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Konzert / Archiv | Beitrag vom 11.05.2021

Dirigent Herbert BlomstedtHerr der Romantikriesen

Moderation: Volker Michael

Ein weißhaariger Mann dirigiert in dunklem Anzug - im Rücken leere, dunkelrote Zuschauersessel. (Danmarks Radio / Søren Krabbe)
Der Dirigent Herbert Blomstedt bei seinem Konzert am 15. April 2021 in Kopenhagen mit dem Dänischen Nationalen Sinfonieorchester. (Danmarks Radio / Søren Krabbe)

Der 93-jährige Dirigent Herbert Blomstedt ist Romantik-Experte und arrangierte beim Dänischen Nationalen Sinfonie-Orchester ein Gipfeltreffen der nordischen und der Wiener Größen: Franz Berwalds erste Sinfonie traf auf Franz Schuberts letzte Sinfonie.

Er dürfte der dienstälteste noch aktive Dirigent weltweit sein, zumindest unter den bekannten Vertretern dieses Fachs. Herbert Blomstedt ist unermüdlich aktiv und wird zu vielen Orchestern eingeladen, auch Konzerte unter Pandemiebeschränkungen und ohne Publikum zu dirigieren.

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Der schwedische Musiker ist 93 Jahre alt und hat sich mit der neuen Situation abgefunden - in seinem Alter kann einen Menschen vielleicht auch nicht mehr so viel irritieren. In dieser Sendung bringen wir Ihnen ein Konzert des Dänischen Nationalen Sinfonie-Orchesters vom 15. April 2021 aus Kopenhagen.

Ein weißhaariger Dirigent ist mit einigen sitzenden Orchestermusikern zu sehen, die gerade auf sein Zeichen hin einsetzen. (Danmarks Radio / Søren Krabbe)Die nordische Romantik liegt dem Dirigenten Herbert Blomstedt schon seit langer Zeit am Herzen. (Danmarks Radio / Søren Krabbe)

Wer so alt und zugleich beliebt in der internationalen Musikszene ist, kann sich seine Konzertprogramme immer frei zusammenstellen – mit der Musik, die ihm besonders am Herzen liegt. Das ist in dem Fall von Blomstedt die Große C-Dur-Sinfonie von Franz Schubert und zu Beginn die erste Sinfonie von Franz Berwald.

Sägewerk statt Sinfonie-Erfolg

Die erste Sinfonie Franz Berwalds entstand 1842. Sie ist nicht das erste Werk des Komponisten in dieser Gattung, doch die vorhergehenden hatte Berwald unter Verschluss gehalten oder vernichtet. Diese g-Moll-Sinfonie ist die einzige, die Berwald zu Lebzeiten selbst im Konzertsaal gehört hat. Ihre Uraufführung in Stockholm war ein Misserfolg, deshalb wurden die anderen Sinfonien erst posthum uraufgeführt.

Seinen Lebensunterhalt verdiente Berwald selten mit seiner Musik. Nach langen Reisen durch Europa kehrte er in seine Heimat zurück und leitete dort lange Zeit eine Glasfabrik, später ein Sägewerk. Bis zu seinem Tod wurde Berwald in Schweden die wesentliche Anerkennung für seine Musik versagt, auch wenn ihm immerhin eine Mitgliedschaft in der Musikalischen Akademie zugetragen wurde. 

Spätromantische Breite

Zu seiner Beisetzung 1868 in Stockholm erklang der zweite Satz der ersten ernsten Sinfonie, die sie gleich hören können. Und immer wieder beeindrucken die originellen Klangideen, die diese Musik unverwechselbar machen, auch wenn sie typisch für die Zeit um 1850 wirkt.

Sehr viel Zeit brauchte auch Schuberts große C-Dur-Sinfonie, bevor sie ihr Publikum erreichte. Erst der Initiative Robert Schumanns und Felix Mendelssohn Bartholdys war es überhaupt zu verdanken, dass diese Sinfonie den Weg in die Öffentlichkeit fand. Heute wird sie als die Achte von Franz Schubert gezählt und die Große C-Dur genannt im Unterschied zu einer früheren Sinfonie, ebenfalls in C-Dur.

Vorher war sie nur als nie aufgeführte Handschrift im Nachlass des Komponisten zu finden. In seiner Begeisterung für die literarischen Qualitäten dieser großen Sinfonie brachte Robert Schumann das Material nach Leipzig.

Wirklich groß

Und ein Musiker wie Franz Schubert konnte zu Zeiten der Romantik nur bestehen, wenn er ein großes Sinfonisches Werk vorweisen konnte, notfalls posthum. Diese Sinfonie hatte und hat das Zeug dazu, weil sie Beethoven fortschreibt. Nicht nur weil sie fast eine Stunde dauert, sondern auch weil sie einen dramatischen Ernst und zugleich eine musikalische Fantasie offenbart.

In seiner großen Sinfonie nimmt Schubert Entwicklungen vorweg, die erst in der zweiten Jahrhunderthälfte zum Tragen kommen, ob nun bei Brahms oder bei Bruckner.

Dirigat mit Langzeiterfahrung

Herbert Blomstedt legt bei seiner Interpretation der Schubert-Sinfonie Wert auf Texttreue und klangliche Präzision. Aufs erste Hören hin mag das ein wenig nordisch kühl wirken. Das – so könnte man meinen – habe mit einer warmherzigen Wiener Sinfonie nichts zu tun. Doch Schuberts Musik ist flexibel genug und lässt sich auch in ihrer objektiven Klangarchitektur gewinnbringend hören.

Konzerthaus von Danmarks Radio, Kopenhagen
Aufzeichnung vom 15.04.2021

Franz Berwald
Sinfonie Nr. 1 g-Moll "Sérieuse"

Franz Schubert
Sinfonie C-Dur D 944

Dänisches Nationales Symphonie-Orchester
Leitung: Herbert Blomstedt

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