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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.05.2011

Die Welt und ihr Double

Konferenz am Bauhaus Dessau über die Kultur der Rekonstruktion

Von Adolf Stock

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Das Bauhaus wurde 1926 nach Plänen von Walter Gropius errichtet und zählt zum Weltkulturerbe der Unesco. (AP)
Das Bauhaus wurde 1926 nach Plänen von Walter Gropius errichtet und zählt zum Weltkulturerbe der Unesco. (AP)

Zwei Tage lang wurde bei der Tagung "Die Welt und ihr Double" am Bauhaus Dessau über die Kultur der Rekonstruktion debattiert. Nun schon zum sechsten Mal trafen sich Vertreter von Weltkulturerbe-Stätten aus Sachsen Anhalt – die Stiftung Bauhaus Dessau, das Biosphärenreservat Mittelelbe und die Stiftung Luthergedenkstätten. Auch die Hochschule Anhalt und das Umweltbundesamt nahmen teil.

Die Fotografin Sophie lebt heute in Paris. Sie hat als junges Mädchen den Zweiten Weltkrieg erlebt und die schweren Jahre danach. In Filme über die Nazi-Zeit geht sie nicht mehr. Die Frauen haben im Kino ihr Kopftuch fast immer falsch geknotet, und wenn ein so kleines Detail nicht stimmt, dann ist dem Rest auch nicht zu trauen.

Auf der Dessauer Tagung hat niemand über Filme gesprochen, aber mit rigorosen Argumenten kannten sich die Referenten ganz gut aus. Vor allem wenn es um architektonische Fragen geht, wird über Original und Fälschung heftig gestritten. Der Streit um die Rekonstruktion der Dessauer Meisterhäuser war dann auch ein Grund, weshalb sich Philipp Oswalt, Leiter der Stiftung Bauhaus Dessau, über das Thema Rekonstruktion mit Vertretern anderer Fachrichtungen austauschen wollte:

"Es gibt ganz unterschiedliche Formen, Rekonstruktionen zu machen, aus unterschiedlichen Motiven und auch mit unterschiedlichen Ergebnissen. Es ist eine kulturelle Praxis, die es seit Menschengedenken gibt, in der Architektur wie auch in anderen Dingen des Lebens, in ihnen spielen Werte, Glaubensfragen, Anschauungen eine Rolle, und die gilt es zu verhandeln und zu verarbeiten."

Rekonstruiert wird überall: Psychoanalytiker rekonstruieren Erfahrungsprozesse, um seelische Wunden zu heilen, Naturschützer rekonstruieren historische Flusslandschaften, um sich gegen drohende Überschwemmungen zu wappnen, und längst ausgestorbene Tierarten werden rekonstruiert, damit wir ihnen in Museen oder anderswo noch einmal begegnen können. "Denken Sie an das Urpferdchen", sagt Ulrich Schwarz, der das Berliner Naturkundemuseum neu gestaltet hat:

"Es ist eigentlich ein Wildschwein. Es hat das Fell von einem Wildschwein bekommen und ist nachgebildet als Idee, wie es ausgesehen haben mag, anhand von versteinerten Skeletten. Also wieder wissenschaftliche Arbeit, aber populär vermittelt."

Bei Rekonstruktionen sind stets Interpretationen mit im Spiel, es besteht immer eine Differenz zum Original, erläutert Walter Prigge von der Stiftung Bauhaus Dessau:

"Auch bei dem Nachspielen, bei den Cover-Bands, wenn die also die Beatles nachspielen oder Elvis nachspielen, ist ja auch nicht nur, dass man kopiert, sondern man führt es noch mal auf und positiviert sozusagen den Ursprung, den Ausgangspunkt."

Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zu den Ritualen und religiösen Handlungen, die der Rekonstruktion der Gottesnähe dienen. Authentische Architektur spielt dann keine wichtige Rolle mehr. In der Lutherstadt Eisleben ist alles Fake, erläutert die Paderborner Kulturwissenschaftlerin Eva-Maria Seng: Luthers Geburtshaus ist ein Neubau, und im angeblichen Sterbehaus ist der Reformator überhaupt nicht gestorben.

Eva-Maria Seng: "An solchen Beispielen sieht man, dass es offensichtlich ein Grundbedürfnis gibt für Menschen, Orte des Gedenkens, des Erinnerns aufzusuchen, das finden Sie auch bei Dichtern oder bei Philosophen. Aber dann kommt natürlich bei Martin Luther noch etwas hinzu, dass es ein religiöses Moment gibt, das nicht manifest ist in einem Gebäude, sondern das spielt sich in der Person selbst ab."

Wer rekonstruiert, will auch die Deutungshoheit über die Vergangenheit gewinnen. Dabei geht es oft um Macht und Einfluss. Das Berliner Schloss oder der Palast der Republik? Das sind nicht nur ästhetische Fragen.

In Dessau gab es jahrelang einen heftigen Streit über die Rekonstruktion der Gropius-Villa. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg zerstörten und gehört zum Ensemble der Meisterhäuser, die heute als Zeugnis der Bauhaus-Moderne auf der Liste des Weltkulturerbes stehen. Auf das Fundament der zerstörten Villa wurde 1952 ein biederes Häuschen mit Satteldach gestellt: Abreißen und rekonstruieren, oder soll der DDR-Bau erhalten bleiben?

Walter Prigge von der Bauhaus-Stiftung skizziert das Problem:

"Wir haben es hier mit einem verschwommenen, unscharfen Ausgangsmaterial zu tun, nämlich die Erinnerung an schwarz-weiße Bilder, an diese Villa, von der wir sonst wenig Daten haben, die eine Exaktheit möglich machen."

2010 wurden die Architekten José Guttierrez Marquez und Donatella beauftragt, eine neue Gropius-Villa zu bauen.

José Guttierrez Marquez: "Das Wort Erinnerung ist vielleicht der richtige Schlüssel für diese Aufgabe. Wir wissen, dass wir uns nie genau erinnern können, das ist auch nicht wichtig. Man kommt nie zurück auf die Vergangenheit, genau wie die Vergangenheit war. Wie kann man trotzdem eine Verbindung mit dieser Vergangenheit etablieren, und wie kann man damit umgehen?"

Jetzt wird gebaut, Walter Prigge blickt schon mal nach vorn. So wird die Gropius-Villa in Zukunft aussehen:

"Je näher man tritt, desto mehr sieht man, dass es eben doch nicht das Historische ist, und dadurch unterscheidet sich diese Rekonstruktion doch sehr von den Rekonstruktionen nebenan, denn die anderen Gebäude von Walter Gropius, die Meisterhäuser, sind ja dann mehr oder minder Eins-zu-Eins-Rekonstruktionen. Und das spielt eben darauf an, zu sagen, unsere Erinnerungen sind nie scharf, sie sind immer etwas unscharf, und das versuchen die zu bauen, könnte man sagen, genau das versuchen sie zu bauen."

So subtil geht es nur selten zu. Bauherren wie Bürger geben sich oft mit weniger zufrieden. Ein historischer Film muss überhaupt nicht authentisch sein. Er soll unser Herz erweichen und eine spannende Story haben. Nur so und nicht anders will man Sissi und Ludwig im Kino sehen. Und die rekonstruierten Städte sehen kaum anders aus: Falsche Fachwerkhäuser in Frankfurt am Main, ein neues Schloss für Berlin, Venedig in Las Vegas. Warum denn nicht, sagt sich der Tourist, solange der Cappuccino gut ist, mit perfekt aufgeschlagenem Schaum und ohne diese grässlichen Sahnehäubchen.

Links zum Thema:
Bauhaus Dessau
Stiftung Luthergedenkstätten
Fachhochschule Anhalt

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