Vladimir Sorokin: „Doktor Garin“

Groteske Wahrheiten über unsere abstruse Gegenwart

06:13 Minuten
Cover des Buchs "Doktor Garin" von Vladimir Sorokin
© Verlag Kiepenheuer & Witsch

Vladimir Sorokin

Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg

Doktor GarinKiepenheuer & Witsch, Köln 2023

592 Seiten

26,00 Euro

Von Maximilian Mengeringhaus · 08.02.2024
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Vladimir Sorokins Abenteuerroman schickt den Leid erprobten Doktor Garin durch die sibirischen Kriegswirren einer bedrohlich nahen Zukunft. Sein Kampf ums Überleben ist zugleich das Ringen um die letzten Reste Menschlichkeit in unbarmherziger Zeit.
Angela ist 97. Doch sie erinnert sich, als sei es gestern erst gewesen: Da fuhr sie ohne Gefolge zum Oktoberfest und erstickte die bayerischen Unabhängigkeitsbestrebungen mit vier nacheinander auf ex gekippten Maßkrügen im Bierschaum. Eine Anekdote aus den goldenen Tagen der Diplomatie, während heute – zur Mitte des 21. Jahrhunderts – für wenige Kilometer Geländegewinn bereits taktische Atomwaffen gezündet werden.
Die Reihe der großen Kriege reißt gar nicht mehr ab, Oasen von Ruhe und Frieden existieren um das Jahr 2050 nur mehr wenige. Das Sanatorium Altai-Zedern aber ist so eine. Hier fristen betagte Geopolitiker wie Angela, Donald oder Wladimir ihren Ruhestand unter der Obhut von Chefarzt Platon Iljitsch Garin.

Unklare Allianzen, Zombies und Zottelorks

Die neurotischen Insassen zanken zwar gern, und in bester Champagnerlaune kann auch mal ein Abendessen eskalieren, grundsätzlich aber herrscht Harmonie im Hochgebirge. Bis das benachbarte Kasachstan die Republik Altai überfällt, das Klinikum mit der ersten Druckwelle bis auf die Grundfesten umpustet und seine Bewohner zur Flucht zwingt.
Für den hart gesottenen Garin beginnt eine surreale Odyssee durch wüste Landstriche voll unklarer Allianzen, Zombies, Riesen und Zottelorks, wo Anwandlungen von Güte und großes Leid wie im Wechselbad aufeinanderfolgen und es immer noch schlimmer kommen kann.

Auf Titanfüßen durch ein infernalisches Russland

In Vladimir Sorokins dystopischem Kosmos ist der Doktor mit den sprechenden Vornamen die komplexeste Figur. Ein germanophiler Millennial, dessen cholerisches Temperament ihn im Vorgängerroman „Der Schneesturm“ beide Beine kostete.
Eine Dekade später stolpert der mittlerweile 52-Jährige geläutert und auf neuen Titanfüßen durch ein infernalisches Russland, das als Föderation in verschiedenste Einflusssphären und Konfliktherde zerfallen ist. Mit Sinnsprüchen wie „Pilger sind keine Cherubim“ oder „Ist der Blutkreislauf gesund, läuft es auch im Leben rund!“ versucht Garin, sich einen Reim auf das obszöne Jahrhundert zu machen, dessen gebranntes Kind er ist.
Seine wichtigste Tugend ist die Resilienz, eine zwingend erforderliche Charaktereigenschaft für das Zeitalter anhaltender Extreme, das Vladimir Sorokin seit vielen Jahren schon schriftstellerisch ergründet.

Science-Fiction und derbe Zoten

Als Romancier ist dieser Sorokin ein Miraculix. Wer zwei seiner Buchdeckel aufschlägt, ganz egal, welche, blickt sogleich in einen brodelnden Wunderkessel. Hier rumort stets ein stark überwürztes Gemisch, in dem alles dampft und zischt, was beim Brauen greifbar war, von Brosamen erlesenster Literaturtradition bis zu Versatzstücken der trashigsten Genres. Sorokin liebt Science-Fiction, Fantastik und die derbe Zote. Regelrecht karnevalistisch-vulgär geht es seitenweise auch in „Doktor Garin“ zu.
Um auf die eigenen Kosten zu kommen, darf die geneigte Leserschaft weder Geschlechterklischees noch gnadenlos überzeichnete Allegorien scheuen. Es sind Grotesken, die Sorokin hervorragend beherrscht, und die visionär anmuten, weil sie viel Wahres über unsere abstruse Gegenwart sagen. Und sie machen Spaß, wenn man den Autor verstehen will – wie bei Filmen von Terry Gilliam: völlig gaga und konzessionslos.
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