Dima mit dem Bombengürtel

Die italienische Journalistin Gabriella Ambrosio schildert in ihrem ersten Roman - nach einem wahren Ereignis - einen Tag in Jerusalem, der auf eine Katastrophe hinausläuft. Wie mit der Kamera folgt sie ihren Figuren Stunde um Stunde bis zum Knall, als nämlich die Palästinenserin Dima ihre Bombe zündet.
Jerusalem, 29. März 2002. Viele Menschen erleben einen Tag, der ihr Leben verändern wird: Die 18-jährige Myriam, eine Jüdin, die ihren Freund durch einen Palästinenser-Anschlag verloren hat. Ihre Mutter Shoshi, deren Mann verschwunden ist. Abraham, ein jüdischer Wachmann, Ghassan, ein palästinensischer Sprengstoffexperte, Leila, ein Journalistin. Schließlich Faris, ein 20-jähriger arabischer Fliesenleger und Dima, seine begabte Verlobte. Dima ist seit Wochen durch grauenvolle Erlebnisse im Palästinenserlager innerlich wie tot. Und Dima trägt eine Bombe.

Gabriella Ambrosio schildert diesen Tag frei nach einer wahren Geschichte und – ganz Journalistin – minutiös, Stunde für Stunde. Provozierend langsam bewegen sich die Protagonisten aufeinander zu. Wie in einem Film erlebt man jeden einzelnen zunächst in seinem häuslichen Umfeld, dann unterwegs zur Arbeit oder in der Schule. Später mit Familienmitgliedern, Freunden und Kollegen und schließlich im Moment des Anschlags und danach. Der Leser ahnt, was passieren wird und möchte das Geschehen stoppen. Dass das nicht geht, tut fast körperlich weh. Und dass es letztendlich statt hundert geplanten "nur" drei Tote geben wird, ist auch kein Trost.

Doch wir erfahren nicht nur, was an diesem Tag in Jerusalem geschieht. Sondern lernen auch die ganz individuellen Geschichten der Protagonisten und damit die politischen, ethnischen und religiösen Hintergründe des Attentats kennen.

Rückblenden zeigen Dimas Familie, ihr beengtes Leben im Palästinenserlager, die Razzien durch jüdische Soldaten, die brutale Unterdrückung. Daneben erleben wir Myriams jüdische Familie, die aus den USA zugezogen ist: die Ängste der Mutter um den Sohn, der Soldat ist, den Schmerz über die vielen Anschlagsopfer, die Verzweiflung über die Situation des Landes und die Sehnsucht nach Frieden. Im Hintergrund grollen auf beiden Seiten immer und überall Hubschrauber, Panzer und Bulldozer.

Gabriella Ambrosio erzählt aus ständig wechselnder Perspektive, ist ganz nah dran an ihren Figuren. Unmittelbar bekommen wir mit, was sie sprechen, denken, fühlen. Woran sie sich erinnern und wovor sie Angst haben. Authentischer geht es kaum. Doch sie ist nie Partei! Sie gestaltet den Wahnsinn fast immer sparsam und vorsichtig, deutet das Grauen der Konflikte und Katastrophen nur an. Wenn doch einmal Pathos aufkommt, dann ist das psychologisch nachvollziehbar. Nur die direkte Leser-Anrede stört manchmal den Ablauf der Erzählung und wirkt ein wenig oberlehrerhaft.

Doch das sind nur Marginalien angesichts eines hochkonzentriert geschriebenen Romans, der ein großes Wagnis eingeht. Dessen Sätze manchmal abreißen wie Gedankenfetzen oder Gliedmaßen bei einer Explosion. Dessen erzählte Zeit nur sieben Stunden umfasst. Dessen Handlung ungebremst, wie ein antikes Drama, auf das Unheil zuläuft und der zugleich ein weites Panorama eröffnet auf die unterschiedlichsten Menschen und Schicksale, auf den allgegenwärtigen Krieg und die unstillbare Sehnsucht nach Frieden.

Rezensiert von Sylvia Schwab

Gabrella Ambrosio: Der Himmel über Jerusalem
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Fischer Verlag, Frankfurt 2012
120 Seiten, 12,99 Euro - ab 14 Jahren