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Tonart | Beitrag vom 21.12.2017

Digitalisierung in der MusikMit künstlicher Intelligenz kann jeder komponieren

Dennis Kastrup im Gespräch mit Martin Böttcher

Die US-amerikanische Sängerin Taryn Southern singt am 2. November 2017 einen ihrer Songs, den sie mit Hilfe von künstlicher Intelligenz komponiert hat, bei der Konferenz "Go North A.I." im kanadischen Toronto. (imago/ZUMA Press)
Die Musik stammt von der künstlichen Intelligenz, die Melodie des Gesangs und der Text von der Sängerin: Taryn Southern singt einen ihrer Songs in Toronto. (imago/ZUMA Press)

Die Musik des Albums "I am AI" der US-amerikanischen Sängerin Taryn Southern wurde von einer Software komponiert. Solche Programme erweitern die Möglichkeiten für Musiker und Kreative, meint Dennis Kastrup, Spezialist für neue Musiktechnologien.

Der Begriff "Künstliche Intelligenz" in der Musik wurde in den vergangenen Jahren eher mit dem Bild von ehrgeizigen Programmierern in Verbindung gebracht, die hinter verschlossenen Türen versuchten, Computern Kreativität beizubringen. Google arbeitet seit Jahren an dem Projekt "Magenta", Sony's Research CSL Lab veröffentlichte mit "Daddy's Car" einen Song, der von Software komponiert wurde, und im spanischen Malaga tüfteln Wissenschaftler an "Iamus", einer Software, die klassische Musik schreibt. 2017 schafften es die Algorithmen aber aus dieser Nische heraus, behauptet Dennis Kastrup. Er hat sich auf die Entwicklungen neuer Technologien in der Musik spezialisiert.

Martin Böttcher: Wie ist es möglich, dass künstliche Intelligenz Musik macht? 

Dennis Kastrup: Auch wenn es viele Musikfans nicht gerne hören: Musik ist am Ende mathematisch aufgebaut. In der Harmonielehre lernt man, dass Akkorde zusammenklingen und in verschiedenen Ausführungen auch andere Emotionen erzeugen können. Dur und Moll funktionieren nach ganz bestimmten Formeln und Zahlen. Und natürlich kann man sich die genau anschauen und analysieren oder anders gesagt: Computer werden mit Daten aus der Musikgeschichte gefüttert. Es gibt dann riesige Datensätze, aus denen eben neue Musik errechnet wird - von Klassik bis Pop.

Ein von Software geschriebenes Album

Böttcher: Deine These ist ja, dass diese ziemlich theoretisch klingenden Vorsätze 2017 dann auch praktisch angewendet werden. Wo genau finden wir das jetzt in aktueller Popmusik?

Kastrup: Zum Beispiel bei der Sängerin und Schauspielerin Taryn Southern. Die US-Amerikanerin ging 2017 sehr offensiv damit um, dass sie ihr kommendes Album komplett von einer künstlichen Intelligenz hat schreiben lassen. Das Album wird "I am AI" heißen, also ich bin die künstliche Intelligenz. Der erste Song "Break Free" ist bereits erschienen und hat über 1,5 Millionen Klicks.

Böttcher: Künstliche Intelligenz hat die Musik und die Texte geschrieben?

Kastrup: In diesem Fall stammt die Musik von der künstlichen Intelligenz. Die Melodie des Gesangs und den Text hat Taryn Southern aber selber geschrieben.

Böttcher: Und wie geht das konkret vor sich?

Die Gebrauchsanweisung

Kastrup: Das funktioniert eigentlich immer auf dieselbe Art und Weise. Man geht auf die Homepage eines Anbieters, in dem Fall ist das "Amper Music", Jukedeck ist in dem Bereich auch stark vertreten, klickt auf das Genre: Pop, Rock, Hip Hop oder Techno und so weiter. Dann wählt man die Länge des Songs, die Instrumente, die Harmonien und vielleicht noch die Stimmung aus. Der Algorithmus rechnet in Sekunden einen einzigartigen Song aus.

Taryn Southern über die Arbeit mit Software und Künstlicher Intelligenz:

"Die Software ermöglicht Songwritern viel Kontrolle. Wahrscheinlich erwartet man das Gegenteil. Aber wenn man anfängt, damit herumzuspielen, merkt man, dass die künstliche Intelligenz einem zahlreiche Möglichkeiten vorschlagen kann. Deshalb gibt es unglaublich viele Wege, einen Song zu schreiben. Man kann also so oft, wie man will, etwas verändern, um am Ende das zu bekommen, wonach man sucht. Das finde ich toll."

Kein Ersatz für Musiker und Kreative 

Kastrup: Im Endeffekt ist das dann auch derselbe Entstehungsprozess, den ein Singer/Songwriter durchläuft. Viele Ideen werden ausprobiert, umgeändert, umgeschrieben und am Ende entscheidet man sich eben für die Musik, die einem persönlich am besten gefällt.

Böttcher: Warum glaubst Du, dass sich diese Herangehensweise in Zukunft durchsetzen wird? Mir kommt das relativ kompliziert vor.

Kastrup: Auch wenn das ein bisschen traurig klingt: Es ist billig, es ist schnell und einfach zu machen. Jede und jeder kann damit Musik machen, ähnlich sieht es auch Drew Silverstein, Mitentwickler von Amper.

Drew Silverstein: "Von unserer künstlichen Intelligenz geschriebene Musik wird auf jeden Fall in der Zukunft sehr beliebt sein und wohl auch in die Charts einsteigen. Wir sehen das aber nicht als einen Ersatz für Musiker und Kreative, sondern als ein Werkzeug für eine bessere Zusammenarbeit, um jedem zu ermöglichen, einzigartige professionelle Musik zu machen. So kann jeder durch Musik eigene Ideen am besten ausdrücken."

Kastrup: Das ist glaube ich das Wichtigste daran: die Musikerinnen und Musiker, mit denen ich im vergangenen Jahr gesprochen habe, verwiesen immer wieder darauf, dass künstliche Intelligenz sie nicht ersetzen, sondern dabei helfen soll, neue Ideen zu verwirklichen - als gleichgestellter Partner, als neues Instrument. Und da findet gerade eben ein Wechsel statt: Immer mehr Künstler geben zu, künstliche Intelligenz zu benutzen.

Vielleicht kann man es auch vergleichen mit dem Aufkommen der Drum Machine: am Anfang belächelt, jetzt Standard und salonfähig. Google arbeitet zum Beispiel gerade mit dem Musiker David Usher an einem Studio, das von künstlicher Intelligenz betrieben werden soll. Das heißt, auch die Aufgaben eines Produzenten könnten demnächst von einem Computer mit übernommen werden. Die künstliche Intelligenz wird also in Zukunft die Kreativität in vielen Bereichen unterstützen, wenn nicht sogar fördern.

(online leicht bearbeitet, cosa/thg)

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