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Thema / Archiv | Beitrag vom 04.02.2011

"Diese Diktatoren sind wie autistisch"

Rafik Schami über die Proteste in der arabischen Welt

Rafik Schami im Gespräch mit Matthias Hanselmann

Ein Demonstrant hält ein Anti-Mubarak-Plakat in die Kamera. (AP)
Ein Demonstrant hält ein Anti-Mubarak-Plakat in die Kamera. (AP)

Der deutsch-syrische Schriftsteller Rafik Schami hat die Machthaber in Nahost-Staaten wie Ägypten und Syrien scharf kritisiert. Es könne kein Zurück mehr geben zum Status quo vor dem Beginn der Protestbewegung.

Matthias Hanselmann: Rafik Schami wird 1946 in Damaskus, Syrien, geboren. Mit 25 Jahren flieht er nach Heidelberg, und inzwischen ist Schami Bestsellerautor, dessen Romane in 25 Sprachen übersetzt wurden, und er ist Träger zahlreicher Literaturpreise. Die Geschehnisse in seiner Heimat Syrien verfolgt er seit seiner Flucht äußerst genau und zurzeit natürlich mit noch größerer Spannung, nehme ich an. Jetzt ist Rafik Schami für das "Radiofeuilleton" am Telefon. Guten Tag, Herr Schami!

Rafik Schami: Guten Tag!

Hanselmann: Die Spannung ist sicherlich groß bei Ihnen, oder?

Schami: Ja, ich kann kaum noch schlafen, ich arbeite nicht, ich verfolge nur noch die Nachrichten.

Hanselmann: Wir natürlich auch, und für heute wurde ein "Tag des Zorns" angekündigt in Syrien. Nach dem Freitagsgebet sollten sich Demonstranten zusammenfinden, und es ist aber bisher, nach unseren Informationen, zumindest ruhig geblieben. Teilen Sie diese Beobachtung auch?

Schami: Genau, das ist auch meine Information. Allerdings muss ich kleine Korrektur unternehmen. Soweit ich die Plakate, die Bilder, die Telefongespräche auswerten kann und darf: Es sind zwei Tage angesetzt, heute und morgen. Es ist noch nicht alles zu Ende, aber es ist sehr ruhig, und anscheinend fehlen die Elemente der bitteren Armut, die in Ägypten das Ganze zur Explosion gebracht haben. So ist meine Einschätzung. Es gibt genug Entrechtete, es gibt genug Armut, es gibt genug Beschneidung der Freiheit und Verhaftungen und Militarisierung der Gesellschaft, aber anscheinend ist noch nicht die Voraussetzung da für einen Volksaufstand.

Hanselmann: Herr Schami, da sind wir gleich bei dem Punkt der Vernetzung und der Information. Über 7000 Facebook-Nutzer haben sich solidarisiert über Facebook, mit diesem Protestaufruf für die nächsten zwei Tage. Sie reden jetzt von den Elementen der extremen Armut – kann das sein, dass die vielleicht diese Information noch nicht bekommen haben, weil sie gar nicht bei Facebook vernetzt sind?

Schami: Das kann sein, dass auch die Kontrolle viel härter in Syrien ist, aber wirklich, was Sie hier sagen, ist sehr interessant: dass diese zwei Elemente – Facebook und Internet – eine so entscheidende Rolle in Ägypten und Tunesien gespielt haben, womit man nie gerechnet hat. Auch die Versuche der Geheimdienste dort, das zu unterbrechen oder das zu manipulieren, sind gescheitert durch die Klugheit der Anbieter, durch die Klugheit der Benutzer. Anscheinend ist das in Syrien nicht möglich, diese 7000 Stimmen auf eine Volksbewegung rüberschwappen zu lassen, anscheinend noch nicht. Aber warten wir ab, weil vieles kann man bei diesen Bewegungen nicht ganz genau voraussehen.

Hanselmann: Wenn Sie sagen, warten wir ab, meinen Sie in diesem Fall sogar ein sehr kurzfristiges Abwarten eventuell? Könnte morgen schon etwas …

Schami: …was das ist mit Jemen und was wird an diesem Wochenende in Syrien, was wird alles in der unmittelbaren nächsten Zukunft an Maßnahmen kommen, an Reformen. Also man muss wirklich nach allen Seiten gucken.

Hanselmann: Würden Sie aber sagen, dass der Wunsch nach Demokratie ausgeprägt genug ist für solche Aufstände, der Leidensdruck auch entsprechend groß?

Schami: Ich würde Ihnen Folgendes sagen vielleicht, für Ihre Zuhörer auch: dass die Ägypter auch mir großen Respekt gebracht haben als ein uraltes Volk, das zum ersten Mal im 21. Jahrhundert eine Revolution, eine friedliche Revolution mit einer Million Teilnehmer auf dem Platz, auf dem Tahrir-Platz, für die Demokratie und für die Freiheit und für die Gerechtigkeit, mehr als das. Das sind diese Ziele, die Utopien aller Revolutionen, aber zum ersten Mal erleben wir im 21. Jahrhundert, dass ein Volk fähig ist, ohne Gewalt aufzustehen und zu sagen: Ich lehne die Gewalt ab. Diese Angriffe der wirklich Mörder- und Killer des Geheimdienstes wurden abgewehrt, natürlich, aber heute ist es wieder friedlich da. Die Demokratie ist unverzichtbarer Teil unserer menschlichen Würde, unseres menschlichen Lebens, und diese Diktatoren sind wie autistisch, wie weggetreten, die begreifen das nicht. Es ist so, als wären sie auf einem anderen Planeten, der Mubarak.

Hanselmann: Sie selbst sind, wie ich gesagt habe, aus dem Land geflohen, schon vor 40 Jahren, waren seither nicht mehr dort. Was meinen Sie, vielleicht noch mal die Frage: Worunter leidet das Land? Was sind die Punkte, die sich in Syrien ganz dringend ändern müssten?

Schami: Wenn ich über Syrien rede, so rede ich vielleicht auch wirklich indirekt über viele, viele arabische Länder oder die meisten arabischen Länder. Libyen ist nicht besser und Jemen schon gar nicht und Saudi-Arabien gar nicht. In diesen Ländern herrschen diktatorische Zustände von in der Regel einer Sippe, einer Familie, eines Clans, die das Land als Farm nehmen – als Farm habe ich es mal beschrieben in einem Artikel von mir. Die Bevölkerung degradieren sie zu einer Herde oder zu einem Sklaven auf dieser Farm.

Die begreifen nicht, dass diese Bevölkerung jetzt nach allen Seiten sich informieren kann, dass die Würde des Menschen irgendwann mal auch, nicht nur der Hunger, sondern die Würde auch Widerstand leistet. Das ist der Zustand, der in Arabien auch lähmend wirkt. Ich habe auch eine These, die lautet: Wir werden mit der Demokratie viele Probleme haben, aber wir werden den ersten Schritt in die Zivilisation als Aktivisten reinkommen. Wir sind jetzt passiv, wir haben viel Geld in Arabien, wir können ein Handy nehmen und bilden wir uns ein, wir sind zivilisiert, aber wir beteiligen uns nicht. Die Demokratie ermöglicht uns das.

Hanselmann: Wir können sogar Kleptokraten aufnehmen wie in Saudi-Arabien und ihnen noch einen schönen Lebensabend gönnen.

Schami: Und dass ein Mubarak, der gestern ein armer Offizier ist, oder der Bruder von Assad, der Onkel des jetzigen Präsidenten, der Bruder des Vaters Assad, ein Unteroffizier, der jetzt mit 15 Milliarden in Spanien lebt, der die Familie… Mubarak hat nach den letzten Recherchen 40 Milliarden Dollar, entschuldigen Sie! 40 Milliarden Dollar, und es fehlt an Lebensmitteln in Ägypten. Also 40 Milliarden Dollar hat kein Deutscher hier, also Entschuldigung! Das ist Raub. Und ich bemängele die Beteiligung der Europäer als Nachbar von uns, die aktive Beteiligung der Europäer, die sagen, das lassen wir uns nicht gefallen, das wird auf uns überschwappen, wir lassen uns das nicht gefallen, wir reden mit diesen Herrschern, dass das nicht geht. Die reden nicht! Solange die Exporte stimmen, reden sie nicht.

Hanselmann: Herr Schami, vielleicht noch einmal zu der Lage in Ägypten: Haben Sie die Hoffnung, dass sich dort wirklich die demokratischen Kräfte langfristig durchsetzen können?

Schami: Ich habe die berechtigte Hoffnung auch, dass diese sogenannte Muslimbruderschaft letzten Endes zu einer Partei ähnlich der CSU gruppiert, die konservativ ist, die aber in der Mehrheit, 10 Prozent oder 15 Prozent, darstellt. Ich habe keine Angst vor der CSU. Hier hat kein Ägypter Angst oder wenige Ägypter haben Angst vor der Muslimbruderschaft. Es gibt Liberale, es gibt Nationalisten, es gibt Sozialisten – dass diese pluralistische Gesellschaft letzten Endes sich durchsetzt, aber nicht ohne unsere Hilfe von außen, nicht ohne unsere Anerkennung und Ermunterung, hin zur Demokratie zu wirken.

Hanselmann: Auch die arabischen Länder, die sich gegenseitig dann stützen sollten, meinen Sie damit sicher. Es gibt auch Stimmen, Herr Schami, die nach einer Demokratisierung ein schnelles Rollback befürchten. Also zum Beispiel der Münchner Geschichtsprofessor Michael Wolffsohn, der schreibt heute im Berliner "Tagesspiegel" – er nimmt als Beispiel die Französische Revolution und auch die im Iran und meint, nach solchen Umstürzen seien die Erwartungen der Bevölkerung so hoch, dass die neuen Regierenden, die dann vielleicht auch demokratisch gewählt worden sind, sie nur enttäuschen könnten, was dann wieder totalitären Machthabern Wasser auf die Mühlen gibt.

Schami: Das ist immer möglich bei Revolutionen. Wissen Sie, Revolutionen schließen einen Weg und fangen einen neuen an. Das ist keine Garantie, dass das nicht ein Rückfall in eine andere Richtung gibt. Was ich immer in den letzten Tagen wiederholt habe: Diese Gesellschaft vor dem 25. Januar, nehmen wir Ägypten an, wird es nie wieder geben, diese Zustände wird es nie wieder geben. Aber man soll nicht blauäugig sagen, alles wird jetzt gelöst. Es kann ein Rollback geben, nur wir können nicht dauernd unsere Hände in den Schoß legen und sagen, aus Angst vor dem Rollback und aus Angst vor dem Muslimbruder, damit haben die regiert, damit regieren sie in Syrien, damit regieren sie im Jemen. Wenn ich stürze, werden nur die Muslimbrüder kommen. Nein, es werden die Syrer kommen, und die werden genug Probleme haben. Es werden die demokratischen Jemeniten kommen. Sie werden genug Probleme haben, und die werden keine Garantie – in keinem Land, entschuldigen Sie, in keinem Land gibt es eine Garantie, dass eine Demokratie nicht stürzt.

Hanselmann: Wenn Sie dann hören, dass das geistliche Oberhaupt Irans, Ayatollah Ali Chamenei, die Aufstände in Tunesien und Ägypten als Zeichen des islamischen Erwachens bezeichnet hat …

Schami: Das macht mir Angst, dass diese Iraner dauernd ihre Nase über die Grenze stecken, aber das ist keine Gesellschaft, die hundertprozentig islamistisch ist oder islamisch ist, sondern eine sehr, sehr bunte Gesellschaft. Das soll der Herr Chamenei nicht vergessen, dass es etwa zehn Millionen Kopten in Ägypten gibt, dass es eine große Million in Syrien gibt. Was will er mit uns machen also? Das ist Gequatsche, weil er von seinen eigenen Problemen ablenken will. Der Iran hat große Probleme, nicht wahr. Und das ist jetzt ein willkommener Anlass zu sagen: Ja, wir siegen jetzt, wir haben den Amerikanern einen verpasst. Der hat den Amerikanern gar nichts verpasst.

Hanselmann: Herr Schami, zum Schluss noch die Frage: Wenn man wie Sie seit 40 Jahren nicht in sein Heimatland zurückkehren konnte, und Sie haben immer gesagt, Sie fühlten eine Art Phantomschmerz, wenn Sie an Damaskus, an Syrien denken, wenn also nach so langer Zeit so ein Hoffnungsschimmer aufglimmt, wie fühlt man sich mit der Aussicht auf eine Rückkehr?

Schami: Soll ich ehrlich sagen, was ich fühle, dann ist es manchmal schmerzhaft. Weil man vergisst mit der Zeit ein wenig dieses wunderschöne Damaskus. Es ist mein Problem auch, dass Damaskus wunderschön ist. Wäre die Stadt hässlich, hätte ich sie längst vergessen. Viele Freunde aus anderen Ländern sagen, ach was, die Hauptstadt ist so grässlich – Damaskus ist nun mal meine Geliebte, und deshalb denke ich an sie. Und wenn ich sehe, dass in der Zukunft eine mögliche Rückkehr schimmert, in ferner Zukunft, das schmerzt mich mehr, weil ich immer noch misstrauisch bin, dass das nicht so gut geht. Aber trotzdem telefoniere ich öfter mit Damaskus jetzt, weil ich doch eine gewisse Hoffnung habe.

Hanselmann: Wir wünschen Ihnen, dass Sie Ihre Geliebte bald wiedersehen!

Schami: Ich danke Ihnen, sehr sympathisch, danke schön!

Hanselmann: Schönen Tag noch! Tschüss!

Schami: Danke, Ihnen auch!

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