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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.06.2017

documenta-Projekt über NSU-Morde "Die Gesellschaft muss weiter Fragen stellen"

Eyal Weizman und Ayse Gülec im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Ein Teilnehmer trägt am 06.04.2016 bei der Gedenkfeier zehn Jahre nach der Ermordung von Halit Yozgat in Kassel einen Button mit der Aufschrift "Halit war mein Kollege". Halit war 2006 mutmaßlich das letzte Opfer der NSU-Morde gegen Migranten in Deutschland. (picture alliance/dpa/Swen Pförtner)
Gedenkfeier im Jahr 2016 - zehn Jahre nach dem NSU-Mord an Halit Yozgat in Kassel - und die Aufklärung des Falles dauert immer noch an. Neue Rechercheergebnisse sind jetzt auf der documenta zu sehen. (picture alliance/dpa/Swen Pförtner)

Ein documenta-Projekt beschäftigt sich mit den Hintergründen des Mordes an Halit Yozgat. Es geht auch um die Rolle des hessischen Verfassungsschutzes in diesem mutmaßlichen NSU-Mordfall. Den staatlichen Institutionen sei in diesem Fall nicht zu trauen, sagt die Aktivistin Ayse Gülec.

Was hat der damalige hessische Verfassungsschützer Andreas Temme vom Mord an Halit Yozgat am 6. April 2006 in einem Internetcafé in Kassel  mitbekommen? Yozgat war eines der Todesopfer der NSU-Mordserie. Das Forschungsinstitut Forensic Architecture der Londoner Goldsmith University beschäftigt sich schon länger auch mit den Hintergründen dieser Tat sowie den Aussagen Temmes. Es stellt Ergebnisse auf der documenta vor.

Eyal Weizman, Leiter des Forschungsinstituts, sagt im Deutschlandfunk Kultur:

"Es gibt ziemlich viel offene Fragen, die hier bei diesem Fall zu erleben sind. Kunst bietet die Möglichkeit, nicht nur  Schönheit zu präsentieren, sondern eben auch nach der Wahrheit zu fragen."

Die ganze Gesellschaft ist von diesen Morden betroffen

Die Kunstvermittlerin und Aktivistin Ayse Gülec ist Mitarbeiterin des Kasseler Projektes zu den NSU-Morden, dessen Ergebnisse in der Alten Hauptpost von Kassel gezeigt werden. Man erhoffe sich, dass diese Recherchen zur Ermordung von Halit Yozgat auch im Münchner NSU-Prozess verwertet werden würden, sagt Gülec. Sie stellt dabei den politischen Anspruch des Projektes heraus:

"Selbst wenn es jetzt in diesen Prozess nicht einfließt, ist das ja eine Angelegenheit, die uns alle angeht. Die Schüsse waren nicht zu überhören. Jetzt hören wir sie hier in der Ausstellung. Und damit sind wir alle Zeugen geworden. Und es ist sozusagen nicht nur eine Frage des Prozesses, etwas zu klären oder etwas einzufordern, sondern wir als Gesellschaft – wir – sind alle betroffen davon. Und wir müssen diese Fragen weiter stellen und darauf drängen, dass wir diese Frage beantwortet haben möchten."

Mißtrauen gegenüber dem hessischen Verfassungschutz 

Man könne dem hessischen Verfassungsschutz und anderen Institutionen offenbar nicht trauen, meint Gülec:

"Dass wir auch den Ermittlungen der Polizeibeamten nicht trauen können. Sondern dass wir mit solchen unabhängigen Institutionen auch arbeiten müssen. Dass sozusagen verschiedene Institutionen dieses Thema gemeinsam aus einer Multiperspektive bearbeiten müssen. Und das ist für mich Forensic Architecture als eine unabhängige Forschungseinrichtung, die zu vielen Morden - Völkermorden und Genoziden – gearbeitet hat. Es ist für mich eher leitender als alle andere Institutionen, die dazu gearbeitet haben."

Moderator Vladimir Balzer im Gespräch mit der Künstlerin Ayce Gülec, die über die NSU-Morde ausstellt in der Nordstadt (Deutschlandradio / Karsten Socher)Moderator Vladimir Balzer im Gespräch mit der Künstlerin Ayce Gülec, die über die NSU-Morde ausstellt in der Nordstadt (Deutschlandradio / Karsten Socher)

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