Digitalisierung der Schulen

    Von Vorreitern und Nachzüglern

    08:46 Minuten
    Homeschooling während des Lockdowns im Januar 2021: Ein Mädchen sitzt an einem Tisch vor einem Laptop im Videounterricht, neben sich ein Schulbuch. Im Hintergrund lernt ein weiteres Mädchen mit einem Tablet.
    Distanzunterricht erzwingt digitalen Fortschritt: Die Coronazeit habe der Digitalisierung der Schulen einen Schub verpasst, sagt Frank Mußmann © picture alliance / Jochen Tack
    Frank Mußmann im Gespräch mit Julius Stucke · 01.06.2021
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    Digitalunterricht? 15 Monate nach dem ersten Lockdown fehlt noch immer vielen Schülerinnen und Schülern eine ordentliche technische Ausstattung. Jede dritte Schule sei ein digitaler Nachzügler, kritisiert Frank Mußmann von der Universität Göttingen.
    Es ist hoffentlich kein Blick in die Zukunft, den eine neue Studie der Universität Göttingen und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) auf die deutsche Schullandschaft wirft: Denn 15 Monate nach dem ersten Lockdown verfügen nur 57 Prozent der Schulen über eine ordentliche digitale Ausstattung.
    WLAN kann nur der Hälfte aller Schülerinnen und Schüler angeboten werden. Das ergab eine Umfrage unter knapp 3000 Lehrerinnen und Lehrern, die an 233 Gymnasien und Gesamtschulen die Sekundarstufen I und II unterrichten.

    Ungenutztes Digitalisierungsbudget

    Den Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke wundert es nicht, dass im politischen Topf zur Digitalisierung der Schulen noch mehr als fünf Milliarden Euro liegen. Die Politik komme mit ihren Vorhaben in aller Regel nicht hinterher, kritisiert Lucke. [AUDIO]
    Die GEW lenkt den Blick auf dieses – Zitat Lucke – "Drama", das eng mit dem Versprechen der Kultusminister vom Dezember 2016 verknüpft ist, für die flächendeckende Digitalisierung der Schulen zu sorgen. Die größten Verlierer in einer Welt, die in Zukunft noch digitaler sein wird als jetzt, seien wieder einmal die bedürftigsten Schülerinnen und Schüler. Im besten Fall sei ihnen für die Schule daheim ein Laptop geliehen worden, sagt Ilka Hoffmann von der GEW:
    "Wir wollen Demokratie in Deutschland. Demokratie heißt immer gleichberechtigte Teilhabe und auch Chancengleichheit für alle."
    Für diese Chancengleichheit brauche es, so die Studie, nicht nur digitale Ausstattung, sondern auch technische Unterstützung sowie Freiräume für die Weiterbildung aller Lehrerinnen und Lehrer.

    Auswirkung auf Medienkompetenz

    Frank Mußmann von der Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften der Universität Göttingen ist an der noch laufenden Studie beteiligt. Er spricht von vier Schultypen in Deutschland, die in dem Forschungsprojekt identifiziert wurden: Es gebe digitale Vorreiterschulen, digital orientierte Schulen, Durchschnittsschulen und Nachzügler-Schulen. Sie unterscheiden sich beispielsweise in der vorhandenen digitalen Infrastruktur und ihrer Medienbildungsstrategie.
    Jede dritte Schule in Deutschland zähle zu den Nachzüglern, so Mußmann. Eine solche Schule zu besuchen, wirke sich auch auf die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler aus. In diesen Schulen lernten nur 34 Prozent von ihnen, wie sie Informationen im Internet zuverlässig prüfen könnten.

    Belastung für Lehrkräfte

    In den digitalen Vorreiterschulen seien es dagegen 62 Prozent. Dies sei aber immer noch nicht genug: "Da stecken Gefahren für die Demokratie dahinter", sagt Mußmann.
    In der Coronazeit sei die Digitalisierung mit einem Schub gekommen, auch viele Lehrkräfte hätten teilweise erste Erfahrungen damit gemacht, so der Forscher. Die Umstellung habe zunächst eine zusätzliche Arbeitsbelastung für die Lehrkräfte bedeutet. Doch sobald alles funktioniere, berichteten sie über weniger Stress, eine höhere Arbeitszufriedenheit und davon, dass sie ihre Schülerinnen und Schüler besser fördern könnten.
    (gw/jfr)
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