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Zeitfragen | Beitrag vom 17.12.2019

Die Zukunft des BargeldsCash me if you can

Von Christian Blees

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Illustration eines Mannes, der eine Schubkarre mit Geldsäcken vor sich herschiebt. (imago / Panthermedia)
In einigen Ländern wird kaum noch mit Bargeld gezahlt. Dass das nicht nur Vorteile hat, ist inzwischen deutlich geworden. (imago / Panthermedia)

Weltweit ist bargeldloses Bezahlen auf dem Vormarsch. In London etwa akzeptieren sogar Bettler und Straßenmusiker Kreditkarten. Nur die Deutschen hängen an ihrem Bargeld. Sind wir hoffnungslose Nostalgiker oder hat das Bargeld doch eine Zukunft?

London, im Stadtteil Covent Garden, kurz vor zehn Uhr morgens. Vor der Filiale einer großen Kaffeehaus-Kette steht Paul und wartet auf Kundschaft. Zu Jeans, schwarzen Turnschuhen und beigem Pullover trägt der 40-Jährige eine signalrote Weste mit der Aufschrift "BIG ISSUE FOUNDATION". Diese identifiziert ihn schon von weitem als Verkäufer des Straßenmagazins "Big Issue". Das Besondere an Paul ist aber nicht nur das auffällige Kleidungsstück. Er gehört außerdem zu einer ausgewählten Gruppe von Händlern, die seit Dezember 2018 an einem speziellen Pilotprojekt teilnehmen.

"Die Leute von der Big-Issue-Organisation haben Verkäufer gesucht, die ihren Kunden das Bezahlen mit Kreditkarte ermöglichen wollen", erklärt er. "Ich dachte: 'Klar, warum nicht?' Und es hilft wirklich. Hier in der Gegend gibt es eine Menge Menschen, die kein Bargeld dabeihaben. Denen kann ich jetzt sagen: 'Boom – geht auch ohne Bargeld.'"

Paul hat dazu von der Obdachlosenorganisation ein Kreditkarten-Lesegerät bekommen. Es ähnelt optisch einem gewöhnlichen Taschenrechner. Über das Internet ist der Kartenleser mit Pauls Smartphone verbunden. Der Verkäufer nutzt dafür das kostenlose WLAN des Coffeeshops, vor dem er sich tagtäglich postiert:

"Es funktioniert ganz einfach: Auf dem Smartphone tippe ich den Verkaufspreis von zwei Pfund fünfzig ein. Diesen Betrag sendet das Telefon per Internet an das kontaktlose Karten-Lesegerät. An das muss der Kunde dann nur noch seine Kreditkarte dranhalten und den Betrag bestätigen. Montags bis freitags kaufen mir vor allem die Angestellten aus den umliegenden Büros eine Ausgabe ab. Am Wochenende sind es dann meist Touristen, die in einem Hotel in der Nähe wohnen und hier vorbeischauen. Die kommen aus China, Japan und sogar Australien. Die Australier sind besonders interessiert."

Auch Londoner Straßenmusiker akzeptieren Kartenzahlung

Dass Paul seine Straßenmagazine per Kreditkarte verkauft, folgt einem allgemeinen Trend in Großbritannien. Denn die britische Hauptstadt fungiert als Vorbild auf dem Weg in eine komplett bargeldlose Gesellschaft. So sind zum Beispiel bei den Londoner Verkehrsbetrieben Geldscheine und Münzen schon seit Jahren verpönt. Und auch wo man es nicht erwartet, ist Kartenzahlung nichts Ungewöhnliches mehr – beim Straßenmusiker auf der London Bridge ebenso wenig wie in der lokalen Kirchengemeinde, die bargeldlos ihre Kollekte eintreibt.

Rund fünf Kilometer östlich von jenem Coffee Shop, vor dem Paul täglich seine Straßenmagazine verkauft, befindet sich der Aldgate Tower. Im fünften Stock des gläsernen Büroturms residiert "Fairer Finance". Die Verbraucherorganisation setzt sich für die Rechte von Kunden bei Bank- und Finanzdienstleistungen ein.

"Der Gebrauch von Bargeld in Großbritannien ist sehr stark zurückgegangen – in den vergangenen zehn Jahren um mehr als die Hälfte", sagt Geschäftsführer James Daley. "Damals fanden im Schnitt noch sechs von zehn Zahlungen in bar statt, jetzt sind es noch nicht einmal drei von zehn. Daraus lässt sich schon ersehen, dass die Bargeldnutzung in den nächsten zehn Jahren auf einen noch viel tieferen Stand absinken wird."

Ein Schild mit der Kreideaufschrift "Card only. Sorry for any inconvenience". (imago / Skata)Während es in Deutschland immer noch Geschäfte und Restaurants gibt, die nur Bargeld akzeptieren, ist es in Großbritannien umgekehrt. (imago / Skata)

Daley war an einer Untersuchung beteiligt, die diesen Sommer für erhebliches Aufsehen sorgte. Anlass war eine landesweite Entwicklung, die seit ein paar Jahren scheinbar unaufhaltsam voranschreitet – nämlich die verstärkte Schließung von Bankfilialen sowie das immer weiter um sich greifende Abschaffen von Bargeld-Automaten. Auftraggeber der Untersuchung war eine Vereinigung britischer Geldautomaten-Betreiber.

"Der Rückgang der Bargeldnutzung stellt die Geldautomaten-Betreiber vor das Problem, die Infrastruktur für das gesamte System überhaupt noch wirtschaftlich betreiben und aufrecht erhalten zu können – vor allem in ländlichen Gebieten", so Daley.

"Es zeichnete sich ab, dass die Banken das Abheben von Bargeld am Automaten auf Dauer nicht mehr kostenlos würden anbieten können – so wie es heute noch üblich ist. Diese Gebühren treffen vor allem Menschen mit geringem Einkommen, Ältere und generell alle, die keinen Zugang zu digitalen Bezahlformen haben."

Nicht jeder hat Zugang zu digitalen Bezahlmethoden

Jeder sechste Brite fürchte, ohne Bargeld nicht überleben zu können. Und etwa eine Million nutzen im Alltag ausschließlich Scheine und Münzen. Das Verschwinden von Geldautomaten und Bankfilialen mag in einer Großstadt wie London, in der bargeldloses Bezahlen ohnehin weit verbreitet ist, nicht allzu sehr ins Gewicht fallen. Andernorts kann es aber schon ganz anders aussehen, wie Daley erklärt:

"Es mag zwar irgendwann einmal eine Welt geben, in der wir alle ohne Bargeld leben werden – aber dafür sind wir längst noch nicht gerüstet. Deshalb ging es in unserer Studie vor allem darum, wie wir in der heutigen Zeit den allgemeinen Zugang zum Bargeld sicherstellen können. Aber auch, wie auf lange Sicht dafür gesorgt werden kann, dass jeder Zugang zu digitalen Bezahlmethoden hat. Erst dann wird es möglich sein, über eine bargeldlose Gesellschaft zu diskutieren. So lange wir Millionen Menschen davon ausschließen, geht das aber nicht."

Im Zuge ihrer Untersuchung reisten die Studienautoren auch nach Schweden, das weltweit als Vorreiter einer bargeldlosen Gesellschaft gilt. Wenn es nach dem Willen der dortigen Banken geht, dann wird es in dem Land spätestens 2030 überhaupt kein Bargeld mehr geben. Jegliche Finanztransaktionen sollen nur noch digital möglich sein. Schon jetzt werden über 80 Prozent aller Käufe bargeldlos abgewickelt. Im Einzelhandel sind es sogar 95 Prozent.

"Als der Anteil der Bargeld-Nutzung auf zehn bis fünfzehn Prozent sank, sah die schwedische Regierung plötzlich, dass das für erhebliche Probleme sorgt – und zwar in Bezug auf die Frage: Wie kann man den Zugang zum Bargeld für die Menschen aufrechterhalten, die dringend darauf angewiesen sind? Schweden ist ein riesiges Land. Die nächste Gelegenheit, sich mit Bargeld versorgen zu können, ist dort oft mehrere Kilometer entfernt", so Daley.

"Als die schwedische Regierung mit uns darüber sprach, kam heraus, dass sie die ganze Entwicklung am liebsten gestoppt und erst einmal einen Plan für die Bargeldversorgung ausgearbeitet hätte. Sie merkte, dass plötzlich ganze Dörfer ausgegrenzt wurden. Aber es war bereits zu spät. Und damit haben die Schweden heute noch zu kämpfen."

Die Deutschen und das Bargeld – ein europäischer Sonderweg

In Großbritannien und Schweden ist das Bargeld also bereits in großem Maß auf dem Rückzug. Erwartet uns in Deutschland ein ähnliches Szenario? Sind auch wir auf dem Weg in eine bargeldlose Zukunft?

"Wenn wir uns den Bargeld-Umlauf anschauen, dann stellen wir ja fest, dass er jedes Jahr etwa um sechs bis sieben Prozent steigt. Wenn wir diese Steigerungszahlen sehen, dann macht es eigentlich relativ wenig Sinn, über das Ende des Bargelds nachzudenken", sagt Stefan Hardt, Leiter des Zentralbereichs Bargeld bei der Deutschen Bundesbank.

"Bargeld hat Vorteile, die aus Sicht der Verbraucher sehr überzeugend sind. Kein anderes Zahlungsmittel vereint alle diese Vorteile – eben, dass man es schnell einsetzen kann, dass es sicher ist, dass es sehr einfach zu handhaben ist, dass niemand ausgeschlossen wird. Vor allem aber auch, dass die informelle Selbstbestimmung gewährleistet ist. Das sind die Vorteile, die die Bürger sehen. Und deswegen sind wir davon überzeugt, dass die Bürger zumindest auch in einem gewissen Umfang weiterhin Bargeld verwenden werden."

Frau reicht einer Marktverkäuferin Euro-Geldscheine zum Bezahlen ihrer gekaufter Ware. (imago / Ralph Peters)Ob auf dem Markt oder beim Bäcker - ihre alltäglichen Einkäufe bezahlen die Deutschen nach wie vor gern bar. (imago / Ralph Peters)

Nach Angaben der Bundesbank waren Ende 2017 in Deutschland rund 1,2 Billionen Euro-Scheine und Münzen im Umlauf. Dass Verbraucher hierzulande vergleichsweise stark am Bargeld hängen, belegt eine repräsentative, europaweite Umfrage vom Februar dieses Jahres im Auftrag der Direktbank ING-DiBa. Darin heißt es unter anderem:

"Mit ihrem Hang zum Bargeld beschreiten die Deutschen einen Sonderweg im europäischen Vergleich. Wie in keinem anderen großen Industrieland lieben die Verbraucher hierzulande ihre Münzen und Scheine. Bei alltäglichen Ausgaben am "Point of Sale" — wie dem Snack oder Kaffee zwischendurch oder dem wöchentlichen Lebensmittel-Einkauf — liegen die Deutschen mit ihrer Bargeldnutzung meist weit über dem Durchschnitt."

Für Bargeld-Anhänger mag dies beruhigend klingen. Doch die Umfrage lässt gleichzeitig erahnen, dass der Trend in eine andere Richtung weist. Zum Ausdruck kommt dies bereits in der Überschrift der Studie. Sie lautet: "Der Abschied vom Bargeld kommt auf leisen Sohlen". Zur Begründung heißt es:

"Jüngere Menschen setzen deutlich stärker auf bargeldlose Zahlungsmethoden als der Durchschnitt. Um bis zu 20 Prozentpunkte liegt die Barzahlungsquote der 25- bis 34-Jährigen bei alltäglichen Ausgaben unter der der älteren Deutschen. Es sieht fast so aus, als ob der Deutschen Liebe zum Bargeld nicht ewig halten wird."

Zahlen des deutschen Einzelhandels bestätigen diesen Trend. Zwar werden drei Viertel aller Einkäufe im Einzelhandel nach wie vor in bar gezahlt. Doch in Bezug auf den Gesamtumsatz sieht es ganz anders aus: Im vergangenen Jahr haben Kunden erstmals mehr mit Karte bezahlt als mit Bargeld. 

"De facto läuft es auf ein Bargeldverbot hinaus" 

"Alle Schritte, die dahin gehen, das Bargeld einzuschränken, könnte man im weitesten Sinne auch als eine Art Bargeldverbot deuten — zumindest ein schleichendes Verbot, was immer strenger wird", sagt Ulrich Horstmann, Co-Autor des Buches "Bargeldverbot – Alles, was Sie über die kommende Bargeldabschaffung wissen müssen". Wobei Horstmann einräumt: Der Begriff "Bargeldverbot" hat vor allem Marketinggründe.

"Ein offenes Bargeldverbot stand so nie zur Debatte. Und so ungeschickt wäre wohl niemand. Aber de facto läuft es auf ein Bargeldverbot hinaus."

Der Münchener Wirtschaftswissenschaftler erläutert seine These anhand einer zentralen Funktionen des Bargeldes: der Wertaufbewahrungsfunktion. Damit ist gemeint, dass sich mit Bargeld ein gewisser Wert "speichern" lässt.

"Wenn es große Scheine gibt, dann kann man in einem Safe große Geldmengen ohne viel Platzverschwendung lagern. In China haben wir das Problem zum Beispiel – ich glaube, da gibt es nur einen kleinen Schein. Ich glaube, der Maximalschein ist vielleicht zehn Euro wert. Da müssten Sie eine ganze Garage füllen, um große Geldmengen zu horten. Also: Die Geldhortung wird erschwert und fast verunmöglicht, wenn man eben keine großen Scheine mehr bereithält."

Tatsächlich ist das Horten großer Summen inzwischen auch in Europa deutlich schwieriger. Seit April dieses Jahres gibt es keine neuen 500-Euro-Scheine mehr. Die noch im Umlauf sind, werden einbehalten. Die europäische Zentralbank will so etwa Drogenhandel und Geldwäsche eindämmen.

Mit Bargeld Negativzinsen vermeiden

Für den US-amerikanischen Wirtschaftsprofessor Kenneth Rogoff ist die Abschaffung der großen Geldscheine nur ein erster Schritt. Der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds illustriert seine Forderung nach einer bargeldlosen Gesellschaft gerne mit einem eindrucksvollen Foto. Neben Waffen ist ein großer Berg Geldschein-Bündel abgebildet. Bargeld, suggeriert Rogoff damit, sei gleichbedeutend mit Kriminalität und Schattenwirtschaft – und insofern eine Bedrohung für die Allgemeinheit. Dieses Argument ist immer wieder von Bargeld-Kritikern zu hören. Ulrich Horstmann dagegen glaubt, dass hinter dem Wunsch nach einer Bargeldabschaffung ein ganz anderer Gedanke steckt:

"Sagen wir mal, wir hätten jetzt Negativzinsen von minus zwei Prozent pro Jahr. Ist ja denkbar, so ganz weit sind wir davon nicht weg. Dann könnte man, Stand jetzt, einfach – sagen wir mal, wir hätten 100.000 auf dem Konto – das Geld abziehen und vermeiden, dass wir am Jahresende zwei Prozent Verlust haben. Das heißt, man hat ein unbedingtes Interesse, das Geld eben anderswo zu lagern, nicht mehr auf dem Konto. Und das muss natürlich zwangsläufig diesen Banken Sorgen machen."

Ulrich Horstmann fürchtet: Ist das Bargeld erst einmal abgeschafft, hätten die Banken nahezu vollständige Kontrolle über das Vermögen ihrer Kunden. Auf diese Weise könnten sie dann beliebig hohe negative Zinssätze berechnen, wenn sie Guthaben aufbewahren. Und der Staat, so Horstmanns Sorge, könne auf die Idee kommen, eine spezielle Steuer auf Bankguthaben zu erheben. Das könne Bürger dazu nötigen, mehr zu konsumieren und dadurch die Konjunktur ankurbeln.

"Auf der Theke meines Bäckers steht ein großes Schild: "Nur Barzahlung!" Was meinen niederländischen Mitarbeiter jedes Mal aus der Fassung bringt", erzählt Jörn Sickmann, Professor für Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Industrieökonomie und Unternehmensfinanzierung an der Hochschule Rhein-Waal in Kleve.

"In den Niederlanden ist wie in einigen anderen europäischen Ländern auch eben die bargeldlose Zahlung wesentlich verbreiteter. Und da die Hochschule Kleve nun genau in der Grenzregion liegt, ist es für niederländische Besucher der Stadt manchmal etwas unverständlich, wie wenig verbreitet manchmal die Akzeptanz von bargeldlosem Bezahlen noch im Einzelhandel ausfällt."

Mit Karte zahlen tut weniger weh - bis zur Abrechnung

Jörn Sickmann hat sich mit einem speziellen Aspekt der verschiedenen Bezahlarten beschäftigt: dem Zahlungsschmerz. Einerseits mindert er die Lust am Konsum, andererseits kann er verhindern, dass wir zu viel Geld ausgeben. Der Zahlungsschmerz hängt in erster Linie davon ab, wie transparent eine Zahlungsmethode ist. Barzahlung ist für den Verbraucher demnach – psychologisch gesehen – schmerzvoller als der Einkauf per Karte oder Smartphone-App.

"Mit Bezug auf Bargeldzahlung ist es offenkundig, dass die Transparenz hier am höchsten ist. Konsumenten, wenn sie in den Supermarkt gehen und einen Einkauf bezahlen, müssen sie ins Portemonnaie greifen, im Münzfach Münzen raussuchen, danach den passenden Schein finden", sagt Sickmann. "Es ist also ein sehr physischer Bezahlvorgang auch die Übergabe an den Kassierer: Man bekommt Wechselgeld zurück. Und dadurch wird insgesamt der Verlust sehr offenkundig, und Konsumenten erfahren dadurch einen sehr hohen Verlustschmerz."

Beim Zahlen mit Karte ist der Vorgang wesentlich abstrakter. Hier sind sich Verbraucher nicht sofort bewusst, dass sie Geld ausgeben. Entsprechend geringer fällt der damit verbundene Zahlungsschmerz aus:

"Wenn Sie jetzt an moderne Zahlungsformen denken, wie mobile Geldbörsen – Apple Pay, Android Pay –, dann ist der Zahlungsvorgang noch eine Stufe abstrakter. Dort stellt sich die Situation dergestalt dar, dass Sie nur einmalig Ihre Zahlungsinformation hinterlegen und dann an der Kasse mit dem Wink mit dem Smartphone quasi bezahlen."

Ein Mann hält eine Reihe von Kreditkarten aufgefächert in seiner Hand. (picture alliance / dpa / Imaginechina / Zhou Changguo)Mit Kreditkarten lässt sich das Konsumverhalten überwachen. (picture alliance / dpa / Imaginechina / Zhou Changguo)

Banken und Kreditkarten-Anbieter haben ein großes Eigeninteresse an diesen neuen Bezahlformen. Sie verdienen zunächst an den Gebühren, die sie bei Kunden und Händlern kassieren. Und MasterCard, Visa & Co. kassieren von ihren Kunden auch eine Fülle an persönlichen Daten – genauso wie Paypal, Google Pay oder Apple Pay. Diese Daten verkaufen die Betreiber der digitalen Bezahlsysteme dann gegen gutes Geld beispielsweise an Marktforschungsinstitute – frei nach dem Motto "Big Brother is watching you". Konsumenten ließen sich so besser lenken und manipulieren, sagt der Autor des Buchs "Bargeldverbot", Ulrich Horstmann:

"Man weiß, zu welcher Tageszeit er welche Vorlieben hat. Und diese Rundumkenntnis des Klienten, des Kunden, führt dazu, dass man ihn optimal wirtschaftlich auspressen kann. Die bürgerliche Freiheit und Demokratie ist in einem System, wo wir eben komplett unsere Daten überlassen für nichts, gefährdet – weil hier eine Asymmetrie ist: Diejenigen, die Daten auswerten, sammeln und auswerten, und die Bürger, die die Daten 'freiwillig' geben. Die Datenlieferanten, also wir Bürger, sind die Verlierer dabei. Und deswegen sehe ich auch die Bargeldabschaffung oder -einschränkung so kritisch, weil das der Weg ist letztlich zu einer digitalen Knechtschaft."

Nicht alle mögen das neue Bezahlmodell

Zurück in London. Hier akzeptieren manche Geschäftsleute überhaupt kein Bargeld mehr. Etwa die Betreiber der kleinen Kaffeehaus-Kette "The Attendant". Ihre drei Filialen befinden sich in Londoner Szenebezirken. Der gelernte Wirtschaftswissenschaftler Bosh McKeown hat 2013 mit seinem Geschäftspartner Ryan das erste Café eröffnet.

"Ryan ist jemand, der geschäftliche Dinge gerne vereinfacht und voranbringt", sagt er. "Vor etwa drei Jahren schlug er vor, unsere Cafés auf bargeldlos umzustellen. Ich aber schaute mir die Umsatzzahlen an und stellte fest, dass viele Kunden damals noch mit Bargeld bezahlten – ungefähr 30 Prozent. Weil ich Angst hatte, diese Klientel zu verlieren, sagte ich ihm: 'Lass uns damit noch warten und schauen, wie es sich entwickelt.' Wobei mir schon damals klar war, worauf er anspielte: Die Leute zahlen immer mehr mit Karte und weniger mit Bargeld. Vor allem in der Innenstadt."

Im April 2018 war es dann so weit: The Attendant verabschiedete sich vom Bargeld. Ausschlaggebend dafür, berichtet Bosh McKeown, sei der hohe Personal- und Zeitaufwand gewesen: Die Abrechnung nach Ladenschluss, der Transport des Bargelds über verstopfte Straßen zur Bank und hohe Gebühren für die Einzahlung – pro Jahr seien für das Unternehmen rund 10.000 Pfund an Kosten aufgelaufen.

"Natürlich kommen immer noch manche Kunden zu uns, die mit diesem Bezahlmodell nicht einverstanden sind. Ich kann das auch verstehen. Manche Menschen sind es einfach gewohnt, sich ihr Geld am Automaten zu holen und dann auszugeben. Aber sobald wir ihnen erklären, warum wir bargeldlos arbeiten, akzeptieren das rund 95 Prozent der Leute. Es wird immer eine Minderheit geben, die ihre Gewohnheiten nicht ändern will. Das ist halt der Nachteil, und dadurch haben wir auch ein paar Kunden verloren. Auf der anderen Seite wächst unser Umsatz pro Jahr um rund zehn Prozent. Nicht nur wegen der Kartenzahlung, aber auch."

Soll man sich völlig vom Internet abhängig machen?

An eine komplett bargeldlose Gesellschaft glaubt Bosh McKeown dennoch nicht. In der Gastronomie sei der Verzicht auf Münzen und Geldscheine für die Unternehmen zwar hilfreich, sagt er. Verallgemeinern könne man dies aber wohl kaum.

"Das hängt von der Art des Unternehmens ebenso ab wie von der Lage und von der Struktur der Kundschaft. Da spielen viele Faktoren eine Rolle, und man muss es sich schon genau überlegen, ob man auf Bargeldzahlungen komplett verzichten will und kann. Für uns war ausschlaggebend, dass wir in London angesiedelt sind und dass die Mehrheit unserer Kunden entweder ohnehin schon immer mit Karte bezahlt oder das zumindest vorgehabt hat. Außerhalb Londons, vor allem in kleineren Städten, können sich das die Menschen wohl eher nicht vorstellen. Da wäre solch ein Schritt für das Geschäft wahrscheinlich eher kontraproduktiv."

James Daley von der Verbraucherorganisation "Fairer Finance" treibt eine andere Sorge um: Er warnt eindrücklich davor, das Bargeld in einer Gesellschaft völlig abzuschaffen. Denn was, fragt Daley, würde passieren, sollten die Stromversorgung – und damit auch das Internet – irgendwann einmal für einen längeren Zeitraum komplett ausfallen?

"Dass ein solch apokalyptisches Szenario eintreten könnte, ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Das ist ein weiterer Grund, besser nicht komplett auf Bargeld zu verzichten. Auf schwedischer Seite sagte man uns, dort könne man die Bevölkerung in so einem Fall etwa eine Woche mit dem nötigen Bargeld versorgen, bevor das totale Chaos ausbricht. Mit dieser Frage müssen sich Wirtschaftssysteme auf der ganzen Welt auseinandersetzen. Ich glaube, wir werden immer Bargeld benötigen – wenn auch nicht in den Mengen wie bisher."

Die wichtigsten Empfehlungen der britischen Finanzexperten sind eindeutig: Die Bevölkerung müsse weiterhin Bargeld beziehen können – und Geschäftsleute es ohne Murren akzeptieren. Gleichzeitig sei ein deutlicher Ausbau der digitalen Infrastruktur nötig, um allen Bürgern die Nutzung digitaler Bezahlmethoden zumindest zu ermöglichen. Den Weg in eine bargeldlose Zukunft dagegen schlafwandelnd zu beschreiten, werde Millionen gesellschaftlich außen vor lassen.

Auch in Deutschland könnte das Pendel umschlagen

Der Werbespot einer regionalen Sparkasse verdeutlicht die Richtung, in die der Weg beim Bezahlen zu gehen scheint: "Bezahlen Sie jetzt mit Ihrem Smartphone – an Hunderttausenden Terminals in Deutschland und sogar weltweit. Einfach, sicher und schnell. Zahlen ist einfach. Weil man dafür nichts weiter als das Handy braucht. Jetzt App 'Mobiles Bezahlen' runterladen."

Auch Konsumenten-Umfragen zeigen: Smartphone-Apps lösen beim täglichen Einkauf mehr und mehr das Bargeld ab – zumindest bei jungen Kunden. So haben immerhin 38 Prozent der befragten Erwachsenen unter 30 hierzulande schon mindestens einmal mit dem Handy bezahlt – beispielsweise über Anbieter wie Paypal, Google oder Apple Pay. Marktforscher prognostizieren, dass der Anteil steigt. Und bis 2024 könne im deutschen Handel insgesamt weniger als 40 Prozent des Umsatzes in bar gemacht werden.

Blick auf die Fassade des Alipay-Gebäudes in Shanghai mit dem Firmenlogo. (picture alliance/Wang Gang/Imaginechina/dpa)Platzhirsch unter den Bezahlplattformen heißt Alibaba Payment, kurz Alipay. (picture alliance/Wang Gang/Imaginechina/dpa)

Die Vorreiter befinden sich am anderen Ende der Welt. In China kaufen schon jetzt eine halbe Milliarde Verbraucher regelmäßig bargeldlos ein – und zwar meistens über das Smartphone. Der Platzhirsch unter den Bezahlplattformen heißt Alibaba Payment, kurz Alipay. Er verzeichnete bereits vor einigen Jahren mehr als einhunderttausend Bezahlvorgänge – pro Sekunde. Und diese finden seit 2017 auch in Deutschland statt.

"Im Laufe des Jahres wird Rossmann in allen Filialen Alipay als neue Zahlungsmethode anbieten. Somit können chinesische Touristen bald an allen Kassen und im Onlineshop des Einzelhändlers mit ihrer heimischen Alipay-App bezahlen. Die mobile Alipay-Bezahlung mittels Barcode ist künftig in über 2.000 Rossmann-Filialen in Deutschland verfügbar. Damit öffnet sich Rossmann als erste große Einzelhandelskette Deutschlands für den boomenden chinesischen Tourismus-Markt: Zwei Millionen chinesische Touristen reisen jährlich nach Deutschland, im Schnitt geben sie während ihres Urlaubs allein für Shopping 3.000 Euro aus."

Mittlerweile haben deutschlandweit mehrere Tausend Geschäfte die digitale Bezahllösung von Alipay in ihre Kassensysteme integriert, darunter Handelsketten wie Douglas, Hugo Boss oder Gucci.

Das Konsumverhalten der Bürger wird total kontrolliert

Wer Alipay nutzt, hinterlässt Spuren. Und die sollen ab dem kommenden Jahr intensiv genutzt werden. China will alle alle privaten und staatlichen Datenbanken miteinander verbinden, also auch solche, in denen bargeldlose Bezahlvorgänge abgespeichert sind. Ziel der Kommunistischen Partei ist es, das Konsumentenverhalten vollständig zu erfassen und zu bewerten. Anschließend winken entweder Belohnungen oder es drohen Sanktionen. Wer zu viele Schulden anhäuft oder sie nicht zurückzahlt, darf in China keinen Schnellzug und auch kein Flugzeug mehr nutzen. Zwar ist eine derartige Entwicklung in den europäischen Demokratien auf absehbare Zeit völlig ausgeschlossen. Dennoch: Das Zurückdrängen des Bargelds bereitet Kritikern wie Ulrich Horstmann erhebliche Sorgen.

"Wenn wir nur noch Teil eines großen Systems sind, alles nur noch kommerziell ist und digital messbar, sind wir keine vollwertigen Individuen mehr – und ohne Eigentum und ohne Verantwortung dafür", betont er. "Und auch die Verantwortung des Individuellen: Ist eine Gesellschaft am Ende in der Gefahr, totalitär und überwachend zu werden und nicht mehr demokratisch und frei? Und deswegen kämpfe ich auch dafür, dass das Bargeld erhalten wird. Weil das ein wichtiger Hebel ist, um diese Freiheit zu erhalten."

Den Straßenmagazinverkäufer Paul plagen derweil ganz andere, handfeste Probleme. Seit drei Wochen habe er das Kreditkartengerät nicht mehr benutzt, erzählt er. Weil es zwei Tage dauert, ehe seine bargeldlosen Einnahmen auf seinem Konto verbucht sind. Wie es funktioniert, will er aber gerne zeigen, bloß: Plötzlich streikt das Lesegerät komplett. Morgen könne er es gerne nochmal versuchen, sagt Paul. Aber heute könne er leider ausschließlich Bargeld akzeptieren.

Mitwirkende
Autor: Christian Blees
Sprecherin und Sprecher: Monika Oschek, Barbara Becker, Klaus-Michael Klingsporn, Torsten Föste, Ulrich Lipka
Regie: Klaus-Michael Klingsporn
Ton: Andreas Stoffels
Redaktion: Martin Mair
Produktion: Deutschlandfunk Kultur 2019
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