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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.12.2007

"Die Zeitung ist ein in sich übersichtlicher Kosmos"

FAZ-Herausgeber Schirrmacher: Zeitung und Internet ergänzen sich

Moderation: Matthias Hanselmann

Ein Mitarbeiter der Societaets Druck schaut in der Druckerei in Mörfelden-Walldorf in die neu gestaltete Frankfurter Allgemeine Zeitung. (AP)
Ein Mitarbeiter der Societaets Druck schaut in der Druckerei in Mörfelden-Walldorf in die neu gestaltete Frankfurter Allgemeine Zeitung. (AP)

Frank Schirrmacher sieht die Print-Medien nicht durch das Internet bedroht. Beide Medien würden sich ergänzen, glaubt der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Das Internet sei eine Echtzeit-Medieninstrument, die Zeitung biete hingegen einen übersichtlichen Kosmos und die Möglichkeit zu Besinnung und Resümee. Allerdings gebe es eine allgemeine Tendenz, die den Qualitätsjournalismus bedrohe.

Matthias Hanselmann: Das Internet verkommt zu einem Debattierclub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten, hieß es vor kurzem in der "Süddeutschen Zeitung". Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schrieb: Bloggen alleine genügt nicht, wer sich in die Öffentlichkeit begibt, sollte auch inhaltlich etwas mehr als Häme und Pöbelei zu bieten haben. Die Gegenseite lobt das neue Internet, das Web 2.0, als Mitmach-Internet, als demokratisch und vielfältig, Blogs, also Internet-Tagebücher und Journale, werden gepriesen als Plattform für all diejenigen, die sonst nie öffentlich zu Wort kommen. Klar ist, dass sich die Medienlandschaft täglich verändert durch das weltweite Netz, und wir sprechen mit Frank Schirrmacher, dem Herausgeber der eben zitierten Zeitung, jedenfalls der zweiten, nämlich der "FAZ". Guten Tag, Herr Schirrmacher!

Frank Schirrmacher: Hallo, Herr Hanselmann!

Hanselmann: Sie selbst haben sich ja früh in die Debatte eingeschaltet, haben auf Trends und Tendenzen im Internet und deren Folgen für den Medienmarkt hingewiesen und mussten schließlich Ihr Blatt auch durch schwere Zeiten führen. Wie geht es denn der "FAZ" heute?

Schirrmacher: Ja, man soll den Tag ja nicht vor dem Abend loben, aber das Jahr ist ja fast rum. Uns geht es gut, uns geht es sogar ziemlich gut. Und die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", die ja auch ein Printprodukt ist, die wir in der Krise gründeten, ist ein Beweis dafür, dass sogar Neugründungen im Print eine große Karriere haben können, denn der geht es geradezu spektakulär gut, sodass wir, was unser Haus angeht, einigermaßen zufrieden sein können. Aber überhaupt nicht wohlgefällig, denn die Tendenzen, die erkennt natürlich jeder, und die Tendenzen sind für Medien nicht so besonders optimal.

Hanselmann: Also, man muss auf der Hut bleiben sozusagen?

Schirrmacher: Absolut wachsam sein.

Hanselmann: Wie wichtig ist denn das Internet für die "FAZ"?

Schirrmacher: Man muss unterscheiden, wichtig für uns als Autoren, als Redakteure oder für die Leser. Als jeder, der schreibt, weiß jeder, ist das Internet unverzichtbar. Wir benutzen es permanent, wir sind ja auch im Internet stark verankert durch "FAZ.NET". Und auch "FAZ.NET" ist eine ganz wichtige Plattform der Zeitung, wird sogar im nächsten Jahr noch enger verzahnt mit der Printproduktion, wird hier gesehen als eine Ergänzung, das heißt als ein Mittel, um der gedruckten Zeitung, die für uns unverzichtbar ist, eine Ergänzung mit den neuen Mitteln des Internets zur Seite zu stellen, die sich dann auch all der Vorteile bedient, die das Internet hat.

Hanselmann: Aber gibt es nicht auch schon Bereiche auf "FAZ.NET", die die gedruckte Zeitung ersetzen?

Schirrmacher: Ja, ich glaube sogar, damit wir da gar nicht erst die falsche Debatte führen, nie würde ich sagen, dass bestimmte Dinge nicht ersetzbar sind. Sie werden im Bereich der Nachrichten sehr viel erleben, wo sich Nachrichten schon totgelaufen haben am Abend, wenn sozusagen die Zeitung noch gedruckt wird. Es gibt viele Dinge aus der unmittelbaren Aktualität, die im Internet schneller artikuliert werden können als in der Zeitung. Aber dann erst schlägt die Stunde der Zeitung.

Man darf sie nicht sehen im Sinne von "Habe ich diese Information schon oder habe ich sie nicht?", sondern die Tageszeitung ist diejenige, die alles noch mal auf Realitätsgehalt abklopft und abcheckt. Wie wir übrigens in den vergangenen Wochen ganz oft sahen, wenn auch auf ganz berühmten Nachrichten-Sites innerhalb von sechs Stunden permanent sich widersprechende, zum Teil auch Fehlmeldungen verbreitet worden sind. Das ist aber jetzt nur ein Beispiel aus der Nachrichtenwelt, man könnte noch viele andere nennen.

Hanselmann: Also früher stand das Neueste in der Zeitung, heute steht das Neueste im Internet und wird dann abgeprüft auf den Wahrheitsgehalt und abgeklopft durch die auf Papier gedruckte Zeitung. So könnte ich es zusammenfassen, oder?

Schirrmacher: Ich würde es so sehen, ich habe es gestern gerade wieder gedacht, als ich in einer Sache recherchierte: Das Internet hat per se kein Ende. Das Internet ist etwas, das können wir vergleichen mit einem Echtzeit-Medieninstrument. Nur - so sind Menschen nicht. Es gibt neben dem Echtzeit-Leben etwas, was tatsächlich eine Art von Resümee, Innehalten, Bestandsaufnahme geradezu erzwingt. Und dafür ist die gedruckte Zeitung. Wie auch das Buch übrigens, das ja sozusagen noch einmal eine Abart ist, absolut erzwingend.

Sie können es sich auch so vorstellen, rein formal, da gehen natürlich die Geschmäcker auseinander, aber ich finde, eine Zeitung, die gedruckt ist und formal den Kriterien einer gedruckten übersichtlichen Zeitung entspricht, also einer wie die "FAZ" oder die "Süddeutsche", ist auch ein in sich übersichtlicher Kosmos, was das Internet als Internet natürlich nie sein kann. Und deshalb wird es ja auch in Amerika konsequent als Instrument gesehen, als Hilfsmittel, als Ressource, und so sollten wir es, glaube ich, auch sehen.

Hanselmann: Deutschlandradio Kultur, das Radiofeuilleton, wir sprechen mit Frank Schirrmacher, dem Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", über mögliche Konkurrenz zwischen Internet und Printmedien, über die Veränderung der Medienlandschaft durch das Web. Herr Schirrmacher, am vergangenen Donnerstag haben wir hier im Radiofeuilleton mit Sascha Lobo gesprochen. Er ist eine Art Internet-Urgestein oder sagen wir vielleicht sogar "ein junger Wilder" des Internets, sein Blog "Riesenmaschine" hat im vergangenen Jahr den Grimme Online Award bekommen, und zur Zukunft der Zeitungen in Deutschland, da hat er uns Folgendes gesagt:

"Zum Zweiten glaube ich, dass das Gedruckte, die gedruckte Zeitung auf Papier, die tägliche, dass das in wenigen Jahren untergegangen sein wird. Die wird es einfach nicht mehr geben. Da wird das Internet dieses Medium komplett ablösen. Ich halte das für ein Märchen, dass das Internet das nur ergänzt und das wird es immer geben. Ich bin der absoluten Überzeugung, gedruckte Papierzeitungen, Informationen auf totem Holz, die man nicht ändern kann, die man nicht erweitern kann, die eine Halbwertzeit haben von zwölf Stunden, die immer die Nachrichten von gestern widerspiegeln und nicht die von jetzt, die sterben mit den Leuten, die daran gewöhnt sind."

Hanselmann: So denkt die, sagen wir mal, jüngere Internet-Szene, jedenfalls in Teilen, Herr Schirrmacher. Was glauben Sie? Also es ist natürlich eine harte Aussage.

Schirrmacher: Er sagt ja interessanterweise, und da stimme ich ihm ja völlig zu, die Nachrichten von jetzt. Das Internet ist ein ewiges Jetzt. Ich kenne diese Prognosen nur zur Genüge. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch erinnern, wie vor ein paar Wochen oder Monaten Second Life als geradezu neue Realität gepriesen wurde einer sich verdoppelten Existenz, ganz Titelgeschichten gab es darüber. Niemand spricht mehr über Second Life. Das ist übrigens verständlich, dass es, wenn eine neue Technologie entsteht, es zu so einem Überschwang kommt. Der ist auch notwendig.

Aber schauen Sie sich doch mal an die Substanz, und ich meine jetzt mit Substanz die nachrichtliche Substanz, ich meine jetzt nicht Blogs, sondern der Sites im Internet, die sich mit Journalismus und Ähnlichem, mit Politik, mit Kultur, mit Wirtschaft befassen. Zu über 90 Prozent ist die Urquelle dessen, worauf die sich beziehen, gedrucktes Material. Und das kann natürlich sein, dass sich das dann irgendwann mal anpasst. Es kann auch sein, dass viele Menschen, das merken wir ja alle in den Tageszeitungen, die drucken, dass viele Menschen irgendwann sagen, nee, ich brauche jetzt nur noch eine Zeitung oder ich brauche nur noch eine Zeitung in der Woche.

Das kann alles durchaus sein. Was ich nur sage, ist, die Existenz der Zeitung ist nicht etwa etwas, was jetzt sozusagen zeitlich überholt ist, sondern es ist eine Form des Denkens und Schreibens, die für eine moderne Gesellschaft weiterhin konstitutiv bleiben wird. Das ist eine Möglichkeit, Hans Blumenberg, der Philosoph, nennt es von Nachdenklichkeit, die nicht in diesem Jetzt ist.

Sie schreiben völlig anders, wenn Sie einen Artikel schreiben. Das stimmt auch nicht, dass der eine Halbwertzeit von zwölf Stunden hat. Ein Leitartikel, ein Kommentar beansprucht eine viel höhere Halbwertzeit. Sie schreiben und artikulieren sich anders, wenn Sie wissen, es geht in den Druck, es ist dann gedruckt und in der Tat nicht mehr veränderbar und damit auch nicht mehr manipulierbar, als wenn Sie das im Internet tun. Das erleben wir ja alle täglich, das ist unser tägliches Brot.

Hanselmann: Dennoch ist es denkbar, dass der Qualitätsjournalismus, den Sie ansprechen und den Sie ja auch immer fordern, im Internet immer inhaltlicher wird, immer besser recherchiert wird. Glauben Sie nicht, dass dann Druck entsteht auf die Printmedien?

Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wurde für seinen Bestseller "Das Methusalem Komplott" mit dem Buchpreis "CORINE 2004" ausgezeichnet. (AP Archiv)Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. (AP Archiv)Schirrmacher: Der Druck kommt, glaube ich, nicht so sehr von den Lesern oder den Rezipienten, und wenn es dieses Beispiel gäbe, würde ich ja Ihnen auch zustimmen, der läuft über die Märkte oder in diesem Fall über die Anzeigenmärkte. Das heißt, Qualitätsjournalismus braucht Geld, Qualitätsjournalismus muss finanzierbar sein. Und die Modelle, die wir bisher kennen, man kann natürlich sagen, das ist eine Übergangszeit, die Modelle, die wir bisher kennen, sind nicht finanzierbar, und zwar ausnahmslos nicht finanzierbar, so wie sie gerade aufgestellt sind. Wenn Sie bei "Spiegel Online" die "Spiegel"-Printredaktion wegstreichen, kommen Sie zu dem gleichen Ergebnis.

Nun können Sie sagen, das ändert sich irgendwann, und da sagen wir ja auch, wir werden viele unserer Ressourcen ins Internet stellen, wir werden auch im Internet eine tolle "FAZ" machen. Nur worauf ich bestehe, auch als Intellektueller, als Schreibender bestehe, ist, diese Modernisierungsgewinnler, die einem im Internet so höhnisch ständig vorhalten, dass man sozusagen im 19. Jahrhundert lebt, ich glaube, die verkennen das. Es wird - und nichts anderes haben wir ja immer gesagt - es wird keine Substitution, sondern eine sich zwei ergänzende Technologien geben.

Hanselmann: Und Sie werden "FAZ.NET" weiter ausbauen?

Schirrmacher: Ja, das wird im nächsten Jahr geschehen. Und lassen Sie mich noch diesen einen Hinweis zu dem Artikel von Bernd Graf machen in der "Süddeutschen Zeitung", das kann ich ja mal sagen, weil es ja die Konkurrenz ist, den ich sehr interessant fand. Er hat Recht in diesem einen Punkt, dass so viel unglaublich, neben guten Dingen, besonders tollen Journalisten-Blogs und Ähnliches im Internet, auch so viel negatives Karma in dieses Netz fließt, wenn Sie so wollen, so viele anonyme Häme, rufmörderische Geschichten und so, dass tatsächlich hier eher so eine Art innerer Einkehr auch da notwendig wäre bei all diesen Avantgardisten, die das so in Bausch und Bogen für das absolute Nonplusultra der Moderne halten, das sehe ich nicht so.

Hanselmann: Würden Sie eine Art Qualitätskontrollinstanz für das Internet fordern?

Schirrmacher: Nein, gar nicht, sondern da glaube ich eben an Dialektik. Ich glaube, die Qualitätsinstitutionen, die es in Deutschland gibt, sind das schon, auch wenn sie im Internet sind. Aber niemand kann verkennen, ich bin ja auch nicht blauäugig, dass wir im Augenblick, wenn Sie es so ein bisschen von der Ferne sehen, erleben wir tatsächlich auch eine Bedrohung von Qualität.

Schauen Sie sich an, wenn wir die Zahl bekommen, die kann niemand freuen, dass die "Tagesschau" nicht mehr verstanden wird oder dass die "Tagesthemen" nicht mehr gesehen werden, um mal vom Fernsehen zu reden. Das sind ja alles Qualitätsprodukte. Hier handelt es sich um Dinge, die haben nicht nur mit dem Internet zu tun, sondern das habituelle Veränderungen der Gesellschaft. Und da denke ich immer, um mal einen Satz Sigmund Freuds zu zitieren, wir wenigen sollten zusammenhalten, nämlich diejenigen, die auf Qualität im Journalismus, gleichwie ob im Internet, im Print, im Radio oder im Fernsehen, achten, dass die eben erkennen, dass sie eine unter Druck stehende Spezies sind.

Hanselmann: Herr Schirrmacher, ich habe am Schluss noch eine ganz kleine private Frage fast schon zu Ihrer persönlichen Laufbahn, denn wir haben gesprochen mit dem Berlin-Korrespondenten des Kress-Reports, der immerhin 350.000 Besucher pro Monat auf seiner Internet-Seite hat, und den haben wir gefragt, wie es denn aussieht, wer könnte denn der neue "Spiegel"-Chef werden:

"Frank Schirrmacher könnte es vielleicht machen, über den haben wir eben gesprochen. Ich weiß nicht, was er darüber denkt, und möchte da auch gar nicht drüber spekulieren. Aber viele kommen nicht infrage. Wir werden vielleicht alle überrascht sein von der Person, die dann letztlich Chefredakteur wird."

Hanselmann: Können Sie in 30 Sekunden sagen, was Sie darüber denken?

Schirrmacher: Ja, kann ich sagen. Ich sage Ihnen, der "Spiegel" ist eine wunderbare Institution, ein wunderbares Magazin, aber leider nichts für mich.

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