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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 10.06.2019

DiskussionskulturSchöner Streiten mit Christopher Hitchens

Von Jana Wuttke

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Der 2011 verstorbene Autor und Religionskritiker Christopher Hitchens einem Jahr vor seinem Tod bei einem Vortrag in der New York Public Library. (picture alliance / dpa / Peter Foley)
In den USA und Großbritannien bekannt wie ein Popstar: der 2011 verstorbene Religionskritiker und Journalist Christopher Hitchens. (picture alliance / dpa / Peter Foley)

Umstrittene Polemiken gegen jene, die Macht hatten und sie missbrauchten: Das Vermächtnis des 2011 verstorbenen britisch-amerikanischen Autors und scharfen Religionskritikers Christopher Hitchens ist auch ein Plädoyer für eine andere Debattenkultur.

Unsere Redakteurin Jana Wuttke kann nachts manchmal nicht schlafen, dann schaut sie sich auf Youtube Videos an. In einer dieser Nächte stößt sie auf Videos von Auftritten des britisch-amerikanischen Journalisten Christopher Hitchens, der neben Sam Harris, Daniel Dennett und Richard Dawkins als Vertreter des "neuen Atheismus" gilt. Sie beginnt eine imaginäre Diskussion mit dem 2011 verstorbenen Religionskritiker, der in der angelsächsischen Welt wie ein Popstar gefeiert wurde, in Deutschland aber kaum bekannt ist.

"Ich wurde in eine himmlische Diktatur hineingeboren, die ich mir nicht aussuchen konnte. Ich begebe mich nicht freiwillig unter ihre Herrschaft. Mir wird erklärt, dass sie mich sehen kann, wenn ich schlafe. Mir wird gesagt – und das ist die Definition des Totalitarismus – dass sie mich für Verbrechen der Gedanken, für das, was ich denke, verurteilen und verdammen kann. Und dass, wenn ich etwas Gutes tue, dies nur tun würde, um dieser Bestrafung zu entgehen. Wenn ich dagegen etwas Falsches mache, werde ich nicht nur unabwendbar zu meinen Lebzeiten dafür bestraft, sondern sogar nachdem ich gestorben bin."
(Christopher Hitchens, 2007)

Witzig, wortgewaltig, scharfsinnig und -züngig – noch heute werden Hitchens öffentliche Auftritte bei Youtube millionenfach angeklickt. Auch unsere Redakteurin ist beeindruckt vom "Meisterstreiter", "dem wendigsten und gründlichsten Argumentierer, den man sich denken kann". Aber es beschleicht sie auch ein leichtes Unbehagen ob der Wucht, mit der Hitchens auftritt: "Wenn ich ihn so höre, die Stimme schwillt an, hat er selbst etwas von einem Prediger."

Und so entwickelt sich aus dem imaginären Diskurs über Religion eine Diskussion übers Streiten und Debattieren. Wobei Hitchens immer Wert auf Gegenrede legte:

"Anders ausgedrückt hat Dein eigenes Recht gehört zu werden, ebenso viel mit all diesen Fällen zu tun, wie das Recht des anderen, seine oder ihre Sichtweise auszudrücken", betonte er. "Wie schon John Stewart Mill sagte, wenn in einer Gesellschaft alle bis auf einen von der gleichen Wahrheit und der Schönheit und Wertigkeit ein und derselben Position ausgehen, dann wäre es absolut wichtig, sogar noch wichtiger, diesen einen Abweichler zu hören, da wir trotzdem von seinen möglicherweise haarsträubenden oder erschreckenden Ansichten profitieren würden."

Können wir das auch? Unsere Autorin zweifelt:

"Was auffällt: Ich finde kaum deutschsprachige Beispiele für richtig gute Debatten. Etwas scheint uns abhanden gekommen zu sein. Neben den unausgesprochenen 'Sagbarkeitsregeln' - die von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen gesetzt, aber immer auch neu verhandelt werden - gibt es auch konkrete Gesetze, die Grenzen von Debatten aufzeigen. Aber verschieben sich gerade die Grenzen des 'Streitbaren' in den Köpfen?"

Die Folgen könnten drastisch sein. Christopher Hitchens:

"Sie geben das Wertvollste ihrer Gesellschaft auf, und sie geben es kampflos auf und loben sogar noch die Menschen, die ihnen das Recht absprechen wollen, dem zu widerstehen."

Erstsendedatum: 10.4.2019

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