DIW-Ökonomin über Niedriglöhne in Deutschland

    "Ein Nährboden für gesellschaftliche Polarisierung"

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    Eine Frau sitzt im Frisiersalon und hat den Kopf ins Waschbecken zurückgelegt. Sie hat Schaum im Haar, die behandschuhten Hände des Friseurs sind zu sehen, wie sie der Frau Schaum aus dem Haar spülen.
    Im Friseurberuf wird oft ein niedriger Lohn gezahlt. Arbeitsmarktforscherin Alexandra Fedorets sagt: "Es ist Zeit, den Niedriglohnsektor zu begrenzen." © imago / Westend61
    Alexandra Fedorets im Gespräch mit Gerhard Schröder · 09.10.2021
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    Jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland arbeitet im Niedriglohnsektor, so viel wie in kaum einem anderen europäischen Land. Nur wenige schaffen den Aufstieg. "Das ist ein Alarmsignal", sagt die DIW-Ökonomin Alexandra Fedorets.
    Der Niedriglohnsektor, wie wir ihn heute in Deutschland kennen, ist noch relativ jung: Stark angewachsen ist er durch die Arbeitsmarktreformen der damaligen rot-grünen Bundesregierung – Stichwort Hartz 4 – vor über 15 Jahren.
    Arbeitsmartexpertin Alexandra Fedorets zieht eine ambivalente Bilanz: Durch die Reformen der Regierung von Kanzler Gerhard Schröder sei es gelungen, die Arbeitslosigkeit deutlich zu senken, viele neue Jobs seien entstanden. Das sei ein Erfolg gewesen, sagt Fedorets, auch wenn die Jobs vor allem im Niedriglohnsektor entstanden seien – denn viele Geringqualifizierte hätten dadurch eine Beschäftigung gefunden.

    Niedriglohn beginnt bei 11,50 Euro

    Problematisch sei allerdings, dass nur wenigen der Aufstieg in besser bezahlte Jobs gelinge – der Niedriglohnsektor habe sich verfestigt, so die Ökonomin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).
    Seit Jahren arbeiten rund 20 Prozent der Beschäftigten in Deutschland zu Niedriglöhnen. Nach vorherrschender Definition zählen dazu Beschäftigte, die weniger als zwei Drittel des mittleren Stundenlohns verdienen. Diese Marke liegt derzeit bei 11,50 Euro.
    Auch der wirtschaftliche Aufschwung in den vergangenen Jahren sei an den Niedriglohnbeschäftigten weitgehend vorbeigegangen, kritisiert die Wirtschaftswissenschaftlerin, die Löhne in den unteren Gehaltsklassen seien kaum gestiegen.
    "Das ist auch ein politisches Problem", warnt Fedorets. Viele fühlten sich abgehängt, ohne Perspektiven. Das führe zu gesellschaftlicher Polarisierung und könne der Nährboden für politische Radikalisierung sein.

    Reformansätze gegen Niedriglohn von Dauer

    "Es ist Zeit, den Niedriglohnsektor zu begrenzen", fordert Fedorets. Kaum ein anderes europäisches Land habe so viele Beschäftigte, die zu Niedriglöhnen arbeiteten. Nur osteuropäische Länder wie Litauen, Polen und Bulgarien lägen noch vor Deutschland.
    Nötig sei eine Reform der Minijobs, wo über 70 Prozent zu Niedriglöhnen arbeiteten, meint Fedorets. Nötig seien aber auch mehr Anstrengungen für Qualifizierung und Weiterbildung, um Beschäftigten bessere Aufstiegsmöglichkeiten zu bieten.
    Fedorets spricht sich auch für einen höheren gesetzlichen Mindestlohn aus. Die Erfahrungen seit der Einführung des Mindestlohns zeigten, dass dadurch kaum Jobs verloren gegangen seien.

    Die Rolle der Mindestlohnkommission

    Kritisch sieht sie gleichwohl die von der SPD geplante Erhöhung des allgemeinen Mindestlohns von derzeit 9,60 Euro auf 12 Euro. Dadurch werde die Mindestlohnkommission, die paritätisch von Gewerkschaften und Arbeitgebern besetzt ist, praktisch entmachtet
    Zudem verweist sie darauf, dass die Kommission schon eine schrittweise Erhöhung des Mindestlohns beschlossen habe. Es bestehe auch die Gefahr, dass eine zu schnelle Erhöhung – und das in einer coronabedingt schwierigen wirtschaftlichen Lage wie derzeit – negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben könnte.
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