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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.02.2011

Die Weiterentwicklung einer Handschrift

Zwei Ausstellungen in Hamburg befassen sich mit Gerhard Richter und Künstlern, die er inspirierte

Von Anette Schneider

In einem Jahr wird Gerhard Richter 80 Jahre alt - doch das Bucerius Kunst Forum eröffnet den zu erwartenden Ausstellungsmarathon schon jetzt mit der Schau "Bilder einer Epoche". Einen Kilometer Luftlinie weiter beschäftigt sich die Hamburger Kunsthalle ab nächster Woche mit jungen Künstlern, die Richters Methode der Unschärfe aufgreifen.

Ein Kronleuchter. Der Blick auf ein rasendes Motorboot mit High-Society-Leutchen. Angeschnittene Luxuswagen mit Werbetext. Eine trauernde Mrs. Kennedey.

In den 60er-Jahren malte Gerhard Richter zahlreiche meist grau-weiße, verschwommene Bilder nach Fotos aus Illustrierten, die ihn berühmt machten. Bisher galten die Motive als ebenso banal, wie ihre Vorlagen. Kurator Uwe Schneede, der diese Arbeiten in den Mittelpunkt seiner Ausstellung stellt, widerspricht dem nun.

"Gerhard Richter hat selbst sehr lange behauptet, dass seine Einstellung eigentlich lange sehr indifferent gewesen sei zu den Vorlagen aus Zeitschriften oder Familienalben, die er benutzt hat. (...) Aber tatsächlich - und inzwischen gibt er auch zu, dass es eine Schutzbehauptung war, - zeigt sich ganz deutlich, und das ist die Absicht dieser Ausstellung, dass Richter eigentlich, ohne es von vornherein zu konzipieren, doch das Bild einer Epoche - nämlich der 60er-Jahre - entworfen hat, dadurch dass er auf ganz wesentliche Momente, die einfach diese Zeit charakterisieren, mit seinen Motiven eingegangen ist."

Richter löste seine Szenen aus Illustriertenfotos heraus und monumentalisierte sie: So bedeuten Bilder von Promis auch die Lust am Glamour. Motorboot und Sportwagen können als Symbole für die boomende Nachkriegswirtschaft gelesen werden. Die Betonung liegt auf "können", denn stets entzieht sich Richter eindeutigen Aussagen.

"Er wollte damals - in den 60ern - nicht zu den kritischen Realisten gehören. Er ist auch kein kritischer Realist. .... Also um gewissermaßen diese eigene Position zu sichern, hat er behauptet, dass es um die Malerei ginge, und nicht ums Motiv, und wir sehen heute: Es ging sehr wohl um die Malerei. Aber es ging ebenso um die Motive, um den Glamour der 60er-Jahre, auch um das Wirtschaftswunder, und auch um politische Geschehnisse."

Letzteres wird am deutlichsten an zwei Bildern von Jagdbombern: So malte Richter einen startenden us-amerikanischen Atombomber. Und einen bundesdeutschen Senkrechtstarter, der - 1964 entwickelt - abgestürzt war.

""Also: Es geht sehr wohl um die Agressivität militärischen Wesens. Und es geht genauso gut ums Scheitern. Und das passiert in einer Zeit, in der ja tatsächlich der Vietnamkrieg eskaliert, ein Atomkrieg überall droht und die USA ihre Truppen aufrüsten."

Doch auch hier übt Richter keine Kritik, sondern wählt die Position eines neutralen Chronisten. Die überzeugt am ehesten bei dem 1988 entstandenen RAF-Zyklus, der im ersten Stockwerk hängt: Richter zeigt die Erschossenen und Erhängten extrem verschwommen, sie - und mit ihnen alle noch ungeklärten Fragen - scheinen einen regelrecht zu bedrängen.

Uwe Schneede: "Er nimmt sich Motive aus der RAF - die Personen der RAF - vor. Aber er tut es auf eine Art und Weise, die nicht verurteilt - selbstverständlich auch nicht vergöttert -, aber in Erinnerung ruft, dass es da für uns immer noch völlig ungeklärte Probleme gibt. Etliche dieser Morde sind ja bis heute nicht aufgeklärt."

Neue Lesart hin oder her - gerade durch ihren betont-neutralen Chronistencharakter haftet Richters Bildern etwas Braves an. Ganz anders bei den jungen Künstlerinnen und Künstlern, die ab nächster Woche in der Kunsthalle zu sehen sein werden: Sie greifen Richters Methode der Unschärfe auf und entwickeln sie weiter für ihre Probleme. Vor allem treibt sie die Frage um: Gibt es überhaupt noch "wirkliche" Bilder, wenn binnen Sekunden jedes denkbare Bild am Computer hergestellt werden kann?
Kurator Daniel Koep:

"Das ist natürlich eine immer zutiefst beunruhigende Frage: Es gibt gar nichts Wirkliches mehr. Auch wenn ich ein tolles Bild produzieren kann, hat es keinen Ursprungspunkt mehr. Das ist ein Verlust. Das ist, glaube ich, auch eine Angst. Aber auf der Gegenseite gibt es den Künstlern auch unendliche Möglichkeiten: Die können heute experimentieren und Bilder machen, weil sie produzieren wie es für alte Meister nicht möglich war."

Keine der Arbeiten lässt sich auf den ersten Blick erfassen: Mal werden Unschärfen bedrohlich eingesetzt - wie bei Ernst Voller, der bekannte Pressefotos extrem verfremdet. Mal wirken sie heiter-surreal, wie bei Karin Kneffels anscheinend schwebendem Tisch. Oder sie verwirren völlig, wie die Landschafen von Paul Winstenly: Auf großen, wie gemalt wirkenden Bildern erahnt man ein Wäldchen, begreift irgendwann, das die hellen Schlieren davor eine Gardine sein könnten, blickt also aus einem Fenster - oder etwa auf einen Computerbildschirm? Vielschichtig wie diese Bilder sind auch ihre Entstehungsprozesse.

"Eines, was immer häufiger wird, ist, dass die Künstler sämtliche Techniken mischen: Also man kann in einem Bild zeichnen, fotografieren, dann kann man es scannen und auf die Leinwand projezieren, das wiederum kann man abmalen, am Computer noch einmal verfremden, das ist eine endlose Schleife, in der das Original verloren geht (...). Und man kann auch die Technik nicht mehr nachvollziehen."

Unschärfen und Verschlierungen drücken oft ein tiefes Unbehagen aus gegenüber der uns täglich überflutenden Bildermassen und der Schnelllebigkeit unserer Zeit. Doch wo Richter lediglich "notiert", beziehen diese Künstler Stellung: Fragwürdigen Entwicklungen setzen sie Eigenes entgegen. Sogar Poetisches. Michael Wesely etwa zeigt auf einem großen Foto eigentümlich geschwungene, gelbe Schlieren. Es sind abgefallene Blütenblätter, die Wesely mit einer Spezialkamera fünf Stunden lang belichtete, derweil sie vor dem Objektiv vertrockneten und sich einrollten. So sieht der Betrachter plötzlich vergehende, vergangene und festgehaltene Zeit.

Auch Wolfgang Kessler beharrt auf Langsamkeit: Er fotografiert aus fahrenden Zügen Fabriken und öde Vororte und überträgt die in Bruchteilsekunden entstandenen, verschwommenen Bilder - in Malerei.

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