"Die Wege vom Kollaborateur zum Widerständler waren kurz - und reversibel"

Ihr Ziel war der eigene Staat - um jeden Preis. Dabei setzten sie vor allem auf Terror. Ausführlich und informativ beschreibt der polnisch-deutsche Historiker Frank Golczewski die grotesken Beziehungen zwischen deutschen und ukrainischen Nationalisten zwischen 1914 und 1939.
Die Ukrainer – für die meisten Deutschen sind sie heute ein beliebiges Volk im Osten. Kaum jemand ahnt: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts existierten intensive Kontakte zwischen den Wortführern der Deutschen und der Slawen, und zu jener Zeit waren die Ukrainer ein gespaltenes Volk, eine Minderheit in mehreren Staaten – bis 1918 in Österreich und Russland lebend, dann in Polen, der Tschechoslowakei, der Sowjetunion. Erst 1991 wurde das Land dauerhaft unabhängig.

Ukrainische und deutsche Nationalisten vereinte das Gefühl, von den Nachbarn unterdrückt zu werden. Mit dem Ersten Weltkrieg entstand deshalb eine bizarre Symbiose, geprägt von Eigennutz, Falschheit und Verrat. Die östlichen Separatisten – untereinander heftig zerstritten – wollten mit deutscher Hilfe einen Nationalstaat errichten. Deutsche Strategen erzogen ukrainische Kriegsgefangene zu Rebellen gegen Russen und Polen, und sie gierten nach der "Kornkammer" im Osten. Ab 1920 führten Ukrainer in Galizien einen Guerillakrieg gegen die Republik Polen. Ab 1923 gab es dafür Unterstützung von der Reichswehr, später von der Wehrmacht. Kritiker lästerten irgendwann, der ukrainische Nationalismus sei schlicht eine Erfindung der Deutschen.

Der 1948 geborene polnisch-deutsche Historiker Frank Golczewski hat die grotesken Beziehungen nun in einem tausendseitigen Werk ergründet; es ist die erste umfassende und kritische Darstellung des Stoffes. Er beschreibt, wie die ukrainischen Unabhängigkeitskämpfer ihr Ziel, den eigenen Staat, um jeden Preis durchzusetzen versuchten. Sie setzten auf Terror, ihr Leitprinzip hieß "Amoralnist", Unmoral, sie waren bereit, mit jedem Feind ihrer Feinde zu paktieren. Trotz dieser Skrupellosigkeit wirkten die ukrainischen Umstürzler jedoch naiv – wie wollten sie die Deutschen, wären sie erst einmal im Land, wieder loswerden? Die deutschen Machtpolitiker ihrerseits spielten ein falsches Spiel mit den Ukrainern und dies immer wieder. Sobald imperialistische Taktik es erforderte, wandten sie sich gegen die angeblichen Verbündeten.

Golczewski beschreibt mit seiner deutsch-ukrainischen Geschichte einen der verschlungenen Pfade, die in den Zweiten Weltkrieg führten. Es ist ein verdienstvolles Werk, eine Fleißarbeit – aber leider mit einem deftigen Mangel: Es ist in einer nicht leicht zu lesenden Wissenschaftlersprache geschrieben, auch hätte eine kräftige Straffung dem Opus gut getan. Historischen Laien wird die Lektüre unnötig erschwert.

Das Buch endet mit dem Überfall auf Polen 1939. Wie die unheilvolle Beziehung vieler Ukrainer zu den Deutschen weiterging, wissen wir ungefähr: Kollaborationen im Zweiten Weltkrieg, gemeinsame Massakern an Juden, andere Ukrainer kämpften als Partisanen gegen die deutschen Besatzer; die Ambivalenz der Kontakte verstärkte sich. "Ukrainer waren Häftlinge und Bewacher von Konzentrationslagern, sie wurden exekutiert und exekutierten", schreibt Golczewski. "Die Wege vom Kollaborateur zum Widerständler waren kurz — und reversibel." Diese Wege zwischen 1939 und 1945 will der Verfasser in einem Folgeband erforschen. Spannender Stoff, abermals. Den Stil werden Autor und Lektor hoffentlich überdenken.

Besprochen von Uwe Stolzmann.

Frank Golczewski: "Deutsche und Ukrainer 1914–1939",
Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2010, 1088 Seiten,
98.00 Euro