Digitalisierung und Gesellschaft

    Dauertransformation führt zu Dauerstress

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    Illustration (Collage) einer Business-Frau, die in einem Karton-Büro sitzt, umgeben von einer grauen Hochhauswelt
    Die Veränderungen durch Digitalisierung lassen Geborgenheitsräume schwinden, meint der Philosoph Christian Schüle. © imago / agefotostock / ollyy
    Gedanken von Christian Schüle · 21.09.2021
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    Das einzig Konstante ist die Veränderung. Der Philosoph und Publizist Christian Schüle schaut auf das, was die bisherige Transformation durch digitale Technologien uns emotional und psychisch abverlangt.
    Jenseits von Rechtsruck und Linksdrift, von Hass, Erregung und Empörung auf allen Seiten ist der eigentliche Treiber der allerorten festgestellten und beklagten Spaltung demokratischer Gesellschaften etwas weit Größeres, das in jede einzelne Nische hineinwirkt: die große Transformation durch totale Technologie.
    Die Spaltung, besser: Zersplitterung ist die geradezu logische Folge der technisch zweifelsohne faszinierenden Optimierung von Prozessen, deren höherer Sinn darin zu bestehen scheint, die durch Verdichtung freiwerdende Zeit sogleich mit neuen Prozessen abermals zu verdichten.
    Vom Menschen in Gang gebracht, geht die große Transformation zunehmend über den Menschen hinweg. Das wuchernde Wachstum von Daten, permanente Mobilität und die rasante Beschleunigung aller Vorgänge haben in relativ kürzester Zeit Gewissheiten gestürzt, Verbindlichkeiten zerstäubt und Sinnzusammenhänge aufgelöst.
    Die Transformation hat das allgemeine Lebenstempo forciert und das individuelle Zeitgefühl verändert. Ethische Reflexion kommt immer schon zu spät. Die Folgen der Dynamik sind bereits vollzogen, bevor überhaupt erst begonnen werden kann, die Gefahren abzuschätzen.

    Impulskaskaden und Affekte

    Netzwerke und Plattformen haben den Gesellschaften komplett neue Geschäftsmodelle, neue Wertschöpfungskonzepte, neue Handels-, Denk- und Verhaltensweisen oktroyiert. Die Vervielfältigung der Impulse ist so umfassend wie die Impulskaskaden unkontrollierbar sind. "Mikrotargeting" hebelt die Demokratie aus, Hochfrequenzhandel die soziale Marktwirtschaft, Big Data die Privatheit.
    Bots, Trolle und Fake-Account-Propaganda attackieren das klassische Ideal von Diskussion und Öffentlichkeit, während Soziale Medien eine neue Kommunikationsgrammatik programmiert haben: die affektgetriebene Verständigungslosigkeit.
    Während im Furor der Flüchtigkeit kollektive Amnesie schneller als je zuvor einsetzt, steigt die Komplexität des Fortschritts exponentiell. Auf welcher verlässlichen Grundlage kann sich der Einzelne noch ein Urteil bilden?

    Schwindende Geborgenheitsräume

    Dauertransformation bedeutet Dauerstress. Permanente Veränderung bewirkt wahlweise Aggression, Regression oder Depression. Das große Ganze zersplittert in Mikrokosmen, Identitätscommunitys, ideologisierte Bewegungen, sektiererische Gruppen und isolierte Ichlinge.
    Die fortgesetzte Auflösung von Geborgenheitsräumen trifft behäbige Demokratien zwangsläufig ins Mark. Spätmoderne Demokratien sind auf Ausdifferenzierung, effektive Arbeitsteilung, Spezialwissen und langwierige Aushandlungsprozesse mit mühsam errungenen Kompromissen ausgelegt und angewiesen.
    Völlig zu Recht werden Pluralismus und Diversität als höchste Ziele einer zivilisierten Gesellschaft gehandelt. Will die repräsentative Demokratie in der großen Transformation nicht autoritär degenerieren und als "illiberale" Demokratie zur Farce werden, wird es künftig wesentlich darauf ankommen, wie eine auf Ausgleich und Toleranz bedachte liberale Ordnung mit all jenen umgeht, die scheinbar alternativlose Wege nicht mitgehen wollen.

    Transformationsüberwältigung

    Daran knüpft sich eine unangenehme Frage: Umfassen Pluralismus und Partizipation auch Andersdenkende und Andersgläubige, also zum Beispiel Querdenker, Impfgegner und Wutbürger, denen die Grundordnung ja genauso Selbstbestimmung und Repräsentation verspricht?
    Die konkreten Zumutungen der Transformationsüberwältigung anzusprechen und in einer Epoche der Maschinen und Maschinenmenschen eine glaubwürdige Perspektive für Humanität und Humanismus aufzuzeigen: Das wäre die Aufgabe vorausschauender, kluger Politik und eines geist- und gehaltvollen Wahlkampfs. Wäre.

    Christian Schüle, geboren 1970, hat in München und Wien Philosophie, Soziologie und Politische Wissenschaft studiert. Er hat einen Lehrauftrag für Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin und lebt als freier Schriftsteller, Essayist und Publizist in Hamburg. Zu seinen zahlreichen Büchern zählen der Roman "Das Ende unserer Tage" und zuletzt die Essays "Heimat. Ein Phantomschmerz" sowie "In der Kampfzone".

    © picture alliance / Frank May
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