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Fazit | Beitrag vom 17.02.2019

"Die Zauberflöte" in BerlinMüde Späße mit Mozarts Marionetten

Von Uwe Friedrich

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Florian Teichtmeister (Papageno) und Serena Sáenz Molinero (Pamina) in der neuen "Zauberflöte" der Staatsoper Unter den Linden in Berlin (dpa / picture alliance / Thomas Bartilla / Geisler-Fotopress)
Florian Teichtmeister (Papageno) und Serena Sáenz Molinero (Pamina) in der neuen "Zauberflöte" der Staatsoper Unter den Linden in Berlin (dpa / picture alliance / Thomas Bartilla / Geisler-Fotopress)

In der Berliner Staatsoper hängen, zappeln und fliegen die Sängerinnen und Sänger der "Zauberflöte" an Marionettenfäden. Regisseur Yuval Sharon wollte eine ganz neue Idee bieten − doch die Inszenierung wirkt wie eine Parodie der Augsburger Puppenkiste.

Die Zauberflöte sieht aus wie eine Miniaturrakete, das Glockenspiel wie Christbaum- oder Klangkugeln, die beim Schuhplatteln oder Schütteln klingeln. Schon klar, eine gewöhnliche Flöte oder ein herkömmliches Glockenspiel sollten es auf keinen Fall sein, sondern etwas Originelles musste her für den Regisseur Yuval Sharon und sein Ausstattungsteam mit der Bühnenbildnerin Mimi Lieb und dem Kostümbildner Walter van Beirendonck.

Bei ihrer Suche nach einer nie dagewesenen Idee für die neue "Zauberflöte" an der Berliner Staatsoper stießen sie vielleicht auf die DVD‘s des Salzburger Marionettentheaters, vielleicht auf Heinrich von Kleists berühmten Aufsatz über das Marionettentheater, vielleicht auch auf beides. Jedenfalls stellen sie jetzt ein Papiertheater auf die Bühne und hängen fast das gesamte Ensemble an Marionettenfäden, um sie nach Lust und Laune jedoch nicht mit besonders viel Sinn und Verstand herumzappeln und -fliegen zu lassen.

Keine Chance, Persönlichkeit zu entwickeln

Anders als gut geführte Marionetten haben diese umherfliegenden Sänger allerdings keine Chance, eine Persönlichkeit zu entfalten, vielmehr agieren sie wie eine überdehnte Parodie der Augsburger Puppenkiste. Zugegebenermaßen ist die "Zauberflöte" ein dramaturgisch recht inkonsistentes Werk, ein wildes Gemisch aus Zauberoper, Aufklärungstheater, Freimaurerphilosophie und konventioneller Liebesgeschichte, die kaum miteinander verbunden sind. Keinen dieser Erzählstränge zu verfolgen, ist da in gewisser Weise auch eine Errungenschaft, allerdings eine, die schnell Langeweile verbreitet.

Die neue Zauberflöte an der Staatsoper Berlin: Julian Prégardien (Tamino) und Tuuli Takala (Königin der Nacht).  (Monika Rittershaus)Die neue Zauberflöte an der Staatsoper Berlin: Julian Prégardien (Tamino) und Tuuli Takala (Königin der Nacht). (Monika Rittershaus)

Weil auch die Dirigentin Alondra de la Parra keine Energie hinzufügen kann, kämpfen die Sängerinnen und Sänger in diesem unfreundlichen Ambiente weitgehend für sich allein. Selbst die Schlüsselmomente wie Paminas "Ach ich fühl’s" oder das Duett nach "Tamino mein" ziehen ohne jeden Stimmungswechsel, ohne Klangfarbenfantasie, ohne jeglichen Gestaltungsehrgeiz der Dirigentin vorbei. Gegen die bleierne Ödnis aus dem Orchestergraben können sich Tuuli Takala (Königin der Nacht) und Serena Sáenz Molinero (Pamina) noch am besten profilieren, alle anderen Sänger haben mehr oder weniger große Probleme.

Zur Prüfung in die Einbauküche

Vollkommen auf verlorenem Posten kämpft der Schauspieler Florian Teichtmeister als Papageno, der einige unfaire Buhs abbekommt, weil er als Marionette in dieser Produktion seine Stärken als Volksschauspieler nicht nutzen darf, sondern nur als unzureichender Sänger wahrgenommen wird.

Kurz vor Schluss hat Regisseur Sharon nach allem Marionettengezappel doch noch einen Regieeinfall: Die Geharnischten nehmen Tamino und Pamina die Marionettenfäden ab und schicken sie zur Prüfung in eine Einbauküche. Hier müssen sie einen Gasherd anzünden (Feuer) und den Abwasch machen (Wasser). "Das wird schon" möchte man den beiden zurufen, "Ihr schafft das!"

Mit den existenziellen Fragen, die eine Neuproduktion an Mozarts "Zauberflöte" stellen müsste, haben die müden Späße allerdings nichts zu tun. Man darf sich also wundern, wie ein Berliner Opernhaus so töricht sein kann, die längst begrabene Diskussion um Spielplandoubletten und -tripletten nun gar mit einer Quadruplette wiederzubeleben. Denn die alte Staatsoperninszenierung von August Everding in den Schinkel-Dekorationen wird Unter den Linden weitergespielt − als hätte die Intendanz dem neuen Regieteam von vornherein nicht zugetraut, etwas Besseres hinzubekommen.

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