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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 16.06.2010

Die zweite Option

Von Rolf Hosfeld

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Im Hafen von Gaza nach dem Angriff auf die Solidaritätsflotte (AP)
Im Hafen von Gaza nach dem Angriff auf die Solidaritätsflotte (AP)

Was kürzlich in den internationalen Gewässern vor Gaza passierte, verbietet jeden Euphemismus. Die israelische Aktion an Bord der Mavi Marmara ist nicht nur "schlecht gelaufen". Sie war eine Katastrophe. Sie war rücksichtslos, undurchdacht, moralisch fragwürdig und letztlich kontraproduktiv.

Dabei will niemand die legitimen Sicherheitsinteressen des Staates Israel infrage stellen. Sicherheitskonzepte, die fixen Ideen folgen, laufen stets Gefahr, ins Gegenteil umzukippen.

Erstens, weil sie blind machen gegenüber alternativen Handlungsmöglichkeiten, und zweitens, weil sie Folgen produzieren können, die niemand gewollt und auf Grund einer beschränkten Weltsicht auch nicht vorausgesehen hat.

Der Vorfall wird die Machtbalance in der Region und auch die Entwicklung der palästinensischen Frage einschneidend verändern. Vor allem, weil er das Verhältnis zwischen der Türkei und Israel, über lange Zeit ein stabilisierender Faktor im unübersichtlichen Nahen Osten, entscheidend eingetrübt hat.

Premierminister Erdogan sprach vor dem Parlament von einem historischen Wendepunkt und Präsident Gül von einem Verbrechen, das eher al-Quaida als einem Staat ähnlich sehe. Ankara, in den letzten Jahren ein Vermittler in der Region, ist plötzlich Partei geworden.

Erdogan stellt sich auch vor die an Bord der Mavi Marmara befindliche IHH, die sogenannte "Stiftung für humanitäre Hilfe", die in Wirklichkeit ein Fundamentalistenverein ist. In Deutschland von der weithin als verfassungsfeindlich eingestuften Milli Görüs als sogenannte NGO gegründet, hatte sie immer schon gute Beziehungen zur Hisbollah und Hamas.

Bewegt sich die Türkei weg vom Westen? Was man neben der europäischen Orientierung der Türkei immer gern vergessen hat, ist ihre zweite Option. Sie ist ein Erbe des letzten Kalifats. Hier meldet eine alte Großmacht, die sich aus einer historischen Demütigung erholt hat, erneut ihre Ansprüche an.

In Gaza sind türkische Fahnen und Devotionalien schon längst zu einem Verkaufsschlager geworden. Das ist in einer Region, zu deren heroischen Mythen auch der arabische Aufstand gegen die Osmanen während des Ersten Weltkriegs zählt, keineswegs eine Selbstverständlichkeit.

Schon ist von einer künftigen nahöstlichen Wirtschaftsgemeinschaft die Rede, und Außenminister Ahmet Davutoglu spricht sogar davon, sie könne sich eines Tages zu einer Sicherheitsgemeinschaft weiterentwickeln.

Gegen wen? Nicht zwingend gegen Israel, aber das NATO-Land Türkei geht sichtbar eigene Wege. Auch in der Frage der Sanktionen gegen den Iran. Dabei verbindet die türkischen Sunniten und ihre säkulare Tradition eigentlich gar nichts mit der schiitischen Theokratie in Teheran.

Aber erstens will Ankara um jeden Preis weitere Präventivschläge in der Region verhindern, und zweitens bereitet die Sorge um ein mögliches Auseinanderbrechen des Irak schon genügend Kopfschmerzen.

Die Türkei scheint den Glauben an den Ordnungsfaktor USA im Nahen und Mittleren Osten endgültig verloren zu haben. Das eigentlich Überraschende ist aber, wie weit sie sich vorwagt und welche Risiken sie dabei - teils auch aus innenpolitischen Gründen - einzugehen bereit ist.

Nichts hat die zwischen Nationalisten und Islamisten gespaltene Türkei in den letzten Jahren so sehr geeint wie der Aufschrei nach dem israelischen Überfall auf die Gaza-Flotte.

Eine unerträgliche Situation könnte aber entstehen, wenn Erdogan aus Gaza ein islamisches Problem macht. Und wenn er mit seiner double speech fortfährt: Die PKK ist eine Terrororganisation, die Hamas nach seinen Worten eine Truppe von "Widerstandskämpfern".

Will die Türkei in der Region tatsächlich eine entscheidende, international anerkannte Rolle spielen, muss sie eine wirkliche, ausgewogene Realpolitik betreiben, die diesen Namen verdient.

Ob die Regierung Erdogan dazu in der Lage ist, bleibt abzuwarten. Die Europäer sollten aber nicht vergessen, dass die Türkei mit ihrer imperialen Geschichte immer auch eine zweite Option hatte und hat. Heute mehr als je zuvor.

Rolf Hosfeld, Publizist, Autor, Lektor und Filmemacher, geboren 1948 in Berleburg (NRW), studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaften. Hosfeld lebt als freier Autor und Filmemacher auf dem Land bei Potsdam. Jüngste Buchveröffentlichungen: "Was war die DDR? Geschichte eines anderen Deutschlands" und "Die Geister, die er rief. Eine neue Karl-Marx-Biografie".

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