Die Widerständigen

Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst (v.l.n.r.), der Münchener Widerstandsbewegung "Weiße Rose" © AP Archiv
Von Thomas Kroll · 24.01.2009
Der Tom-Cruise-Film "Operation Walküre" über den Attentäter Graf von Stauffenberg sorgte schon lange vor dem Kinostart für Aufsehen. Ebenso viel Aufmerksamkeit hätte der kleine, feine Dokumentarfilm "Die Widerständigen" von Katrin Seybold verdient. Er ist ein eindrückliches Zeitzeugnis über die Widerständler der "Weißen Rose".
Traute Lafrenz-Page: "Das letzte Wort, was ich immer noch erschütternd höre, war, Sophie rief mir dann nach: 'Du hör mal zu: Die Skistiefel, die stehen jetzt hinten auf’m Gang bei mir. Wenn ich heute Nachmittag nicht zu Hause bin, dann hol sie dir, dann nimm sie dir wieder.' Das war das letzte, was ich von Sophie je gehört habe."

Spürbar bewegt erinnert sich Traute Lafrenz-Page an ihre letzte Begegnung mit Sophie Scholl. Lafrenz-Page war die Freundin von Sophies Bruder Hans. Wie die Geschwister Scholl zählte auch sie mit zur Widerstandsorganisation "Weiße Rose".

Traute Lafrenz-Page: "Und das erste Mal wie ich die Flugblätter gesehen hab, war mir klar, dass der Inhalt was zu tun hatte mit unseren Abenden oder unseren Meinungen oder unseren Bekanntschaften. Was wirklich mich so, so erschüttert hat, war das Zitat von den Sprüchen von Salomon, das unsere Lehrerin mit uns auswendig gelernt haben und gesprochen haben. Und das war dann da auch drin."

Im vierten Flugblatt der "Weißen Rose" zitieren die Verfasser Hans Scholl und Alexander Schmorell zwei Verse aus dem Buch Kohelet. Die kann Traute Lafrenz-Page auch heute noch auswendig:

"Ich wandte mich und sah alles Unrecht, das geschah auf der Erde - oder unter der Sonne -, und siehe, da waren Tränen derer, die Unrecht litten und hatten keine Tröster. Und die ihnen Unrecht taten, waren zu mächtig, sodass sie keinen Tröster haben konnten. Da lobte ich die Toten, die schon gestorben waren, mehr als die Lebendigen, die noch das Leben hatten."

Franz J. Müller: "Ich wusste: Das ist das Todesurteil, wenn wir da einsteigen. Das war klar. Das war ganz klar, dass wir dem nicht lebend entkämen, wenn’s aufkommt, dass wir da drin sind. Und zu gleicher Zeit war es das tiefe Durchatmen. Endlich eine öffentliche Stimme, die die Wahrheit sagt."

Hans Hirzel: "Und wir haben zu einem mindestens wesentlichen Teil das Beschriften der Flugblätter an einem Ort gemacht, der dafür geeignet war. Das war die Empore der Orgel der Martin-Luther-Kirche, in der mein Vater Pfarrer war."

Franz J. Müller. "Und da hinter der Orgel hatte er dann ein kleines Licht eingerichtet, war 'ne Schreibmaschine. Das konnte man nicht ohne Weiteres entdecken, und es fiel überhaupt nicht auf, wenn wir in diese Martin-Luther-Kirche gingen. Kann auch sein, ich erinner’ mich nicht mehr, dass der Hans Hirzel hier und da 'Ein feste Burg ist unser Gott' zuerst gespielt hat."

Franz Müller und Hans Hirzel zählten beide zum Ulmer Freundeskreis der Geschwister Scholl.

Das Vorgehen der Nazis gegen die "Weiße Rose" war Chefsache. Die Geschwister Scholl sowie Christoph Probst werden im Februar 1943 kurz nach ihrer Verhaftung enthauptet. Alexander Schmorell, Willi Graf und Professor Kurt Huber ereilt wenige Monate später ebenfalls das Todesurteil. Im selben Prozess unter Vorsitz von Roland Freisler werden Franz Müller und Hans Hirzel zu je fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

Hans Hirzel: "Huber hat auf seine Art es verstanden, diesem Prozess endlich das Niveau zu geben, das er von Anfang an hätte haben müssen. Und nun sagt er am Ende: Sie haben Fichte erwähnt. Wir alle kennen das Wort von Fichte:
'Und handeln sollst Du so, als hinge
von Dir und Deinem Tun allein
das Schicksal ab der deutschen Dinge
und die Verantwortung wär Dein.'
So haben wir zu handeln versucht. Ich werde ihm immer dafür dankbar sein."

Mit ihrem Film "Die Widerständigen" rettet Katrin Seybold persönliche Erinnerungen der Überlebenden ebenso vor dem Vergessen wie die Perspektive der Opfer. Die Vernehmungsprotokolle der Gestapo und andere Dokumente der Täter haben nicht das letzte Wort.

Deutlich werden auch die christlichen Motive für das Handeln der "Weißen Rose". Anneliese Knoop-Graf, die Schwester von Willi Graf, erklärt:

"Mein Bruder hat sich ja Zeit seines Lebens ganz stark mit religiösen Fragen beschäftigt. In der Nachfolge Christi zu leben, war für ihn (. . .) die wichtige Richtschnur seines Lebens."

Katrin Seybolds Dokumentarfilm lässt ferner erkennen: Die Aktivitäten der "Weißen Rose" beschränkten sich weder auf München noch auf den süddeutschen Raum.

Traute Lafrenz-Page: "Nie hat Hans mir gesagt: Du, hier sind die zweihundert, jetzt nimm die mal mit nach Hamburg. Das hab ich aus eigener Initiative gemacht."

Jürgen Wittenstein: "Und ich habe die Flugblätter nach Berlin gebracht, denn (. . .) Hartert (. . .) sollte dort eine Widerstandsgruppe gründen und dort die Flugblätter vervielfältigen und (. . .) verteilen."

Soweit Traute Lafrenz-Page und Jürgen Wittenstein vom Münchner Freundeskreis.

Knapp ein Dutzend Zeugen hat Katrin Seybold in den vergangenen gut zehn Jahren befragt für ihr feinfühliges Porträt der "Weißen Rose". Darin kombiniert sie Originaldokumente, zumeist Fotos, mit Selbstaussagen der Mitwisser, Helfer und Mitangeklagten. Manche sind inzwischen tot, die Lebenden sind achtzig, bald neunzig Jahre alt. So ist der Film "Die Widerständigen" zugleich eindrückliches Bekenntnis, bewegendes Zeitzeugnis und unaufdringliches Vermächtnis.

Die Filmemacherin schreibt im Presseheft:

"Meine Befragungen, 60 Jahre später, sind (. . .) Mosaiksteine, Facetten des Widerstands der Weißen Rose aus heutiger Sicht. ... Ich sehe mich nicht als Dokumentaristin oder Chronistin, höchstens als 'Festhalterin', ich halte etwas fest, weil es sonst verschwindet. Und daraus ergibt sich meine Form: 'Wenn einer spricht, wird es hell', dieses Wort Sigmund Freuds gilt immer noch."