Die Zukunft der Zeitung

16.07.2009
Stirbt die Zeitung? Dies wird seit einigen Jahren heftig debattiert. Vor allem sinkende Umsätze sprechen für eine negative Antwort. In Deutschland erwarten die Verleger für 2009 das schwierigste Jahr in der Zeitungsgeschichte überhaupt. Schlimmer noch die Krisenstimmung in den USA: Zwölf großstädtische Tageszeitungen wurden hier in den letzten zwei Jahren eingestellt, weitere werden folgen. Und auch das Fazit dieser Interviewsammlung lautet: Print-Journalisten müssen ein neues Zuhause finden.
Das Ende des Massenphänomens Zeitung scheint in Sicht zu sein. Man mag dies bedauern. Die Lektüre dieses Buches kann das ändern. Es macht Lust darauf, über tragfähige Alternativen zur auf Papier gedruckten Nachricht nachzudenken. Im Rahmen einer Kooperation von sueddeutsche.de mit dem Berliner Institut für Medien- und Kommunikationspolitik entstanden 24 Interviews mit amtierenden und ehemaligen Journalisten sowie namhaften Presseforschern; mit Amerikanern, Briten und einem Franzosen. Sie alle wurden zu aktuellen Zeitungstrends und ihrer Vision von der Presse der Zukunft befragt.

Herausgekommen sind eine Sammlung von Schreckensmeldungen aus der Rubrik "Zeitungssterben", der Versuch, die Ursachen für die desolate Situation - vor allem des amerikanischen - Zeitungsmarktes zu ergründen sowie ein Entwurf davon, wie sich doch noch Qualitätsjournalismus ins digitale Zeitalter hinüber retten ließe. Denn dass qualifizierte, recherchierende und damit teure Journalisten trotz Blogs, Twitter, Social Networks, sinkenden Werbepreisen im Netz und der Kostenloskultur des Internets auch in Zukunft gebraucht werden, darüber waren sich alle Experten einig.

Diese überraschen zunächst durch ihre (selbst)kritische Analyse der aktuellen Situation. Anders, als das jahrelange Klagen der Zeitungsbranche vermuten ließ, scheint die Krise der Presse mehr zu sein als ein Angriff von außen - ausgelöst vom Internet. Einen "kriminellen Mangel an Innovation" bescheinigt der Medienvisionär Jeff Jarvis der Regionalzeitungsindustrie, die durch ihre Monopolstellung "fett und faul" geworden sei und nur versuche, ihre existierenden Produkte zu schützen.

Dass Nachrichtenorganisationen kein "sonderlich gutes Lernumfeld" seien, konstatiert der Journalistikprofessor Jay Rosen und die Internetpionierin Ariana Huffington bezeichnet die "meisten Journalisten" als "fette und zufriedene Schoßhündchen".

Ebenso wird die Börsennotierung vieler Presseunternehmen kritisiert. Daraus folgende unrealistische Profiterwartungen sieht der Wissenschaftler Joe Saltzman als ein Problem an und konstatiert, wenn die Unternehmen sich mit weniger als zehn Prozent Profitmargen zufrieden geben könnten, würden Zeitungen als gesunde Anlagen gelten.

Denn die Presse ist und bleibt auch in der Zukunft ein gesellschaftliches Gut, das nicht ausschließlich Gewinninteressen unterworfen werden dürfe - auch darin herrscht Einigkeit unter den Befragten. Die Mehrheit von ihnen plädiert darum in ihrem Ausblick auf die Zukunft dafür, dass sich die Gesellschaft an der Finanzierung der Presse beteiligt - die kostenlos nicht zu haben sein wird, egal, ob sie noch auf Papier oder, so die breite Vermutung, hauptsächlich elektronisch verbreitet wird. Die Bürger müssten gewonnen werden, die Zeitungen zu unterstützen, lautet ein Vorschlag, auf Stiftungsmodelle zu setzen, ein weiterer; angeregt wird auch, Zugangsgebühren zum Internet durch die Provider zu erheben.

Die wichtigste Frage aber lautet, wie ein funktionierendes Geschäftsmodell im digitalen Zeitalter aussehen könnte, mit dem sich Geld verdienen lässt. Auch wenn es vielleicht in fünfzig Jahren noch Zeitungen gibt: Die Mehrzahl der Nachrichten wird elektronisch zum Leser kommen. Wird ein "ipod der Zeitungsindustrie" das elektronische Abo ermöglichen? Werden Zeitungen zu webbasierten Nachrichtenorganisationen, die sich zusammen mit Bloggern und anderen Bürgern eine social community aufbauen?

Darüber können auch die Experten nur spekulieren. Aber sie tun es hier auf eine Weise, die einlädt mitzudenken. Nur zwei Dinge scheinen sicher: Was Journalisten berichten, muss Relevanz haben. Und die Presse, wie wir sie kennen, ist bald "Vergangenheit", so Jeff Jarvis. Ihre Zukunft liegt allerdings noch im Nebel.

Besprochen von Vera Linß

Stephan Weichert, Leif Kramp, Hans-Jürgen Jakobs (Hg.): Wozu noch Zeitungen? Wie das Internet die Presse revolutioniert
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009
280 Seiten, 19,90 EUR