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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.03.2017

Digitales ZeitalterWas wäre Kunst ohne Papier?

Lothar Müller im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Eine Hand zeichnet etwas mit einem Bleistift auf Papier. (imago/stock&people/Westend61)
Papier und Bleistift - auch in digitalen Zeiten entsteht so noch Kunst. (imago/stock&people/Westend61)

Zeichnen, kritzeln, notieren: Papier scheint unverzichtbar für kreatives Schaffen. Kann man es digital ersetzen? Kunst werde es weiter geben, meint der Literaturkritiker Lothar Müller. Doch sie werde sich auf jeden Fall verändern.

Viele Künstler wie etwa Dürer hätten ein intensives Verhältnis zum Papier gehabt, sagt Lothar Müller, der selbst das Buch "Weiße Magie. Die Epoche des Papiers" geschrieben hat. Unverzichtbar für die Kunst sei es aber nicht gewesen. Denn es habe immer auch andere "Trägermedien" wie Leinwand oder Bronze gegeben. Allerdings habe Papier die grafischen Künste befördert. In der Moderne seien all seine Eigenschaften genutzt worden - auch seine Zerreißbarkeit und Zerschneidbarkeit.

Papier als Bündnispartner anderer Medien

Von jeher sei Papier auch ein "Bündnispartner" anderer Medien gewesen, so der Redakteur der Süddeutschen Zeitung: "Die Druckerpresse brauchte das Papier, aber kam auch mit Pergament zurecht. Das Papier war dann eher das Medium der Verbilligung, dass man auch größere Massen damit erreichen konnte - und es war ein Medium, das sich unglaublich aufgefächert hat." Allein das Zeitungspapier sei ein "ganzer Kosmos für sich selber".

Müller sieht im Digitalen heute "Nachbarschaften, Verwandtschaftsbeziehungen" zum Papier. So kämen in die modernen Technologien wieder "Elemente von Schriftrolle" herein - "da entwickeln sich Mischverhältnisse". Sollte es künftig kein Papier mehr geben, werde sich Kunst natürlich verändern: "Eine der wichtigen Funktionen des Papiers war ja nicht nur als Ausdrucksmedium der Künstler, sondern auch als Speichermedium, das auch langfristige Überlieferung erlaubt."  


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Das papierlose Büro wird vielerorts angestrebt, ganz einfach, um weniger Bäume fällen zu müssen und Papier und Energie zu sparen. Wir sind ja als Deutsche die papierverschwenderischste Nation weltweit: 260 Kilo Papier verbrauchen wir pro Jahr. Darüber geht es heute Abend bei uns in einem "Zeitfragen"-Feature. Andererseits wissen wir, was man auf Papier geschrieben und in einem Buch gelesen hat, das haftet besser im Kopf als anderes, was man getippt hat.

Das Papier ist also viel wert, und es ist noch viel mehr wert, wenn wir die Kunst fragen, und so stellen wir heute die Frage, gäbe es Kunst überhaupt und vor allem welche, gäbe es kein Papier? Und diese Frage richtet sich an Lothar Müller – er ist nicht nur Feuilletonredakteur bei der "Süddeutschen Zeitung" mit Standort in Berlin, er hat auch ein Buch geschrieben, das den schönen Titel trägt "Weiße Magie: Die Epoche des Papiers", und mit dem war er 2012 auch für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert. Jetzt ist Lothar Müller hier bei mir im Studio. Schönen guten Morgen!

Lothar Müller: Ja, guten Morgen, Frau von Billerbeck!

Dürer hatte ein intensives Verhältnis zum Papier

Billerbeck: Denken wir an Papier als Vorbedingung vieler Künste – warum war und ist Papier wichtig, gerade für Kreativität und Künstler?

Müller: Ja nun, die Künstler, die Maler zum Beispiel, haben natürlich auch andere Trägermedien … also die berühmte Leinwand, die bildenden Künstler haben natürlich aus Bronze und allen möglichen schwereren Materialien auch Kunst gemacht. Das Papier ist ein relativ leichtes Trägermedium. Also wenn Sie große Mengen aufeinanderschichten, dann wird es ganz schön schwer, aber als einzelnes Blatt ist es relativ leicht, und so hat es natürlich vor allem die grafischen Künste befördert und zu ihrem Entwicklungsschub ab der frühen Neuzeit beigetragen, und die Künstler – viele haben das ja auch in ihren Briefen und Autobiografien beschrieben – hatten oft ein sehr intensives Verhältnis zu diesem Trägermedium.

Von Dürer weiß man das zum Beispiel. Damit kann man sehr viel machen, mit diesem Medium und diesem Trägermedium, gar nicht nur darauf zeichnen, sondern in der Moderne ist es ja dann auch eigentlich in allen seinen Eigenschaften benutzt worden: also die Zerreißbarkeit, die Zerschneidbarkeit, all das ist zum ästhetischen Verfahren geworden, und Matisse in seinen Collagen aus Papier und viele andere sind ihm gefolgt, haben sozusagen alle Eigenschaften, die das Papier hat, in künstlerische Strategien verwandelt, und da war es sehr vielseitig.

Billerbeck: Gäbe es die Kunst, wie wir sie heute kennen und lieben, eigentlich, wenn es kein Papier gegeben hätte, wenn man es nicht erfunden hätte?

Müller: Na ja, ich glaube schon, dass es die Kunst gäbe. Es ist ja auch oft so, dass Papier dann sowas wie ein Bündnispartner von anderen Medien war. Also die Druckerpresse zum Beispiel, die brauchte das Papier, aber sie kam ja auch mit dem Pergament zurecht, und das Papier war dann eher so das Medium der Verbilligung, dass man auch größere Massen damit erreichen konnte, und es war ein Medium, das sich unheimlich aufgefächert hat.

Also ich arbeite ja im Zeitungsbereich, und das Zeitungspapier ist ein ganzer Kosmos für sich selber, und vieles von dem, was wir heute haben, Formate zum Beispiel, Spalten und diese ganzen Dinge, sind entstanden durch die Bewirtschaftung von Formaten, die sich aus der Papierproduktion ergaben oder zumindest mit aus ihr ergaben.

Billerbeck: Nun haben Sie schon geschildert, Sie haben Dürer geschildert, der ein besonderes Verhältnis zum Papier hat, es wird auf Papier gezeichnet, gekritzelt, Notizen und Skizzen gemacht, quasi als Vorbedingung oder Vorübung für Kunst. Ist diese Art Kunst eigentlich auch denkbar ohne Papier, also nur im Digitalen?

Elemente von Schriftrolle im Digitalen

Müller: Ich glaube, das sind sozusagen Nachbarschaften, Verwandtschaftsbeziehungen. Das, was an Papier ins Auge fällt, ist, dass es in gewisser Weise auch ein abgegrenztes Objekt ist, also mit Vorder- und Rückseite. Also mir fällt häufig auf, dass etwa bei den digitalen Darstellungen meines eigenen Mediums, also der auf Papier gedruckten Zeitung, so elementare Fragen wie die, was ist eigentlich Vorderseite und was ist Rückseite, und wie verhält sich das, was ich auf dem Monitor sozusagen scrolle, zu einem klassischen Blatt.

Das sind eigentlich sehr elementare Fragen, aber die geraten alle ins Schwimmen. Also da kommen wieder Elemente von Schriftrolle rein in diese modernen Technologien, und da entwickeln sich andere Mischungsverhältnisse. Also ich würde da immer von Nachbarschaft, Verwandtschaftsbeziehungen reden und sagen, dass die alle sozusagen ihrer Eigenlogik folgen, so wie das Papier der seinen gefolgt ist.

Billerbeck: Aber gerade dieses Vorderseite, Rückseite, das ist ja nicht unerheblich. Manchmal haben ja auch Künstler Vorderseiten und Rückseiten produziert bei Bildern. Im Digitalen hat man nur die Vorderseite.

Müller: Na ja, wenn Sie die auf Papier gedruckte Zeitung nehmen und sich vorstellen, dass die ja – wir reden von Büchern – aus mehreren Büchern besteht, so sagt man in der Zeitungssprache, und da spielt zum Beispiel die Frage, ob das eine einzelne Seite ist … also eine Titelseite ist ja mit sich selber allein, und sobald Sie eine Zeitung aufschlagen, ist das alte Buchprinzip –

Billerbeck: Haben wir die Doppelseite.

Müller: – recto verso da, und es passiert im Alltag natürlich häufig, das man ein Bild auf der Seite drei austauscht, weil auf der Seite zwei sich was verändert hat, weil das gewissermaßen als Gesamtensemble wahrgenommen wird, und der Leser scannt gewissermaßen mit seinem geübten Auge über die Seiten, filtert sich das raus, was er lesen will, und da sind ganz eigene Welten entstanden, die sich von der Binnenwelt von Büchern sehr deutlich unterscheiden.

Billerbeck: Ich sehe schon, Sie sehen die Zeitung, die Papierzeitung auch als Kunstwerk, alles, was Sie da so beschreiben. Wird sich die Kunst ändern, wenn wir künftig kein Papier mehr haben sollten?

Müller: Ja, ich glaube schon. Also eine der wichtigen Funktionen des Papiers war ja nicht nur als Ausdrucksmedium für Künstler, sondern eben doch auch als Speichermedium, das auch langfristige Überlieferung erlaubt. So ist das ja heute noch in den Archiven, und im Moment leben wir eigentlich in einer Zeit der Mischung und der Mischwesen.

Also die Bibliotheken digitalisieren ja so ziemlich alles, und das ist auch gut so, zugleich aber werfen sie natürlich die Papierbestände, die sie haben, nicht weg, und das ist auch eine sinnvolle Unternehmung, weil gerade das ältere Papier sozusagen langzeitüberlieferungsfähig ist, und diese Fähigkeiten des Papiers, sowohl schnell zu zirkulieren, sozusagen auf der horizontalen Ebene, wie lange, dauerhafte Speichermedium vertikal, diachron zu sein, das hat, glaube ich, dazu beigetragen, dass es so in alle Kapillaren der Gesellschaft eingedrungen ist.

Billerbeck: Kunst und Papier – Antworten waren das von Lothar Müller, und wenn Sie sich in das Thema vertiefen wollen: Lothar Müllers Buch heißt "Weiße Magie: Die Epoche des Papiers", ist bei Hanser erschienen. Heute Mittag in "Studio 9" geht es darum, dass man, wie ich schon erwähnt hatte, auf Papier Handgeschriebenes und im Buch Gelesenes besser erinnert.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Papier ist heute auch Thema im Feature  "Deutschland - Papierverschwenderland" von Christina Rubarth. Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 19:30 Uhr.

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