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Buchkritik | Beitrag vom 17.10.2019

Dietmar Dath: "Neptunation"Die Überforderung des Lesers als Stilmittel

Von Marten Hahn

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Buchcover zu "Neptunation" von Dietmar Dath (Fischer Tor)
Ein Buch wie ein intellektueller Saunagang: "Neptunation" von Dietmar Dath. (Fischer Tor)

Wenn Dietmar Dath mal nicht für die FAZ schreibt, verfasst er intellektuell fordernde Science-Fiction: Sein neuer Roman löst mit Exkursen zu Marxismus und Naturgesetzen zunächst Lesefrust aus. Doch nach 688 Seiten ist man auch einen Funken schlauer.

Es gibt Bücher, die haben die zauberhafte Gabe, ihre Leser klug fühlen zu lassen. Der neue Roman von Dietmar Dath scheint keins dieser Bücher zu sein. Bereits auf den ersten Seiten stolpert man über "Sapir-Whorf", "Begriffsverbände" und "Atlas-Zerlegung". Wer also gehofft hat, Dath würde in seinem neuen Roman darauf verzichten, seine Leser zu überfordern, wird enttäuscht.

"Neptunation" erzählt die Geschichte einer Weltraumodyssee. Eine deutsch-chinesische Mission bricht unter Führung der Deutschen Cordula Späth gen Neptun auf. Dafür sammelt Späth weltweit auch mehrere hyperintelligente Menschen ein, die "vom Licht gelesen" wurden. Wer Daths Vorgängerroman "Der Schnitt durch die Sonne" gelesen hat, trifft hier auf ein paar alte Bekannte.

Wohldosierte Plot-Krumen

Späths Mission reist einem älteren Raumschiff hinterher, in dem kurz vor Ende des Kalten Kriegs Russen und Ostdeutsche ins All aufgebrochen waren. Eine letzte Nachricht verortet das sozialistische Himmelfahrtskommando nahe des Gasriesen Neptun am fernen Ende unseres Sonnensystems.

Dass man "Neptunation" nicht nach den ersten hundert Seiten durch den Raum wirft, liegt auch am plötzlichen Angriff bizarrer, angsteinflößender "Messermonster". Wohl dosiert serviert Dath immer wieder Plot-Krumen. Eine Roboterattacke aus den Tiefen des Alls hier, ein explodierendes Raumschiff da.

Das hilft jedoch nur bedingt gegen gelegentlichen Lesefrust. So schickt Missionsleiterin Späth einem russischen Genossen eine Abhandlung über östlichen und westlichen Marxismus. Oder es debattieren ein chinesischer und ein russischer Wissenschaftler an Bord des Raumschiffs über die Wahrheit und Beständigkeit von Naturgesetzen. Andere Figuren Daths, die das Gespräch belauschen, gestehen immerhin ein: "That was some deep shit!"

Überforderung als Stilmittel

Wer hier intellektuell nicht andocken kann, für den verpufft viel. Im Vorgänger "Der Schnitt durch die Sonne" steckte so viel Mathematik, so viel akademische Schnitzeljagd, dass er für diesen Rezensenten nahezu ungenießbar war. Das ist im Fall "Neptunation" ein wenig anders.

So konsequent setzt Dath auf wissenschaftlich-philosophische Exkurse und Name-Dropping, dass einem nichts übrig bleibt, als die Überforderung als Stilmittel anzuerkennen. Das mittlerweile untergegangene US-amerikanische Online-Magazin "Awl" schrieb unter dem Slogan "be less stupid". Ein Motto, dass sich der Marxist Dath anscheinend auch auf die Fahne geschrieben hat.

Man muss die ideologischen Einlassungen Daths nicht mögen, um die Lektüre von "Neptunation" gewinnbringend zu beenden. Wer auch nur einen Bruchteil von dem versteht, was Dath hier aufeinander türmt, für den wird dieses Buch zum intellektuellen Saunagang, der die Poren öffnet, so dass man danach wacher, offener durchs Leben geht.

Klarer sehen im Weltraum

Wie funktioniert Politik im Weltraum? Begrenzt Ideologie unser Denken? Und hört Wahrheit da auf, wo unser Verständnis aufhört? "… der Weltraum … es ist der richtige Ort, viele Dinge der Erde klarer zu sehen", wie ein Astronaut sagt und damit die ewige Science-Fiction-Wahrheit verkündet.

Überwindet man irgendwann auf den mehr als 600 Seiten die eigene Faulheit und lässt den Denkschmerz hinter sich, beginnt "Neptunation" dunkel zu leuchten. Am Ende bleibt man vielleicht nicht als "vom Licht Gelesener" zurück, aber doch einen Funken schlauer.

Dietmar Dath: "Neptunation"
Fischer Tor, Berlin 2019
688 Seiten, 16,99 Euro

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