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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 19.09.2017

DITIB NiedersachsenWie weit reicht Erdogans Einfluss auf deutsch-türkische Muslime?

Von Ita Niehaus

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Eine Besucherin ist während des Gebets in einem vorläufigen Zelt als Moschee zu sehen. (imago/Ina Fassbender)
Manche muslimische Gemeinde in Deutschland hat Nachwuchsprobleme. (imago/Ina Fassbender)

Der Islamverband DITIB steht wegen zu großer Nähe zur türkischen Regierung in der Kritik. Doch auch innerhalb des Verbandes gärt es. Der Jugendverband fordert mehr Mitsprache. Ein Konflikt, der zeigt, wie uneinheitlich die muslimische Gemeinde hierzulande ist.

Freitagsgebet in einer der zahlreichen Moscheegemeinden des Islamverbandes DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e. V.) in Niedersachsen. Wie viele andere junge Muslime nimmt auch Sümeyra Kilic oft daran teil:

"Für mich ist die Moschee ein Ort, wo ich meine religiösen Pflichten vollbringe, meinen interreligiösen Dialog und Jugendarbeit mache. Und wenn ich etwas politisch mache, dann ist es deutschlandpolitisch und nicht türkeipolitisch. Weil das interessiert mich als eine hier geborene und aufgewachsene Person nicht."

Sümeyra Kilic, 24 Jahre, schlank, lange dunkle Haare, ist aber auch überzeugt: In den Gebetsräumen hat Politik nichts zu suchen. Die Osnabrücker Studentin der Islamischen Theologie ist Vorsitzende des DITIB-Landesjugendverbandes Niedersachsen und Bremen, einem von 15 Landesjugendverbänden bundesweit. Man habe einiges erreicht, so Kilic, vor allem was das Mitspracherecht angeht. Es gibt jedoch durchaus noch Luft nach oben:

"Jugendliche möchten vieles selbst gestalten und nicht dieses, 'ich muss mich zuerst mit den Erwachsenen zusammensetzen, von denen die Erlaubnis nehmen und danach handeln'. Und dass immer noch dieses 'Die Älteren sind die Respektpersonen, ich bin doch nur ein Jugendlicher'- dass das herrscht. Oder dass die Älteren sagen, du hast doch keine Ahnung, du bist doch noch ganz jung. Ich habe doch die 30, 40 Jahre Erfahrung. Die Älteren bremsen ein wenig die Jugendlichen aus, da hapert es halt ein bisschen."

Forderung nach Reform der DITIB-Zentrale

Spionagevorwürfe, Wahlkampfauftritte türkischer Politiker in Deutschland, Inhaftierung von Deutsch-Türken - die Kritik deutscher Politiker an Erdogans Kurs wird schärfer. Immer lauter wird die Forderung, die DITIB müsse sich von der Türkei zu lösen. In Niedersachsen wurde der Vertrag mit den muslimischen Verbänden Anfang des Jahres bis auf weiteres auf Eis gelegt, die Landesregierung wartet auf deutliche Signale.

Noch aber sitzen in den wichtigen Gremien der DITIB-Zentrale in Köln Vertreter der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Sümeyra Kilic setzt sich für grundlegende Reformen im Bundesverband ein - ebenso wie ihr Vater, der niedersächsische Landesvorsitzende Yilmaz Kilic:

"Die Probleme sind natürlich da. Mitspracherecht auf der Bundesebene, und so weiter. Das, was wir als Jugend jetzt abwarten, ist der Strukturwandel auf Bundesebene. Ich fordere, dass man dieselben Strukturen auf Landesebene auch auf die Bundesebene umsetzt, dass man anstatt der Religionsattaches zivile Persönlichkeiten mit drin hat im Vorstand, weil die vor Ort das umsetzen."

Interesse der Jugendlichen am Islam hat nachgelassen

In der DITIB-Moscheegemeinde in Osnabrück. Einige ältere Männer sitzen zusammen und trinken Tee. Auch der 20 Jahre alte Habib Celik kommt regelmäßig in die Moschee. Er ist hier geboren, hat den Koranunterricht besucht. Nun möchte er als ehrenamtlicher Jugendleiter anderen die Werte des Islam vermitteln.

"Das ist schon fast wie im Grundgesetz, die Ehre des Menschen ist ja unantastbar. Das ist im Islam eigentlich genauso. Man soll andere nicht ausschließen, und so weiter. Und das sind Menschen, die genauso denken wie ich. Es ist viel friedlicher als woanders. Man ist menschlicher."

Nach dem Freitagsgebet treffen sich manche Jugendliche regelmäßig mit dem Imam, sprechen über ihren Glauben. Abends unternehmen sie etwas gemeinsam. Das Interesse vieler muslimischer Kinder und Jugendlicher an ihrer Religion aber hat nachgelassen, beobachtet Habib Celik:

"Wo ich noch hier zum Unterricht gekommen bin, hatten wir 300 Schüler, mittlerweile nur 50. Das ist ein krasses Beispiel. Das merke ich jetzt als Jugendführer schon. Es ist ein schweres Problem."

Regelmäßige Ansprechpartner in der Jugendarbeit fehlen

So sieht das auch Maide Gümüs. Die 23 Jahre alte Verkäuferin in einem Bio-Supermarkt hat sich früher in der Jugendarbeit in der Moschee engagiert; gemeinsam mit jungen Musliminnen unter anderem einen Mädchenraum eingerichtet.

"Selber auch angemalt und die ganzen Möbel haben wir hier hergebracht. Also vor drei, vier Jahren war das hier ganz schön aktiv, da sind wir wirklich jeden Freitag hier her gekommen und haben was unternommen, da war noch unsere andere Lehrerin da."

Nun gibt es zwar einen schönen, gemütlichen Mädchenraum, aber es kommt kaum jemand. An fehlenden Möglichkeiten mitzubestimmen oder an den hierarchischen Strukturen liege das nicht, sagt Maide Gümüs. Im Vergleich zu anderen Moscheevereinen funktioniere das in ihrer Gemeinde ganz gut.

"Bei denen ist das ja immer viel strenger, das kriege ich so zu hören. Man wird so etwas komisch angeguckt, wenn man als Nichtbedeckte da reinkommt. Wenn ich hier so reinkomme, ist das nicht so, dass ich angeguckt werde, warum hast du kein Kopftuch oder so? Auch bei den Jugendlichen, es wird viel für die gemacht, die Jugendlichen fehlen einfach."

Ein Grund: Auch die Jugendarbeit in den Moscheegemeinden ist ehrenamtlich. Es fehlen Ansprechpartner, die regelmäßig da sind. Diese Erfahrung hat auch Maide Gümüs gemacht:

"Es muss nicht immer dieselbe Person sein, aber dass man Ansprechpartner hat, denen man wirklich vertrauen kann. Wo man sagen kann, ok, die sind ein gutes Vorbild für mich."

"Wir brauchen ein vielfältigeres Angebot für Jugendliche"

Von wirklichen Nachwuchsproblemen allerdings will Emine Oguz, die Geschäftsführerin der DITIB in Niedersachsen und Bremen, nicht sprechen. Auch nicht von einem Bedeutungsverlust der Religion. Durch den Generationenwandel werde der Glaube heute anders gelebt. Das Pflichtgebet zu fünf bestimmten Tageszeiten zum Beispiel. Um Beruf und Familie zu vereinbaren, hat Emine Oguz die Gebete auf den Abend verlegt, wenn die Kinder im Bett sind. Die Deutschtürkin hat den DITIB Landesjugendverband mit aufgebaut und plädiert dafür, die Jugendarbeit zu professionalisieren:

"Wir können diesen Menschen nicht immer alles bieten, was eine professionelle Jugendarbeit ausmacht. Außerschulische Angebote, ja, wir haben gute Sportangebote von Gemeinden, aber wir haben noch nicht uns den Bedürfnissen alles Jugendlichen anpassen können. Und das ist das Problem. Wir brauchen mehr Kontinuität und wir brauchen ein größeres und vielfältigeres Angebot."

Aber reicht das? Vor kurzem ist der Vorstand des DITIB-Bundesjugendverbandes, der direkt dem Bundesvorsitzenden des Islamverbandes unterstellt ist, geschlossen zurückgetreten. Kritisiert wurden unter anderem eine massive Behinderung der Jugendarbeit und, Zitat, " eine von Misstrauen geprägte Stimmung". Sümeyra Kilic war selbst einmal Vorsitzende des DITIB-Bundesjugendverbandes und hat Verständnis dafür, dass es zum Rücktritt gekommen ist.

"Es hat ein wenig mit der Krise der DITIB zu tun. Es hat sich einfach sehr viel angesammelt. Man hat kein Gehör bekommen nach einer Zeit, die Motivation, die gesunken ist, dass die viele Arbeit, die man reingesteckt hat, einfach klein geredet wurde, und hier und dort wurden Steine in den Weg gelegt."

Gegärt hat es also schon länger - auch innerhalb der DITIB-Landesjugendverbände. Doch nur wenig dringt davon nach außen:

"Bei den Landesjugendverbänden kann man das verstehen. Es gibt einige, die gesagt haben, warum habt ihr das gemacht. Und andere, die gesagt haben, dadurch, dass ihr das gemacht habt, habt ihr noch mal einen Schlag gegen die DITIB versetzt und habt die im schlechten Licht dastehen lassen."

Emine Oguz, die Geschäftsführerin der DITIB in Niedersachsen und Bremen, findet es auch nicht gut, dass der Bundesjugendverband damit gleich an die Öffentlichkeit gegangen ist.

"Insbesondere weil das Angebot da stand, die Probleme auszudiskutieren und erst mal intern zu klären. So finde ich, dass der Verband einen großen Schaden davon getragen hat."

Das zunehmende Misstrauen gegenüber der DITIB sei auch in der Jugendarbeit zu spüren. Die Gespräche um die Vollmitgliedschaft des DITIB-Landesjugendverbandes im Landesjugendring Niedersachsen etwa zögen sich bereits seit Jahren hin. Dabei galt der DITIB Landesverband Niedersachsen und Bremen bisher als vergleichsweise eigenständig. Seit kurzem aber hat der türkische Religionsattaché nicht nur im Generalkonsulat ein Büro, sondern auch bei der DITIB in Hannover. Es ist für Außenstehende schwer zu überblicken, wie eng verflochten der deutsche Islamverband tatsächlich mit der türkischen Religionsbehörde Diyanet ist. Trotzdem kann Emine Oguz die Vorbehalte nicht verstehen:

"Ich könnte es nachvollziehen, wenn man hand- und stichfeste Belege dafür hat, dass sich die Türkei in die Jugendarbeit einmischt. Man muss den Menschen auch einmal eine Chance geben, sich zu etablieren - außerhalb von politischen Ressentiments."

Den Glauben in Medien und Politik verloren

Maide Gümüs und Habib Celik verfolgen die Diskussionen um die DITIB und den Einfluss der Türkei nur noch am Rande. Wie viele andere Jugendliche, die sie kennen, halten sie sich lieber da raus. Der Job, die Ausbildung oder etwas mit Freunden zu unternehmen ist ihnen wichtiger. Hinzukommt:

"Es ist auch ganz schwierig, die Politik überhaupt zu verstehen. Man weiß nicht, was jetzt wirklich Wirklichkeit ist, was falsch ist. Ich finde, dass ist sehr, sehr kompliziert so als normaler Bürger, das man so etwas verstehen kann."

"Ich habe sowohl die türkischen als auch die deutschen Medien so ein bisschen mit verfolgen können. Und da sieht man, dass beide aneinander vorbei berichten. Die einen sagen, alles gut, die anderen, alles geht den Bach runter. Seitdem habe ich ein bisschen meinen Glauben in die Medien verloren und seitdem verfolge ich die Politik auch nicht weiter wirklich."

Der Frust ist groß. Auch über die sozialen Medien. Habib Celik hat sogar sein Facebook-Account gelöscht. Zu viele dumme Sprüche und Hasskommentare.

"Da kommen Leute und schreiben so was wie 'Hitler sollte wiederkommen' und keine-Ahnung-was machen oder 'Erdogan wird euch alle umbringen' - so einen Schwachsinn. Die tun einen auf Ultra-Moslem und sagen, die Ungläubigen sollen gehängt werden. Das passt nicht zum Islam. Und deshalb war das ein Grund für mich, Facebook zu löschen, um den Islam so in Erinnerung zu behalten, wie ich es gelernt habe als Kind. Und zwar als friedliche Religion. Und mir hier nicht von solchen Idioten das Weltbild verändern zu lassen."

Verhältnis der DITIB zu Erdogan bleibt ein Problem

Habib Celik sieht sich als Deutscher und Türke. Er ist es leid, sich immer rechtfertigen zu müssen für Erdogan. Aber er kann verstehen, warum immer noch so viele Deutschtürken hinter dem türkischen Präsidenten stehen.

"Der hat die Türkei aus der Krise herausgeführt. Und auch wenn die Leute jetzt die Fehler von ihm sehen, die verzeihen ihm das ein stückweit, weil es gibt einfach keine Alternative für ihn. Und ich glaube, das sehen die Leute auch weiterhin in ihm, dass er der Retter ist. Er hat ja auch einiges Gutes gemacht. In deutschen Medien werden ja immer nur die schlechteren Sachen gezeigt und deshalb sind, glaube ich auch, so viele Deutsche gegen Erdogan."

Das Verhältnis der DITIB zur Türkei und zu Präsident Erdogan ist und bleibt ein Problem. Ob die häufig versprochenen Reformen auf Bundesebene überhaupt durchgesetzt werden, ist derzeit unklar. Jedenfalls wurde die bundesweite Mitgliederversammlung bereits mehrmals verschoben. Noch ist also offen, wie der Machtkampf zwischen Traditionalisten und Reformern in der DITIB ausgeht. Sümeyra Kilic will sich weiter engagieren. Zumindest bis Ende des Jahres:

"Ich habe noch die Hoffnung, dass die Gespräche, die geführt werden, irgendwo Veränderung mit sich bringen, dass die DITIB vor allem diesen Turn kriegt und sich doch noch retten kann."

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