Seit 07:00 Uhr Nachrichten

Montag, 18.11.2019
 
Seit 07:00 Uhr Nachrichten

Im Gespräch | Beitrag vom 25.10.2019

Dirigent Christoph EschenbachMusik aus dem Atemstrom der Gefühlswelt

Moderation: Britta Bürger

Beitrag hören Podcast abonnieren
Dirigent Christoph Eschenbach Eroeffnung des Schleswig Holstein Musik Festival. (imago / Felix König)
Christoph Eschenbach ist Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin. (imago / Felix König)

Der Neue wird demnächst 80: Seit September ist Christoph Eschenbach Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin. Traumata in der Kindheit führten ihn zur Musik, heute arbeitet Christoph Eschenbach besonders gern mit jungen Musikern zusammen.

Dirigieren hat für Christoph Eschenbach sehr viel mit Atmen zu tun, mit dem Atem der Gefühle. Diesen "Atemstrom der Gefühlswelt" versuche er als Dirigent seinen Musikern zu vermitteln, um so die erklingende Musik "zu animieren". Was durchaus ein körperlicher Vorgang sei: "Man lebt mit dem ganzen Körper. Und da man in der Musik lebt, die man macht, macht man sie auch ganzkörperlich."

Dabei sieht Christoph Eschenbach seine Dirigentenaufgabe aber nicht als die eines Zuchtmeisters des Orchesters, wie das manch Großem seiner Zunft nachgesagt wird: "Sie können Vorschläge machen, die auf den musikalischen Grund der Musiker fallen und aus ihnen heraus die Musik erzeugen, aber Sie können nicht auf ihnen herumhauen."

Eschenbach arbeitet sehr gerne mit jungen Musikern zusammen, leitet auch ein Jugendorchester in Schleswig-Holstein, aber: "Ich kenne eigentlich bei Musikern nicht das Wort 'jung' oder 'alt'. Es ist entweder Musik oder nicht Musik."

Musik mit der "imaginierten Mutter"

Seine Liebe zur Musik hat bei Christoph Eschenbach sehr ernste biografische Hintergründe, denn seine frühe Kindheit war traumatisch: Die Mutter verstarb bei seiner Geburt, zu seiner "imaginierten Mutter", die er nie kennenlernen konnte, hat er ein sehr intensives Verhältnis: "Ich habe den Eindruck, dass sie mir die Gefühlswelt öffnet, dass sie mich bei jedem Musikstück, das ich spiele oder spielen lasse, weiter beatmet, sozusagen."

Als sein Vater am Ende des Zweiten Weltkriegs fiel, war der damals vierjährige Christoph Vollwaise. Die Großmutter floh mit ihm aus Breslau vor der heranrückenden Roten Armee. Hunger, Kälte, Krankheit, Obdachlosigkeit, Eindrücke von damals, die er bis heute nicht vergessen kann. "Ich weiß, wie es ist, wenn man Flüchtling ist," sagt Christoph Eschenbach mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingsproblematik, "wir sollten große Empathie haben mit diesen Menschen."

Als Kind war er derart traumatisiert, dass er eine Zeitlang nicht sprechen konnte. Seine spätere Adoptivmutter, eine Pianistin, spielte ihm stundenlang vor, und das half ihm: "Ich war zu. Die Musik hatte die Kraft, mich wieder zu öffnen." Vom Typhus genesen, lernte Eschenbach Klavier und Geige. Und als er nach dem Krieg zum ersten Mal ein Konzert mit großem Orchester besuchte und Wilhelm Furtwängler dirigieren sah, war sein Berufswunsch klar.

Mit Helmut Schmidt in den Abbey Road Studios

Aus seinem langen Musikerleben weiß Christoph Eschenbach viele Anekdoten zu erzählen, in seiner lebhaften, hellwachen Art. Etwa die, wie er gemeinsam mit dem Dirigenten und Pianisten Justus Frantz und dem damaligen Bundeskanzler und Amateur-Pianisten Helmut Schmidt Mozarts Konzert für drei Klaviere einspielte, im legendären Studio an der Abbey Road in London: "Der hatte wirklich Angst, der Bundeskanzler, vor dem 50 Mann starken Orchester, den Mikrofonen, den Aufnahmeleuten und dem weltberühmten Abbey Road Studio der Beatles."

2021 wird das Berliner Konzerthaus 200 Jahre alt. Sein neuer Chefdirigent Christoph Eschenbach hat die wichtigsten Werke für das Festprogramm schon im Kopf. Aber noch gibt er sie nicht preis.

(pag)

Mehr zum Thema

DSO Berlin live in der Philharmonie - Eschenbach und Barto in Berlin
(Deutschlandfunk Kultur, Konzert, 6.12.2018)

Aus der Berliner Philharmonie - Maintz, Bartók, Brahms
(Deutschlandfunk, Musik-Panorama, 5.6.2017)

Uraufführung "Hängende Gärten" - Sehnsuchtsort Babylon
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 23.5.2017)

Im Gespräch

GesundheitsportaleWas kann Dr. Google?
Eine Frau schaut ihre Krankheitssymptome im Internet nach (gestellte Szene) (picture alliance / dpa Themendienst / Silvia Marks)

Schwindel, ein Ziehen im Bauch, Ausschlag: Zweidrittel der Deutschen nutzen Medizinportale im Internet, bevor sie einen Arzt aufsuchen. Doch wie verlässlich ist Dr. Google? Wie können wir Internetangebote und Gesundheits-Apps sinnvoll nutzen?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur