kleines Kind nach London, der Großvater wurde in Auschwitz
ermordet. Zu DDR-Zeiten war Irene nie in Leipzig. Als sie jedoch hörte, dass auf den Straßen ihrer Heimatstadt die Wende begann, war kein Halten mehr.

Telefonat, Irene redet: " Und da war ich so stolz. Denn ich habe gewusst: Wenn ich nicht jüdisch gewesen wäre oder halbjüdisch, dann wäre ich in Leipzig aufgewachsen und ich wäre auch eine von denen gewesen, die jeden Montag demonstriert haben. - Ja - Und so bin ich 1991 nach Leipzig gekommen - zum ersten Mal seitdem ich Baby war. Und in dem Moment habe ich ein neues Leben begonnen. Und ich sage immer: Ich wurde im November 91 in Leipzig neu geboren, weil für mich das ein ganz neues Leben angeboten hat. - Da bist du ja jetzt erst 12 ½ Jahre? Lacht -- Ja, das bin ich! Und ich bin seitdem 30 Mal in Leipzig gewesen ... "

Die beiden reden, plaudern und lachen. Tauschen auch ihre Sorgen aus.
Sie sind so vertraut, wie es Geschwister selten sind. Schnell ist eine halbe Stunde vertelefoniert.

Ende Telefonat: " ... Bleib wohl, bleib gesund! - Ja, ja, ich werd’ schon gesund bleiben - lacht - okay! Tschüss, Tschüss! - legt auf. "

Mal sehen, wer sich wieder so per Internet gemeldet hat.

" Da, 205 E-Mails! Die lädt er jetzt ein von zwei Tagen. Davon sind 140 Werbung und 60 echte. Und hier ist...das ist Denver. Da haben wir Josephy, also Josephi-Nachfahren. ... liest Englisch ... "

Einer schreibt, dass sein Sohn nun seine Ausbildung beendet habe, ein anderer mailt, dass er Großvater geworden sei. Längst hat sich die weitläufige Verwandtschaft angewöhnt, alle Personenstandsänderungen diesem verrückten Cousin in Deutschland zu melden, auf dass er es in seine Stammbäume einpflanze - über deren aktuelle Ausgaben sie sich dann wieder freuen können. Eine Tante aus Australien erkundigt sich nach der Gesundheit der Familie und ein Vetter aus Israel mailt einen jüdischen Witz über den arbeitslosen Schauspieler Barub, der als Affe verkleidet im Zoo arbeitet, aus Versehen in den Löwenkäfig gerät und dort vor Angst anfängt zu beten.

" ... was immer das heißt, jetzt fehlt’s mir am Hebräischen! Der Löwe öffnet seine kräftigen Pfoten und antwortet Barub - heräisch - ruft ein Pandabär:- englisch - haltet eure Mäuler, wir werden alle gefeuert! Das waren also drei Schauspieler! - lacht - Den finde ich gut, den muss ich aufheben! - Lacht und lacht... "

Aus einem Brief von Tante Rosi: Peterlein, du bist ein wahrhaftiger, ehrbarer Nachkomme König Davids. Mit besten Wünschen - Deine ewig dankbare Rosi.

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