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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 06.03.2020

Digitales DetoxingBitte lasst die Bilder weg

Ein Kommentar von Roberto Simanowski

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Bildrauschen (Illustration / Deutschlandfunk Kultur)
Einen Tag ohne Bilderflut, wünscht sich Autor Roberto Simanowski. (Illustration / Deutschlandfunk Kultur)

Am "Day of Unplugging" wird zu einer Internetpause aufgerufen. Medienwissenschaftler Roberto Simanowski würde lieber einen Tag lang an die Anfänge des Internets erinnern: als das Netz noch frei von Kommerz und Fake News war und ohne Bilder auskam.

Jedes Jahr Anfang März begeben sich die Mutigsten von uns für einen Tag zurück ins 20. Jahrhundert: Als es noch kein Internet gab und kein eBay und kein Amazon. Am "Day of Unplugging", auf Deutsch: Tag ohne Internet. Eine Art Sabbath, wie die jüdische Initiative "Reboot" 2010 in ihrem "Sabbath Manifesto" ihre Forderung nach einem Tag ohne Internet begründet: Man soll zur Ruhe kommen im hektischen Informationszeitalter, man soll mal an die frische Luft gehen, eine Kerze anzünden, ein Glas Wein trinken.

Klar, man kann auch vor dem Computer Wein trinken, beim Kerzenschein im Garten, wenn das Wi-Fi dahin reicht. Aber lassen wir die Spitzfindigkeiten. Entscheidend ist, dass man sich für einen Moment in die Vergangenheit zurück versetzt, als das Leben noch offline geschah. War es damals besser? Nein. Aber vielleicht war das Internet einmal besser, als es noch in den Kinderschuhen steckte, als es noch voller Versprechen und Hoffnung war – und frei von Kommerz, Filterblasen und Fake News. Als es noch keine Fotos und Videos gab.

Als Alter, Geschlecht, Hautfarbe keine Rolle spielten

Damals, vor nunmehr 30 Jahren, war man im Internet noch das, was man sein wollte und glaubhaft machen konnte. Eine berühmte Karikatur dazu zeigt zwei Hunde vor dem Computer. Der eine sagt zum anderen: Im Internet weiß niemand, dass du ein Hund bist. Dieser Witz stand für die Befreiung von all den nonverbalen Zeichen, die normalerweise den zwischenmenschlichen Kontakt beeinträchtigen: Alter, Geschlecht, Hautfarbe, soziale Herkunft, körperliche Beschaffenheit.

All das war man los im bilderlosen Internet. So konnten Menschen im Rollstuhl wieder gehen, im Geiste Junggebliebene befreiten sich aus dem Altersheim und Männer mit großen Nasen hatten neue Chancen bei den Frauen. Man entkam der Erwartung seines Gegenübers, die im realen Leben den Verhaltensspielraum so unerbittlich einengte.

Manche Soziologinnen sprachen euphorisch vom Internet als Identitätsworkshop, wo das Subjekt im Rollenspiel ganz neue Seiten an sich selbst entdeckt. Dieses Experimentieren, dieses Schummeln bei der Selbstbeschreibung war okay, solange es okay war. Problematisch wurde es, wenn Männer sich in Chatgroups als Mädchen ausgaben.

Die Fotowelt lässt die Welt der Worte schwinden

Sowas geht heute kaum noch. Mit der Bildtauglichkeit des Internets kam die Identitätsprüfung und damit zogen Gesetz und Ordnung in den Wilden Westen des Cyberspace. Nun wusste man, ob der charmante junge Mann auf der anderen Seite des Interface in Wahrheit ein Hund ist, ganz gleich, wie geschickt sich dieser anstellte, als Mensch zu erscheinen. Nun war am Anfang immer das Bild – und am Ende immer weniger das Wort.

Denn je mehr die Kommunikation im Internet auf Bildern fußte und dann auch auf Video und Lifestream, umso weniger kam es noch zur Selbstbeschreibung. Verloren ging nicht nur die Kunst des Schummelns, sondern auch der Reflexion. Man beschreibt nicht mehr, was man erlebt, man schickt ein Foto. Ich und der Eifelturm. Vielleicht schreibt man noch dazu "total geil" oder "kommt alle her". Aber was so geil ist und warum es noch geiler mit den Freunden wäre, bleibt so unklar, wie alles andere, das man erlebt und empfindet.

Jenseits der mechanische Reproduktion der Realität

Bei allem Hassgeschrei, das uns heute besorgt: Die Geste der Selbstdarstellung im Internet ist das Verstummen. Ein stummes Zeigen, ganz gleich wie laut es daherkommt. In diesem Zeigen, in dieser mechanischen Reproduktion der Realität geht deren Bedeutung nicht über das hinaus, als was sie erscheint. Ein Turm ist ein Turm und ein Hund ist ein Hund. Anders wäre es mit Sprache. Dann steckt die Erfahrung des Erlebten schon in der Suche nach dem richtigen Wort. Dann sind Turm und Hund das, was sie uns bedeuten – vielleicht ein Phallus, vielleicht ein Baby.

Wäre es nicht gut, sich dessen zu erinnern? Wie die Welt durch uns hindurchging, als wir sie noch nicht ablichten konnten, sondern beschreiben mussten? Wäre es nicht gut, zumindest einen Tag im Jahr zu haben, an dem das Internet wieder bilderlos ist? Ein Tag, an dem die Kameras schweigen. Es wäre eine Art des digitalen Detoxing, die nicht das Internet ablehnt, sondern sich nostalgisch an seinen Anfang begibt. Ein No-Photo-Tag, ein Tag, an dem ein Hund im Internet wieder mehr sein kann als bloß ein Hund.

Roberto Simanowski ist Kultur- und Medienwissenschaftler und lebt nach Professuren an der Brown University in Providence, der Universität Basel und der City University of Hong Kong als Medienberater und Buchautor in Berlin und Rio de Janeiro. Zu seinen Veröffentlichungen zum Digitalisierungsprozess gehören unter anderem "Facebook-Gesellschaft" (Matthes & Seitz 2016) und "The Death Algorithm and Other Digital Dilemmas" (MIT Press 2018).

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