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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 04.07.2018

Digitale Zukunft in der SchuleTablet statt Tafel

Von Henry Bernhard

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Mathelehrer Horst Kretschmer zeigt zwei Schülerinnen etwas auf dem Tablet. (Henry Bernhard)
Das Tablet wird in fast allen Fächern eingesetzt. Nur wenige Lehrer halten an der klassischen Tafel fest. (Henry Bernhard)

Viele Schulen verfügen nicht einmal über ausreichend Computer. Ein Gymnasium in Dingelstädt ist da schon viel weiter: Ab der achten Klasse wird konsequent mit Tablets, Beamern und Whiteboards gearbeitet. Die bisherigen Erfahrungen sind überzeugend.

"Ich habe jetzt mal gelesen, in der Zeitung stand mal drin über Digitalisierung in der Schule: ‚Mehr Computer in die Schule!‘ Wer so etwas sagt, der hat die Digitalisierung nicht verstanden! Ein mobiles Endgerät in die Tasche, was klein und kostengünstig ist – das ist Digitalisierung Schule, nicht mehr Computer-Kabinett. Computer-Kabinette sind eigentlich out. Vor zehn Jahren war ich stolz, da hatte ich ein vernetztes Computersystem, waren mit die erste Schule, die vernetzt war. Und jetzt brauchen wir das feste Netz nicht mehr, weil wir WLAN haben."

Peter Krippendorf führt stolz durch seine Schule, das St. Josef-Gymnasium in Dingelstädt. Der altehrwürdige, neobarocke Bau, der mit breiten, großzügigen Treppen und Räumen beeindruckt, täuscht: Hier residiert eine der modernsten Schulen Deutschlands. Hier passiert, was überall in Deutschland gefordert wird: Hier hantieren die Schüler ganz selbstverständlich mit Tablets, also mit Kleincomputern, die etwas kleiner als ein A4-Blatt und nur halb so dick wie eine Streichholzschachtel sind.

"Zeigt mal, wie ihr den Box-Plot überhaupt hinbekommen habt!"

Matheunterricht in der neunten Klasse. Die letzte Stunde vor den Ferien. Der Lehrer, Horst Kretschmer, hat den Schülern ein Arbeitsblatt ausgeteilt, auf dem Aufgaben stehen, deren Lösungsalgorithmus sie noch nicht geübt haben.

"Da gibt es im Buch so Aufgaben, wo sie statistische Auswertungen machen. Und das ist eben etwas, was alle brauchen. Und sie sollen eben rausfinden, wie man das selber auch mit dem Tablet darstellt, also mit dem speziellen Mathematik-Programm."

"Es geht jetzt auch viel schneller"

Die Schüler arbeiten für sich oder mit dem Banknachbar. Marlen arbeitet mit Michelle. Den Lösungsweg haben sie im Internet recherchiert, jetzt geht es um die Anwendung im Tablet-Computer.

"Also, wir sollen einen Box-Plot erstellen. Es gibt da so ein Programm, das heißt GeoGebra. Und da gibt es halt verschiedene Rechner, und damit können wir verschiedene Aufgaben lösen."

Ende der achten Klasse haben sie das Tablet in die Hand bekommen. Ihr Eindruck vom ersten Jahr:

"Also, wir hatten zum größten Teil Gleichungssysteme gehabt, und ich muss sagen: Gleichungssysteme mit schwierigen Zahlen, wenn man die jetzt schriftlich rechnen würde …, da hat das für dieses Thema viel Erleichterung gebracht, also sehr positiv, jedenfalls für Gleichungssysteme."

"Es geht jetzt auch viel schneller, weil man es nur eingibt, und dann hat man gleich die Zeichnung da, wie wir es hier gezeigt haben. Und hier muss man alles in den Hefter zeichnen, Koordinatensystem zeichnen. Und das macht es viel einfacher und schneller."

Bei Peter Krippendorff im Büro. Ein großer, hoher Raum, wenig Papier, wenige Bücher, wenig Dekoration, ein Computer. Krippendorff unterrichtet neben seiner Schulleiter-Tätigkeit Mathe und Chemie.

"Der Ansatz war eigentlich, dass wir in der Fachkonferenz Mathematik uns über den Taschenrechner besprochen haben, und zwar über das Computer-Algebra-System. Das ist seit Jahren in Thüringen Pflicht."

Im Prinzip ein programmierbarer Taschenrechner mit vergrößerter Anzeige, auch für die grafische Darstellung von Funktionen.

"Dann kam aber die Idee: Es gibt ja dieses Programm GeoGebra, und das läuft über Tablets, über Rechner. Und da haben wir uns überlegt: Wenn wir statt 160 Euro für einen Taschenrechner ausgeben, kaufen wir ein Tablet und haben einen viel größeren Umfang der Möglichkeiten des Einsatzes. Und das war die Geburtsstunde der Idee Table-Einführung. Und dann haben wir die Idee in der Lehrerkonferenz vorgestellt. Und plötzlich sagten die Deutschlehrer: ‚Oh, das können wir ja im Deutschunterricht auch verwenden!" Die Geografen sagen, ‚Wir können das in Geografie gut verwenden!‘, die Chemiker sagen, ‚Oh, wir können Daten aufnehmen und die Daten präsentieren!‘ Man hat plötzlich gemerkt, dass es ein unwahrscheinlicher Umfang ist, wo es einsetzbar ist."

WLAN in der ganzen Schule

Krippendorf überzeugte den Landrat, das Schulamt, das Bildungsministerium von dem Plan, alle Schüler ab dem Ende der achten Klasse mit einem Tablet-Computer auszustatten, der 321 Euro kostet, die die Eltern zu tragen haben.

"Dann war die Aufgabe, die Eltern zu überzeugen. Ich habe wirklich gesagt: Ohne Eltern führe ich das Projekt nicht durch. Wenn es ein Elternteil gibt, das sagt, ‚Das geht nicht!‘, dann lassen wir das Projekt fallen. Und wir haben dann in den Klassen, wo wir es einführen, Elternversammlungen durchgeführt, haben gezeigt, was wir machen können. Habe es an Mathematik aufgezäumt. Habe gesagt: ‚Schauen sie sich das mal an: Das ist der Rechner; und jetzt mache ich das Gleiche mit dem Tablet. Schauen sie es sich an der Tafel an.‘ Da waren sie sofort überzeugt."

Der Landkreis zahlte dafür die 100.000 Euro für Beamer, Großfernseher oder Whiteboards in allen Unterrichtsräumen und WLAN im gesamten Schulgebäude. Und Krippendorf kümmerte sich, die Lehrer mitzunehmen. Denn ohne Lehrer, die damit umgehen, nützt die ganze technische Ausstattung nichts.

"Als wir die Tablets eingeführt haben, haben wir die Lehrer gefragt: ‚Was braucht ihr an Weiterbildung?‘ Wie gehe ich mit dem Gerät um? Wie sichere ich meine Daten? Wie kriege ich meine Tafelbilder von Windows auf das Apple-System? Und dort haben wir mit eigenen Leuten – Hilfe war nirgends zu bekommen – Lehrerfortbildung gemacht in der Vorbereitungswoche. Das war wie so ein Dominospiel."

Eine kleine Arbeitsgruppe von fünf Lehrern trieb die Digitalisierung voran. Sie besuchten Schulen, die schon Erfahrungen mit Tablets hatten, schulten sich gegenseitig. Von Anfang an dabei war Andreas John, Lehrer für Englisch und Geschichte.

"Am Anfang war es diese Gruppe, die eingestiegen ist. Und nur wenige Wochen später hat man schon gesehen, wie die Lehrer im Lehrerzimmer so in Grüppchen saßen. Und man merkte schon, wie sie sich versucht haben einzuarbeiten. Und dann kam wirklich jeden Monat eine Gruppe von drei bis vier Lehrern, die dann doch das iPad bestellt hatten. Und nach einem Jahr hatten dreiviertel der Lehrer ein iPad."

Vernetztes Lernen

Andreas John verwaltet auch die Netzwerk-Technik des Hauses, soweit das nebenbei zu machen ist. Er gibt die Tablets aus, registriert sie, überspielt die nötige Software, behandelt die seltenen Problemfälle. Am Ende der achten Klasse geht es los. Nunmehr im dritten Jahrgang. Immer zwei Wochen vor den Sommerferien werden die Schüler in die Arbeit mit den Tablets eingeführt – wenn sie es nicht ohnehin längst können.

Die neunte Klasse, die gerade NaWi, also Naturwissenschaften, hat, wird von Stephan Reich unterrichtet.

"Ja, also Carolina stellt jetzt mal das Fließschema vor, was sie erarbeitet hat. Komm bitte nach vorn und zeig das mal!"

Carolina tritt vor die Klasse. Sie sollten im Internet recherchieren, wie Kunststofflaschen recycelt werden, und das Gelesene in ein Fließschema bringen, alles am Tablet. Carolina steuert mit ihrem Tablet den Beamer an, der an der Decke hängt und ein paar Sekunden später ist ihre Arbeit an der Wand für alle sichtbar.

"Ja, also wir hatten eine Seite gefunden von der Schweiz, die das ziemlich detailliert dargestellt hatten, wie man das PET recycelt."

Nicht nur der Lehrer, auch die Schüler können jederzeit allen zeigen, was sie erarbeitet haben. Stephan Reich sieht u.a. einen enormen Zeitgewinn in der Arbeit mit den Tablets.

"Wir können im Unterricht innerhalb von Minuten eine Recherche im Internet machen, wo man sonst in das Computer-Kabinett gehen müssen, in der Hoffnung, dass auch alle Rechner funktionieren. Und das hätte in der Regel eine Unterrichtsstunde gedauert. Und so ist das alles viel flexibler, viel schneller und auch individueller geworden für die Schüler."

Die Schüler haben sich schnell in die Arbeit mit den Tablets gewöhnt, schließlich besitzen alle Smartphones. Lehrer und Schüler lernen oft gegenseitig voneinander. Alina arbeitet gerade mit ihrer Banknachbarin Anna-Lisa zusammen. Sie erstellen eine Grafik.

"Wir drei arbeiten jetzt zusammen. Das heißt, man kann mit der App sich auch gegenseitig einladen und dann zusammen an der Arbeit arbeiten. Das heißt, wenn er jetzt was verändert, erscheint das auch bei mir, die Veränderung."
"In welchen Fächern nutzt ihr das?"
"Eigentlich in so gut wie allen Fächern. Es gibt auch ein paar Lehrer, die keine iPads besitzen, aber sonst eigentlich in jedem. Also manchmal bekommen wir auch Blätter ausgeteilt, aber das wird immer weniger."

Nur wenige Lehrer halten an der Kreidetafel fest

Die wenigen Lehrer ohne Tablet stehen ohnehin kurz vor der Rente oder vertrauen mehr den traditionellen Methoden wie z.B. Sibylle Ladwig, Musiklehrerin.

"Ich bin der Meinung, dass nicht alles mit dem Tablet funktionieren sollte. Und ich bin auch noch ein ganz großer Verfechter des Tafelbildes, das ist für Musik unheimlich wichtig, weil wir da über Noten arbeiten und auch die Schüler nach vorn gehen, um die Noten einzeichnen. Und das geht mit dem Tablet schon, aber nicht so, dass alle nach vorn gucken; da ist jeder mit dem Gerät beschäftigt."

Die Schüler nutzen die Tablets zum Recherchieren, zum Schreiben, Lesen, Hören, Zeichnen, Berechnen, Darstellen, Fotografieren, Filmen. Manche führen auch ihre Hefter papierlos. Einige Lehrbücher stehen schon elektronisch zur Verfügung. Das Tablet aber ist dennoch nur ein Arbeitsmittel unter vielen. Es wird herausgeholt, wenn es gebraucht wird. In den Pausen besteht ohnehin Handy- und Tablet-Verbot. Marlen und Michelle finden das ganz vernünftig.

"Also, ich muss persönlich sagen, ich finde es sehr teuer. Ich meine, jetzt ist es da, jetzt habe ich’s. Aber theoretisch könnte ich auch ohne. Und ich würde es auch ohne schaffen; weil ich es wirklich nur für Mathe nutze, muss ich ganz ehrlich sagen. Oder irgendwas recherchieren. Aber sonst würde ich auch ohne klarkommen und bräuchte das nicht wirklich. Nur am Anfang war es halt eine ganz schöne Ablenkung. Da hatte man auch Spiele und so drauf."
"Ja, anfangs hatte man auch soziale Netzwerke wie Snapchat, Instagram und sowas drauf."
"Aber mir ist dann aufgefallen, dass das nicht so gut ist. Zu Hause macht man Hausaufgaben; und dann sieht man: Da hat mir wer geschrieben! Und dann geht man drauf und lenkt sich wieder ab. Und dann habe ich es gleich gelöscht. Und jetzt ist man viel konzentrierter dann."
"Ist ja jeder selber zuständig, wie er in seiner Schule lernen und arbeiten will. Und wenn man das wirklich will, denke ich auch, dass man da vernünftig werden kann."

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