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Zeitfragen | Beitrag vom 15.02.2021

DiversitätMehr Vielfalt in Kinderbüchern

Von Luise Sammann

Illustration: Kinder unterschiedlicher Hautfarben arrangieren bunte Sprechblasen auf einer grauen Fläche. (imago images/fStop Images/Malte Müller)
Bücher sind Spiegel unterschiedlicher Lebenswelten und Fenster, um Einblick in diese Lebenswelten zu erhalten. (imago images/fStop Images/Malte Müller)

Auch Kinderbücher sollten die Vielfalt der Einwanderungsgesellschaft widerspiegeln: Das fordern Wissenschaft und Minderheiten-Vertreterinnen seit Längerem. Doch trotz viel gutem Willen gestaltet sich die praktische Umsetzung oft schwierig.

"Wir haben hier 'Nelson Mandelas afrikanische Lieblingsmärchen'. Was auch total schön ist, ist diese Buchreihe: Power to the Princess. Das sind umgeschriebene Grimm-Märchen."

Tebogo Nimindé-Dundadengar führt durch das Lager ihres Berliner Onlineshops Tebalou. Schwarze Babypuppen, Malstifte in verschiedenen Hauttönen und kunterbunte Bücher füllen die Regale. Tebalou steht für Vielfalt im Kinderzimmer:

"Bei den Bilderbüchern für die ganz Kleinen geht es eher auf der Symbol- und Bildebene darum, dass sie divers gestaltet sind. Also dass schwarze Menschen vorkommen, dass Kinder mit Behinderungen vorkommen oder auch unterschiedlichste Familienmodelle. Also alles, was ein bisschen aus der sogenannten Norm fällt, nehmen wir in unseren Bestand auf."

Identifikationsangebote auch für Nicht-Weiße

Nimindé-Dundadengar zieht ein Buch aus dem Regal, blättert durch die Seiten. "Kalle und Elsa" heißt es. Kalle ist schwarz, Elsa ist weiß. Thematisiert wird das in dem Buch nicht. Es ist selbstverständlich. Ein Buch, wie es sich die heute 39-Jährige als Kind selbst gewünscht hätte.

"Ich weiß noch, als ich das erste Mal 'Momo' geguckt habe, die Verfilmung aus den 80er-Jahren. Da war ein kleines Mädchen, das hatte einen Lockenkopf wie ich, und ich weiß: Das war Wahnsinn! Das hat ganz viel mit mir gemacht und ich so: Ach, die könnte ich sein!"

Bücher sollen Spiegel und Fenster sein, konstatierte einst die US-amerikanische Professorin Rudine Sims Bishop. Spiegel, um sich selbst und seinen Platz in der Welt in Büchern wiederzufinden. Fenster, um auch Einblicke in andere Lebensrealitäten zu erhalten. Tebogo Nimindé-Dundadengar aber fand solche "Spiegel" in ihrer Kindheit nur selten. Ihren weißen Klassenkameradinnen fehlten dementsprechend die "Fenster".

Porträtaufnahme Tebogo Nimindé-Dundadengar (Deutschlandradio / Luise Sammann)Als sie als Kind im Fernsehen "Momo" sah, dachte Tebogo Nimindé-Dundadengar "Ach, die könnte ich sein!" (Deutschlandradio / Luise Sammann)
Als Nimindé-Dundadengar 30 Jahre später selbst Mutter wird, hat sich daran nur wenig geändert. 2018 gründet sie deshalb gemeinsam mit einer Partnerin den Onlineshop Tebalou. Das Geschäft läuft gut. Kein Wunder: Knapp 50 Prozent der Kinder in deutschen Großstädten haben heute eine Einwanderungsgeschichte. Trotzdem dominieren immerblonde Prinzessinnen und Charaktere wie der Dauerbrenner Conni nach wie vor das Angebot.

Mit weitreichenden Folgen, so die Berliner Erziehungswissenschaftlerin Maisha Auma:

"Es gab mal eine Biografie von Muhammad Ali, wo Muhammad Ali fragt: Der Busfahrer ist weiß, der Apotheker ist weiß, der Richter ist weiß, was machen denn Schwarze? Also, wenn Kinder nicht sehen, dass sie gesellschaftlich vorkommen und dass sie Beiträge zur Gesellschaft leisten, dann können die gar nicht imaginieren, was sie werden können. Es verhindert, dass sie ein positives Selbstverhältnis und Weltverhältnis aufbauen können."

Verlage sind sensibler für Diversität geworden

Immerhin: In den letzten Jahren habe es beim Thema Vielfalt in Kinderbüchern Bewegung gegeben, so die Erziehungswissenschaftlerin. Nicht zuletzt die Debatte um den Kinderklassiker Pippi Langstrumpf habe das Thema zumindest in den Fokus gerückt. So prämiert beispielsweise das KIMI-Siegel seit mittlerweile fast drei Jahren Vielfalt in Bilder-, Kinder- und Jugendbüchern. Und auch in vielen Verlagen gehörten Diversity-Fragen inzwischen zum Alltag, bestätigt Frank Kühne, Programmleiter beim Carlsen-Verlag in Hamburg.

"Wissen Sie, ein Buchverlag ist ein Kultur- und ein Wirtschaftsunternehmen. Wir müssen beides können. Können wir auch. Wir haben als Marktführer im Kinderbuch eine große Verantwortung, Kinderbilder in Büchern so zu prägen, dass sie Diversity als Selbstverständlichkeit erzählen."

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Das kleine Wir, Pembo, Mina entdeckt eine neue Welt… Auf Frank Kühnes Schreibtisch stapeln sich Beispiele, in denen es vielfältige Protagonisten aufs Cover geschafft haben.

Kritiker bemängeln dennoch: Viele Neuerscheinungen seien gut gemeint – funktionierten aber nur bedingt. Die Geschichten von Geflüchteten etwa, wie sie seit 2015 vermehrt erscheinen, bieten hier geborenen Kindern und Enkeln syrischer, türkischer oder senegalesischer Eltern keine Identifikationsmöglichkeit. Im schlechtesten Fall sorgen sie stattdessen für weitere Stigmatisierungen. Andere Erzählungen greifen zwar Themen wie Rassismus und Diversität bewusst auf, richten sich dabei aber wieder nur an die Kinder der so genannten Mehrheitsgesellschaft. Diese sollen zum Beispiel das Teilen lernen, wenn in einer Geschichte lauter satte weiße Schafe ein hungriges schwarzes Schaf aufnehmen. Aber welches Kind möchte da schon das schwarze Schaf sein?

Vorwiegend bürgerliche weiße Autorinnenschaft

Das Thema Vielfalt fordert den Kinderbuchmarkt also immer noch heraus. Der Hauptgrund hierfür sei ein struktureller, meint Erziehungswissenschaftlerin Maisha Auma:

"Und da sehen wir, dass Kinder- und Jugendbücher vorwiegend ein Feld sind, wo bürgerliche Personen schreiben, und es historisch gesehen auch tatsächlich ein Bereich ist, in denen weiße bürgerliche Frauen einen bestimmten Erziehungs- und Kulturauftrag bekommen haben. Es geht nie darum, die Menschen, die sich engagieren, schlecht zu machen, sondern darauf aufmerksam zu machen, dass es ein hyperdiverses Publikum gibt und dass die Menschen, die Produkte für dieses Publikum erschaffen, genauso hyperdivers sein müssen. Die müssen ihr Publikum spiegeln."

Solche Autorinnen aber haben es mit ihren Geschichten oft noch schwer auf dem deutschen Buchmarkt. Das erlebt auch die deutsch-libanesische Schriftstellerin Andrea Karimé aus Köln immer wieder:

"Wenn Sie mein allererstes Kinderbuch anschauen, 'Nuri und der Geschichtenteppich', da hatte ich ja totale Probleme das zu veröffentlichen. Ich denke, das hat mit der Befürchtung zu tun, dass andere oder neue Erzählweisen den Mainstream nicht treffen. Und auch aktuell erlebe ich es immer wieder, dass Ideen, die ich jetzt eindeutig zu interkulturellen Potenzialen zähle, nicht umgesetzt werden können, weil gesagt wird: Nein, dafür haben wir jetzt keinen Programmplatz – oder: Nein, das ist zu viel des Guten. Wobei das ja meine Lebenswelt ist."

Bewusstseinsveränderung braucht Zeit

Andrea Karimés jüngstes Buch "Sterne im Kopf" erscheint in diesen Tagen im kleinen Wuppertaler Peter-Hammer-Verlag. Doch auch die großen Häuser suchten zunehmend nach Autorinnen, die aus der eigenen Perspektive und damit authentisch über Vielfalt schrieben, meint Carlsen-Programmleiter Frank Kühne. Zusätzlich arbeite sein Verlag seit neuestem mit so genannten "sensivity readern" zusammen. Also Expertinnen, die die Entstehung von Manuskripten kultursensibel begleiten.

Bis sich die neue Vielfalt auch in den Beständen von Kitas, Schulen und Bibliotheken niederschlägt, dürften allerdings weitere Jahre vergehen. Über Jahrhunderte zementierte Ungleichheiten lassen sich auf dem Buchmarkt genauso wenig über Nacht verändern wie in anderen Teilen der Gesellschaft. Umso wichtiger, dass die Auseinandersetzung damit begonnen hat. Denn, so die Erziehungswissenschaftlerin Maisha Auma: 

"Die Grundlagen dafür, wie wir lernen, dass bestimmte Leben nicht so viel wert sind, beginnen in der Kindheit."

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