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Reportage / Archiv | Beitrag vom 06.08.2013

Die zweite Heimat entdecken

Gülsen Aktas organisiert Kulturtouren für Migranten in Berlin

Von Susanne Arlt

Der Gedenkstein am ehemaligen Begräbnisplatz der Opfer des 20. Juli 1944 auf dem Friedhof der St.Matthaei-Gemeinde in Berlin. Hier erklärt Gülsen Aktas deutsche Geschichte. (picture alliance / dpa / Dieter E. Hoppe)
Der Gedenkstein am ehemaligen Begräbnisplatz der Opfer des 20. Juli 1944 auf dem Friedhof der St.Matthaei-Gemeinde in Berlin. Hier erklärt Gülsen Aktas deutsche Geschichte. (picture alliance / dpa / Dieter E. Hoppe)

Viele Migranten leben zwar seit vielen Jahrzehnten in Berlin, kennen ihre Stadt und zweite Heimat trotzdem kaum und wenn, dann nur aus dem Alltag. Die türkischstämmige Politologin Gülsen Aktas bietet darum vor allem älteren Frauen kulturelle Kieztouren an.

Gülsen Aktas stemmt ihre Hände in die Hüfte, schaut ihre türkische Freundin eindringlich an. Die lächelt verschämt, lässt dann die Tüte mit den Kürbiskernen schnell in ihrer Handtasche verschwinden.

In den kommenden zwei Stunden will sie einer deutschstämmigen Polin, drei Türken und einem Griechen den Ort näher bringen, an dem manche von ihnen schon über 40 Jahre lang wohnen - ohne ihn richtig zu kennen. Die zweite Heimat erkunden nennt sie darum ihre kostenlosen Kultur-Führungen durch den Kiez. Diesmal steht der Besuch eines denkmalgeschützten Friedhofs in Berlin-Schöneberg an.

"Wenn ich die Geschichte dieses Landes und auch des Bezirkes näherbringe, es bleibt auch. Sie können tausende Bücher lesen. Aber wenn Sie direkt erlebt haben, dann bleibt hängen. Und ich denke, Geschichte für die Identifikation mit dem Land, ist sehr sehr wichtig."

Die Kieztouren macht sie vor allem für ältere Migrantinnen. Ihre Erfahrung zeigt: Frauen wissen oft nur wenig über den Ort, an dem sie seit Jahrzehnten leben. Das will Gülsen Aktas ändern. Sie ist fest davon überzeugt: Kulturverständnis ist wie eine Eintrittskarte in die zweite Heimat.

"Also ich wohne hier seit 25 Jahren in Schöneberg hier um die Ecke. Und von Anfang an hat mich Friedhöfe interessiert, weil die sind eine kleine Oase."

Die Frauen und Männer treten durch ein schmales Gittertor, das mit Efeu bewachsen ist. Das Gelände ist wirklich eine Oase. Sanft steigt der Gottesacker an. Links und rechts am Hang stehen alte Mausoleen, mit Efeu überzogen. Mächtige Buchen und Linden säumen einen breiten Kiesweg, der hinaufführt zu den schlichteren Gräbern. Selbi schaut sich ehrfürchtig um. Die 67-jährige Türkin trägt ein dunkles Kopftuch, schwarze Leggings, ein wollener Umhang bedeckt ihre Schultern:

"Ich 43 Jahre leben hier und natürlich meine Heimat. Und ich gehen in Türkei, keinen kennen, niemand kennen. Ich bin da fremde Mensch. Heimat hier, aber Türkei auch meine Heimat, aber ich möchte bleiben hier."

Sie hat keine schlechten Erfahrungen in Deutschland gemacht. Im Gegenteil. Lange Zeit war sie krank, sagt sie. Ich hatte Angst vor dem Leben. Ihre Gefühle drückt sie lieber auf Türkisch aus:

"Im Krankenhaus hatte ich sehr viel Kontakt mit den anderen deutschen Patienten, es war dort für mich wie zuhause. Das war eine sehr schöne Zeit, ohne Vorurteile. Ich hatte eine sehr starke Depression. Ich bin dem deutschen Staat dankbar, dass ich überlebt habe."

Gülsen Aktas läuft voran, weist ihren fünf Gästen den Weg, es geht bergauf, nach einhundert Metern bleibt sie vor einer Grabstelle mit einem einfachen Granitblock stehen. Efeu wuchert wie Unkraut auf dem zwei Quadratmeter großen Hügel. Gülsen Aktas bückt sich, schiebt ein paar dunkelgrüne Blätter zur Seite. Ein roter Backstein kommt zum Vorschein.

"Hier ist das Ehrengrab von Leuten, die am 20. Juli 44 gegen Hitler ein Attentat ausgeübt haben."

Sie zeigt auf den anthrazitfarbenen Granitblock. Dort sind Namen eingraviert: Ludwig Beck, Friedrich Olbricht, Albrecht Mertz von Quirnheim. Die fünf Besucher schauen Gülsen fragend an:

"Ehrengräber sind für berühmte Leute oder auch für Leute, die im Widerstand, für Künstler. Dieser Mann ist bekannt, Klaus Graf von Stauffenberg."
"War er ein Autor oder nicht?"
"Nee, Stauffenberg war ein Widerständler."

Gülsen Aktas schüttelt den Kopf. Ihre pechschwarzen, kinnlangen Haare wippen nach links und rechts. Nachdem das Attentat auf Hitler misslang, erzählt sie, wurden alle erschossen und für eine kurze Zeit an dieser Stelle begraben. Periklis schaut betroffen auf den Efeuhügel. Von einem missglückten Attentat auf Hitler hat der Grieche bisher nichts gehört. Und nichts über die Widerständler. Perikles ist vor zweieinhalb nach Berlin gezogen. Auf der Suche nach Arbeit. Jetzt jobbt der ausgebildete Baritonsänger als Altenpfleger. In Teilzeit. Und in seiner Freizeit trainiert er seine Stimme - oder er erkundet seine neue Heimat Berlin.

"Ich habe immer Interesse daran. Berlin ist so groß und so versteckte Orte und Plätze. Und ich immer habe Interesse und Freude zu entdecken und in eine Friedhof kann man die Geschichte und Politik in eine Land lernen."

Danach spaziert die sechsköpfige Gruppe zu den Ruhestätten von Rudolf Virchow, der Frauenrechtlerin Minna Cauer und des Pädagogen Friedrich Adolf Wilhelm Diesterweg.

Am Ende der Friedhofstour läuft Gülsen Aktas zielstrebig zu einer Grabstelle mit vier anthrazitfarbenen Granitsteinen, die die Form von Obelisken haben. Auf den beiden rechten, gleich neben einer mächtigen Linde, sind in weißer Schrift die Namen der wohl berühmtesten Märchenautoren zu lesen.

"Hier, jetzt sind wir bei Gebrüder Grimm ... er war der Schriftsteller."
"Gebrüder Grimm, echt?"
"Die beide, die beiden."
"Ich bin echt überrascht Mensch."
"Oh in der Türkei auch sehr berühmt."

Gülsen Aktas lächelt zufrieden. Erinnerungen an die alte Heimat schaffen oft die beste Bindung zum neuen Heimatland.

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