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Kompressor | Beitrag vom 12.04.2021

Diskriminierung durch DesignDas Werkzeug des Mannes

Rebekka Endler im Gespräch mit Massimo Maio

Rundumschutz: Zwei Dummies sitzen in einem Mercedes-Benz der S-Klasse mit Sidebags und Windowbags. (Symbolbild) (picture alliance / dpa / Mercedes Benz)
Airbags werden bislang überwiegend an männlichen Dummys getestet. (Symbolbild) (picture alliance / dpa / Mercedes Benz)

Viele Werkzeuge und Alltagsgegenstände sind für die Statur und Bedürfnisse von Männern designt, Frauen-Werkzeuge sind dagegen oft klein und pink. Was passiert, wenn ein Stabmixer schwarz und olivgrün daherkommt, schildert die Autorin Rebekka Endler.

Rebekka Endler wurde beim Toilettengang ein paarmal fast verprügelt: Weil sie die ellenlange Warteschlange vor Frauentoiletten nicht hinnehmen wollte und stattdessen die Männertoilette benutzte.

Für die Journalistin und Autorin ist dies nur ein Beispiel von vielen, die belegen, dass Frauen im Alltag auf Schritt und Tritt diskriminiert werden. Statt die Zahl der Damentoiletten einfach zu erhöhen oder Unisex-Toiletten einzurichten, wird den Frauen weiterhin eine deutlich längere Wartezeit zugemutet. "Das sagt auch viel über gesellschaftliche Teilhabe aus", sagt Endler.

Airbags retten Leben – Männerleben

Ein anderes Beispiel: Airbags. Sie sollen eigentlich im Ernstfall Leben retten. In Tests retten sie aber vor allem Männerleben. Die Crashtests werden an männlichen Dummys vorgenommen, Airbags sind für Männer optimiert.

Dieser strukturellen Ungleichheit, verbunden mit Geschlechterklischees, ist Endler in ihrem Buch "Das Patriarchat der Dinge. Warum die Welt Frauen nicht passt" nachgegangen.

Dazu gehört auch das Phänomen, dass Gegenstände für Frauen anscheinend immer klein und pink sein müssen: "Pink it, shrink it – das ist ein Marketinggag", erläutert Endler. "Dahinter steckt dann oft auch ein etwas minderwertigeres Produkt."

Werkzeuge für Männer – Helfer für Frauen

Tatsächlich spreche man bei Männern zugeordneten Geräten wie Bohrmaschinen immer von Elektrowerkzeugen, während man bei mindestens ebenso komplexen oder wesentlich komplexeren Geräten wie etwa Nähmaschinen oder Mixern von "Haushaltshelfern" spreche. Als würde ein Gerät alleine dadurch zu einer niedrigeren Kategorie gehören, weil es vor allem von Frauen genutzt wird.

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Endler beschreibt in ihrem Buch ein Experiment einer Designerin: Diese gestaltete eine Bohrmaschine stromlinienförmig wie einen Delfin, in Weiß und mit himmelblauem Schriftzug.

Parallel designte sie einen Stabmixer für die Küche, "den man problemlos auf eine Werkbank hätte legen können", so Endler: schwer, aus Metall, schwarz und olivgrün, mit vielen verschiedenen Aufsätzen und Programmen.

Der Stabmixer für Männer

Diese Geräte habe die Designerin dann unkommentiert Versuchspersonen gezeigt. "Das Ergebnis zeigt, dass wir offenbar ein gewisses implizites Verständnis dafür haben, was männliches und was weibliches Design ist. Denn die Reaktion auf den Stabmixer war, dass der sehr professionell wirkt. Aber niemand hat gesagt, dass dieses Gerät explizit männlich wirkt."

Dagegen sei die Bohrmaschine "als schwach und für Frauen designt" wahrgenommen worden". Bei einem bestimmten Design müsse man also offenbar keine weiteren Erläuterungen geben – dieses würde automatisch mit "männlich" verbunden. 

Die Mehrzahl der Designer solcher Geräte sei männlich. Historisch betrachtet seien es bis vor wenigen Jahrzehnten auch vor allem die Männer gewesen, die für Geräte aller Art Geld ausgegeben hätten: Männer designen für Männer.

Rebekka Endler: "Das Patriarchat der Dinge. Warum die Welt Frauen nicht passt"
DuMont, Köln 2021
336 Seiten, 22 Euro

(mkn)

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