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Zeitfragen | Beitrag vom 27.08.2019

Diesel-NachrüstungAutoindustrie lenkt ein

Von Thomas Wagner

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Autos fahren durch die Innenstadt.  (dpa/ Sina Schuldt)
Daimler bezuschusst die Diesel-Nachrüstung, andere Autokonzerne ziehen nach – allerdings nur bei Fahrzeughalterinnen und Fahrzeughaltern, die in Diesel-Verbotszonen wohnen oder arbeiten. (dpa/ Sina Schuldt)

Kürzlich hat das Kraftfahrt-Bundesamt erste Nachrüstsätze für Dieselmotoren zugelassen. Ein Test des ADAC belegte deren Wirksamkeit – und sorgte für eine Trendwende in der Autoindustrie. Aber es gibt Einschränkungen.

Ingo Jaeger ist Medientechniker aus Friedrichshafen. Mindestens einmal im Monat pendelt er arbeitsbedingt mit seinem Diesel Euro 4 nach Stuttgart – also genau dorthin, wo bundesweit zum ersten Mal ein gerichtlich angeordnetes Fahrverbot für ältere Diesel-PKW in Kraft trat.

Mit seinem Diesel Euro 4 ist Ingo Jaeger davon betroffen. Von der Möglichkeit, sein Auto nachzurüsten und dadurch den Stickoxid-Ausstoß erheblich zu reduzieren, hat Ingo Jaeger zwar schon gehört. Allerdings sei das Thema für ihn diffus geblieben, als er sich an einer Online-Recherche versuchte:

"Ich habe versucht, meinen Motortyp zu googlen, ob ich da jetzt was tun soll oder tun kann oder gar muss – habe es aber nicht so richtig rausgefunden. Ich weiß gar nicht so recht, was ich da machen muss oder machen soll."

Die Verunsicherung ist groß bei Autofahrerinnen und Autofahrern, die von Dieselfahrverboten betroffen sind – und das kann nicht wirklich überraschen: Denn erst vor kurzem hat das Kraftfahrt-Bundesamt damit begonnen, sogenannte "Hardware-Nachrüstsätze" zuzulassen. Damit werden auch ältere Diesel-Autos so sauber, dass sie wieder in Verbotszonen einfahren dürfen.

Allerdings gibt es Zulassungen bislang nur für Fahrzeuge der Marken Volvo, Daimler und seit neuestem Volkswagen. Und aller Voraussicht nach wird es bis in den Herbst hinein dauern, bis die ersten Nachrüstsätze auch tatsächlich in nennenswerter Stückzahl verbaut werden können.

Aufwand für Hardware-Nachrüstungen überschaubar

Der Autozulieferer Baumot im nordrhein-westfälischen Königswinter ist Spezialist für Abgas-Reinigungsunterlagen – und eines der ersten Unternehmen bundesweit, die die vom Kraftfahrt-Bundesamt zugelassenen Hardware-Nachrüstsätze für ältere Diesel-PKW entwickelt haben. Der Aufwand für den Einbau halte sich in überschaubaren Grenzen, sagt Baumot-Chef Marcus Hausser:

"Das ist nicht kompliziert. Das ist keine Raketentechnik. Die Werkstatt baut das in vier bis fünf Stunden ein. Und dann hat der Fahrzeughalter ein Fahrzeug, was sicherlich Werterhalt hat, und was auch von keinem Fahrverbot mehr betroffen sein wird."

Das Logo des Nachrüsters Baumot ist auf einem Demonstrations-Nachrüstsatz zu sehen. (dpa/ Marijan Murat)Die Firma Baumot ist eines der ersten Unternehmen in Deutschland, die die vom Kraftfahrt-Bundesamt zugelassenen Hardware-Nachrüstsätze für ältere Diesel-PKW entwickelt haben. (dpa/ Marijan Murat)

Warum nicht gleich so, mag man sich da fragen. Denn der Weg zur Zulassung der ersten Diesel-Nachrüstsätze war ein steiniger – und langer. Seit September 2015, dem Beginn des so genannten "Diesel-Gate"-Skandals, forderten Umweltverbände die Entwicklung solcher Hardware-Nachrüstungen.

Verbände kämpften lange gegen Widerstand der Autokonzerne

Doch zunächst einmal stießen sie mit dieser Forderung nicht nur beim Bundesverkehrsministerium, sondern auch bei den großen Automarken auf taube Ohren. Der frühere BMW-Vorstandschef Harald Krüger sagte damals, im Gleichklang mit nahezu allen hochrangigen Automobilmanagerinnen und -managern im Land: "Wir sagen auch, wenn etwas technisch nicht sinnvoll ist: Die Nachrüstung mit Hardware!"

Die ablehnende Haltung der Autoindustrie gegenüber der Hardware-Nachrüstung bröckelte erst, als sich der ADAC, der größte europäische Autoclub, genau für solche Hardware-Nachrüstungen stark machte. Stefan Braunschweig, Sprecher des ADAC-Regionalverbandes Württemberg, dazu:

"Uns erscheint die Hardwaremöglichkeit als gute Möglichkeit, beide Ziele, die zunächst nicht zu vereinbaren schienen, zu vereinbaren. Nämlich bessere Luft oder weniger Emissionen und Verhinderungen von Fahrverboten."

ADAC-Test zeigt: 50 bis 80 Prozent weniger Emissionen

Braunschweig brachte, in Zusammenarbeit mit dem baden-württembergischen Verkehrsministerium, einen großangelegten Test auf den Weg: In der ersten Phase wurden vier, in der zweiten Phase drei Hardware-Nachrüstsätze in PKW unterschiedlicher Marken verbaut und dauerhaft im Fahrbetrieb auf der Straße erprobt.

"Es war relativ schnell klar, dass wir Reduktionsraten der Emissionen zwischen 50 und 80 Prozent erzielen können. Die Haltbarkeit der Systeme war zufriedenstellend. Und was auch wichtig war: Wir konnten keinerlei Schäden am Motor oder dergleichen feststellen, was in der Diskussion häufig behauptet wurde", fasst Braunschweig das Ergebnis zusammen.

Und genau diese Bilanz führte zur Trendwende: Am schnellsten verwandelte sich der Hersteller Daimler vom "Abgas-Saulus" zum "Abgas-Paulus."

Daimler und VW bezuschussen Nachrüstungen

Die Strategie des Konzerns erläutert Daimler-Sprecher Johannes Leifert: "Konkret bieten wir unseren Kunden einen finanziellen Zuschuss zu bestimmten Bedingungen von bis zu 3000 Euro. Hardware-Updates, so wie wir sie jetzt unterstützen mit diesem Zuschuss für Lösungen von Nachrüstfirmen, sind eine Option für unsere Kunden, die genommen werden kann, um in Städten, in denen Fahrverbote drohen, einfahren zu können."

Will heißen: Die Halter älterer Diesel-Fahrzeuge können sich die Hardware-Nachrüstung vom Hersteller mit bis zu 3000 Euro bezuschussen lassen. Der Grund, so Leifert: "Wir glauben, dass wir damit bestimmte Kunden in diesen Schwerpunktregionen eine Option anbieten können, in Straßen mit Fahrverboten hinein zu fahren."

Diese ‚Option‘ führt zu einem Lob von unerwarteter Seite: "Wir begrüßen es, dass Daimler wenigstens einen Schritt in die richtige Richtung unternimmt", betont ausgerechnet einer, der ansonsten mit Kritik an den Automobil-Konzernen nicht spart: Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe.

Die Beschränkung auf diejenigen Fahrzeughalterinnen und Fahrzeughalter, die in Diesel-Verbotszonen wohnen oder arbeiten, ist für ihn allerdings eine Kröte, die er dann doch nicht schlucken will:

"Wir sind der Ansicht, dass jeder, der ein schmutziges Dieselfahrzeug besitzt, Anspruch darauf hat, dass ihm die Hardware-Nachrüstung kostenfrei eingebaut wird und er den Nachweis, wohin er dann fährt, nicht erbringen muss."

BMW zieht nicht mit und erntet Kritik

Gleichwohl sind die ersten Zulassungen von Hardware-Nachrüstsätzen für Jürgen Resch ein bedeutender Schritt auf dem Weg zu einer saubereren Luft in Deutschlands Städten:

"Was wir im Vorfeld in unserem Emissionskontrollinstitut messen konnten, war eindrucksvoll. Die Systeme schaffen es tatsächlich, die vorgegebenen Werte sicher zu unterschreiten und sind sehr viel sauberer als die meisten Euro-6-Neufahrzeuge, die eben bis vor einem Jahr zugelassen wurden."

Bislang hat das Kraftfahrt-Bundesamt nur Hardware-Lösungen für die Marken Volvo, Daimler und VW zugelassen. Volkswagen immerhin hat angekündigt, Betroffene ebenfalls mit 3000 Euro pro Fahrzeug zu unterstützen, wenn sie regelmäßig in Verbotszonen hineinfahren müssen. Das aber, meint Umwelthilfe-Chef Jürgen Resch, kann noch nicht alles sein:

"Wir kritisieren, dass BMW, der dritte größte Konzern in Deutschland, sich bislang weigert, irgendwelche Nachrüstungen zu finanzieren. Und für die ganzen Importmarken – japanische, koreanische und europäische Hersteller im Wesentlichen – gilt das in gleicher Weise."

Zur Not, sagt Resch, werde die Umwelthilfe dazu vor Gericht ziehen – wie schon so häufig im Zuge des "Dieselgate-Skandals."

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