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Fazit | Beitrag vom 05.07.2019

Die Zukunft des Museumsstandortes DahlemEin neues ambitioniertes Großbauprojekt

Von Christiane Habermalz

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Das Gebäude der Museen Dahlem in Berlin. Ein rechteckiger Betonbau auf dem vorne drei Plakate zu sehen sind, die auf die Sammlungen im Haus verweisen: Das Museum europäischer Kulturen, das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst. Nur das erstgenannte befindet sich noch an diesem Standort. (Wolfram Steinberg / dpa)
In den Museen Dahlem ist nur noch das Museum Europäischer Kulturen beheimatet. Die Sammlungen aus dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst werden ins Humboldt Forum verlegt. (Wolfram Steinberg / dpa)

Der Museumsstandort Dahlem verändert sich. Vom Ethnologischen Museum, das ins Humboldt Forum wandert, verbleiben nur Depots und eine "Restaurierungsstraße". Dazukommen sollen aber ein Zentrum für Provenienzforschung und Fachbibliotheken.

Das Schwein ist ein Keiler, mit riesigen Hauern, und es ist prachtvoll bemalt, rot-weiße Muster auf schwarzem Grund. Die etwa einen Meter lange Tierfigur aus Holz scheint in einem guten Zustand zu sein - auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick, erklärt Restaurator Daniel Bartels, ist die schwarze Farbe an vielen Stellen schon abgebröselt - kein Wunder, denn die Künstler aus Papua-Neuguinea haben Ruß dafür verwendet. Mit einer besonderen Technik der Verarbeitung.

Einblick in die Arbeit eines Restaurators

"Also, es ist sehr schwach gebunden, es gibt sehr wenig Bindemittel und es wurde teilweise auch gekaut, um das dann auftragen zu können. Also Ruß wirklich in den Mund genommen, damit man eben diese Bindemittelwirkung des Speichels auch hat und das auftragen kann", sagt Bartels.

Das Mittel, das Bartels mit einem feinen Pinsel aufträgt, um weiteren Pigmentverlust zu verhindern, ist ebenso ungewöhnlich wie die Farbherstellung der Künstler. Bartels: "In diesem Fall ist das Störleim, das ist Leim, der aus der Blase eines Störs gewonnen wird, und der ist eben transparent, das Objekt verändert sich optisch dabei nicht, es wird nur eben die Struktur gefestigt."

Das Schwein wurde erst vor ein paar Jahren angekauft und diente noch bis vor kurzem in einem Dorf in Papua-Neuguinea als Ritualfigur für die Initiation junger Männer. Es ist eines von 20.000 Objekten aus dem Ethnologischen Museusm und dem Museum für Asiatische Kunst, die im Humboldt-Forum ausgestellt werden sollen, wenn es denn mal fertig ist.

Eine Restauratorin arbeitet an Wandgemälden von der nördlichen Seidenstrasse. Mit einem feinen Pinsel rekonstruiert sie Teile eines aufgebockten Gemäldes.  (Christian Ditsch / imago-images)In Dahlem werden ca. 20.000 Objekte des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst für den Umzug in das Humboldt Forum vorbereitet. (Christian Ditsch / imago-images)

Doch bis dahin müssen sie dekontaminiert, restauriert und konserviert werden, schließlich mit einer Halterung versehen, verpackt und bis zum endgültigen Transport zwischengelagert werden. In einem ehemaligen Sonderausstellungsraum des jetzt verwaisten Museumsgebäudes in Berlin-Dahlem ist eine sogenannte Restaurierungsstraße aufgebaut, an der bis zu 30 Restauratoren gleichzeitig arbeiten können.

Nur ein Bruchteil des Bestands wird im Humboldt Forum gezeigt

"Kein Objekt ist ja per se für eine Ausstellung schon fertig. Die Objekte die jetzt ins Humboldt-Forum kommen, waren zum Teil in früheren Ausstellungen, zum Teil aber auch in den Magazinen und werden zum ersten Mal zum Teil wieder in der Öffentlichkeit gezeigt", erklärt Matthias Farke, Chefrestaurator des Ethnologischen Museums.

Dennoch ist es nur ein Bruchteil der Sammlungen beider Museen, die im Humboldt-Forum gezeigt werden wird. Der große Teil der über eine halbe Million Objekte wird in Dahlem bleiben. Und erstmals stellte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ihre Pläne vor, was mit dem früheren Museumsstandort am Rande Berlins geschehen soll, an dem nur das Museum Europäischer Kulturen zurückgeblieben ist. Ein "Forschungscampus" soll entstehen, der nicht nur die Depots, sondern auch die Fachbibliotheken beherbergen soll.

Pläne für ein Graduiertenkolleg in Kooperation mit der FU

Hier soll künftig die Provenienzforschung stattfinden und die weitere Erfassung und Digitalisierung der Sammlungen, gemeinsam mit der benachbarten Freien Universität soll ein internationales Graduiertenkolleg aufgelegt werden. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz:

"Was gerade so aktuell jetzt ist, die ganzen Debatten mit der Provenienzforschung, der Zusammenarbeit mit Herkunftskulturen, das muss ja irgendwo stattfinden. Und die Forschung kann ja nur stattfinden, wo die Bibliotheken, Archive und die Sammlungen sind. Und insofern ist dieser Standort von zentraler Bedeutung fürs Humboldtforum."

Um zu eruieren, wie und ob das alles in dem Gebäudekomplex aus den 60er Jahren untergebracht werden kann, hat die Stiftung bei einem Berliner Architekturbüro eine Potentialstudie in Auftrag gegeben. Als Ergebnis schlagen die Architekten einen Umbau vor, der eine Campusachse durch den verzweigten Komplex schlägt - mit neuen Wechselausstellungsflächen für das Museum Europäischer Kulturen und umfangreichen öffentlichen Zonen. Denn die Forschung und Restaurierung soll nicht im stillen Kämmerlein stattfinden.

"Wir machen das ja nicht nur für uns oder für die deutsche Bevölkerung. Sondern das Humboldt-Forum ist eine Institution, die forscht, dazu gehört eben die Kunstgeschichte, die Ethnologie, aber natürlich auch die Konservierungswissenschaft. Und das soll auch in Zukunft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Wir wollen also nicht Werkstätten und Labore haben, die hinter verschlossenen Türen sind sondern wir wollen auch der Öffentlichkeit mal Gelegenheit geben, sich diese Dinge anzusehen", sagt Toralf Gabsch, Chefrestaurator des Museums für Asiatische Kunst.

Zusammenarbeit mit der Petersburger Eremitage

Er bereitet gerade in Dahlem die Wandmalereien aus den buddhistischen Höhlen der Seidenstraße für den Umzug ins Humboldtforum vor. Spezialisten für die Konservierung des über 1000 Jahre alten Wandschmucks zu finden, ist nicht leicht. Gabsch: "Das sind hochgradig effiziente Gemälderestauratoren, die spezialisiert sind auf Seccomalereien, das ist etwas auf leimgebundener Basis, was es in Europa eigentlich gar nicht mehr gibt, weil im späten Mittelalter Leim durch Öl als Bindemittel ersetzt wurde."

Austausch über die richtige Technik findet übrigens unter anderem mit Kollegen der Petersburger Eremitage statt - dorthin sind Teile der Berliner Sammlung nach dem zweiten Weltkrieg als Beutekunst gebracht worden. Ein Ergebnis des seit einigen Jahren eingesetzten Tauwetters, das mittlerweile zumindest auf Museumsebene neue Kooperationsformen zulässt.

Bis die interessierte Öffentlichkeit an diesen und anderen Erkenntnisprozessen auf einem "Forschungscampus" teilhaben kann, ist es allerdings noch ein weiter Weg. Erst müssen die Dahlemer Museumsgebäude saniert und umgebaut werden. Ein weiteres Großbauprojekt auf der Liste der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Und sicher nicht das dringlichste.

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